Forschung

 

Institut für Naturwissenschaften und Mathematik - INM

Was verbindet Mathematik und Kunst?

Das INM veranstaltete nun schon zum 5. Mal einen Vortrag in der Vortragsreihe Mathematik. Am 21. November sprach Professor Dietmar Guderian über Mathematik und Kunst der Gegenwart – Wege zu Kreativität und Intuition.

In seinem kurzweiligen Vortrag erläuterte D. Guderian, mit welchen mathematischen Methoden Künstler arbeiten, um ihre Kunst­werke ansehnlich zu gestalten. Er zeigte insbesondere, wie Vertreter der konkreten Kunst (u. a. A. Stankowski, M. Bill) geometrische Abbildungen (Spiegelungen, Drehungen, Parallelverschiebungen), zyklische Farbfolgen, Farbflächengleichheit einsetzen, um ihre Werke zu ordnen und zu strukturieren, wie Parallel­projektionen und additive Verknüpfungen bei digitalen Fotomontagen verwendet werden, wie E. Gomringer in seinem Gedicht „irish“  durch Achsensymmetrie und Kombinatorik Wohlgefallen erzeugt.

Die Zuhörer erfuhren, wie Kodierungen auf unterschiedliche Weise in die Gegenwartskunst eingehen, wie z. B. aus Strichcodes ein Kunstwerk wird (J. Linschinger), wie A. Herbin Buchstaben durch Farben und geometrische Formen codiert, wie A. R. Penck selbst definierte Symbole in seinen Werken ein­setzt, wie ARTPLOSION mit Graffitis arbeitet  oder wie K. Panzer (PerZan) den Gencode von Organismen durch Farben visualisiert. Mit seinen Projekten eröffnet K. Panzer insbesondere einen neuen Zugang zum Inhalt genetischer Informationen, u. a.  in Zusammenarbeit mit der Charite Berlin.

D. Guderian erklärte ferner, wie Kunstwerke aus sogenannten „Modulen“ (kleinsten Einheiten), aufgebaut werden, wie z. B. W. Cooper Stäbe bei der Lichtgestaltung der Innbrücke bei Wernstein/ Neuburg verwendet oder wie Quadrate benutzt werden, um Einsamkeit zum Ausdruck zu bringen.  Das Modul „Quadrat“ wurde schon vor ca. 1000 Jahren beim Bau von Kirchen verwendet (Grundriss des Doms in Worms).

Des Weiteren wurde gezeigt, wie Fibonacci-Zahlen in die Kunstwerke von R. Mields (Evolution: Progression und Symmetrie) und M. Merz (Fibonacci-Spirale) eingehen, wie R. Mields mit Primzahlen arbeitet (Das Sieb des Eratosthenes), wie Fraktale in das Werk von K. Gerstner einfließen (Hommage an Benoît Mandelbrot) und wie G.  Richter mit „gelenktem Zufall“ ein Glasfenster im Kölner Dom geschaffen hat.

Gegen Ende seines Vortrags stellte D. Guderian vor, wie der holländische Künstler G. Caris  in  seinen Bildern und Skulpturen „mathematisch Unmögliches“ scheinbar möglich macht, indem er regel­mäßige Fünf­ecke in der Ebene und Dodekaeder im Raum zu komplexen Strukturen zusammenfügt (Täuschung). Dabei fasziniert besonders, dass der israelische Forscher Daniel Shechtman 1982 tatsächlich Fünfersymmetrien in kristallinen Strukturen, den sogenannten Quasikristallen, entdeckte, die Caris bereits Anfang der siebziger Jahre in seinen Kunstwerken geschaffen hatte. Shechtman erhielt dafür 2011 den Nobelpreis für Chemie.

Das INM dankt Professor Guderian für seinen sehr interessanten Vortrag.

(Fotos: J. Sum)

Einladung zur Vortragsreihe Mathematik im Wintersemester 2012/13

Professor Dietmar Guderian

Pädagogische Hochschule Freiburg

spricht über

Mathematik und Kunst der Gegenwart -

Wege zu Kreativität und Intuition

am Mi., den 21. November 2012 um 18.00 Uhr s.t. in der Aula.

Mathematik und Kunst unterscheiden sich in  ihren Ergebnissen und ihrer Wahrnehmung durch die Öffentlichkeit wesentlich. Aber es gibt auch Gemeinsamkeiten: Der mathematische Forscher und der Künstler sind auf Kreativität und auf Intuition angewiesen. Mathematiker und insbesondere konstruktiv arbeitende Künstler strukturieren, ordnen, suchen Ähnlichkeiten in ihnen bereits Bekanntem, verschieben, drehen, spiegeln, vergrößern virtuell (im Geiste) und in der Realität, hoffen auf zufällige Eingebung  oder setzen den Zufall bewusst ein,  versuchen sich über uraltes Wissen hinwegzusetzen und stoßen dabei auf Neues oder enden bei Über­liefertem (Reichenau) .

Der Vortrag konzentriert sich auf die Kunst der Gegenwart und zeigt an wichtigen Vertretern aus den vergangenen vier Jahrzehnten (Bill, Vasarely, Stankowski, Richter…) und aus der aktuellen Szene (ars electronica linz, ZKM Karlsruhe,…) mit welchen Methoden der Mathe­matik sie – meist bewusst – arbeiten, um ihre Kunstwerke sich und deren Betrachtern ansehnlich , „wohlempfindbar“ zu gestalten.

Neben den schon genannten Verfahren werden auch Verschlüsselungen, Parkettierungen, „Katastrophen“ und endlose Prozesse vorgestellt. Dabei fasziniert besonders die Tatsache,

  • wie Künstler mit neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen aus Medizin (Charité-Berlin, Kodierung) und Wissenschaft (Gerstner, Fraktale…) umgehen,
  • wie und wo sie direkt mit der aktuellen Forschung Schritt halten (DALI; Katastrophen;…)
  • und dass sie nachweislich (z. B. beim vorjährigen Nobelpreis für Chemie) der Wissenschaft sogar einen wesentlichen Schritt voraus sein können.

Für die Didaktiker, die in der aktuellen Forschung insbesondere die Frage nach dem „richtigen“ Weg zur Lösung eines Problems bewegt, bietet sich mit der Kunst die fast einzigartige Gelegen­heit, den umgekehrten Weg zu gehen: Gegeben ist die Lösung des Problems (in Gestalt des fertigen Kunstwerkes). Aber worin bestand für den Künstler das Problem, was wollte er mit dem Bild erreichen?

Professor Dietmar Guderian studierte Mathematik, Physik und Kunstgeschichte. Er hat zahl­reiche Publikationen über Mathematik und Kunst veröffentlicht und eine Reihe von Aus­stellungen zu diesem Thema konzipiert und durchführt. 

Das Plakat

Kontakt: INM - - Mathematik, Prof. Dr. Silke Michaelsen, michaels@htwg-konstanz.de