Fotografieren wie vor 150 Jahren

Das Bild zeigt Schemen von Hafen, Bäumen und See. Darüber ein gelber Bogen. »Das ist der Lauf der Sonne«, erklärt Uwe Steffen. Zwei Monate lang wurde das Bild belichtet. Zwei Monate, in denen man unzählige digitale Bilder aufnehmen könnte, zwei Monate, in denen sich die Welt verändert hat. Zwei Monate. Für ein Bild.

Marco Hauber, Uwe Steffen und Tobias Suppan wollten noch etwas ganz
Besonderes machen, bevor sie sich an ihre Bachelorthesis im Fach Kommunikationsdesign an der Konstanzer Hochschule Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HTWG) setzen. Ein Semester haben sie sich Zeit gegeben, ihr ganz persönliches »Sechs F plus«. Im Oktober 2010 haben sie begonnen Kameras im alten Stil zu bauen, so genannte Lochkameras, zunächst ganz präzise nach Anleitung, später zunehmend experimentell. Und sie sind auf die Solargraphie gestoßen, bei der nicht ein Film, sondern gleich das Fotopapier in die Kamera gelegt wird. Viel Zeit ist nötig, damit das Licht bei dieser Art der Fotografie seine Spuren hinterlassen kann. Zwei Monate zum Beispiel.

In einer Welt, in der man jedes beliebige Bild sofort betrachten, verschicken, bearbeiten kann, haben die Designer gelernt zu warten, haben die Vorfreude auf entwickelte Filme und belichtete Bilder wieder entdeckt, haben gelernt Bilder nicht ständig zu bearbeiten, sondern so zu nehmen, wie sie geworden sind. 50 Kameras zur Langzeitbelichtung haben sie in Konstanz angebracht. Manche hat das Schmelzwasser des Schnees überschwemmt. Manche wurden von Vögeln aufgepickt. Eine Dose ist einem Geo-Casher zum Opfer gefallen, der das Fotopapier herausgenommen hat, um es mit seinen Koordinaten zu beschriften. Doch die anderen haben die erstaunlichsten Bilder zu Tage gebracht, Bilder die eine Räumlichkeit entwickeln, wie sie ein »normales« Foto nie erreichen wird. Bilder, in denen die Zeit sichtbar wird.

»Es war immer spannend«, erzählt Uwe Steffen. Nachdem das Trio sich anfangs noch gefreut hat, wenn überhaupt ein Foto zustande kam, war man nach einigen Wochen bestrebt, das Ergebnis nicht mehr dem Zufall zu überlassen. Mit verschiedenen Linsen haben die Studenten experimentiert oder Alufolie in die Kameras eingebaut, um ganz gezielte Reflektionen zu verursachen. 12 ganz unterschiedliche Lochkamera-Typen sind so entstanden und mit ihnen verschiedene Motiv-Reihen.

Höhepunkt der Aktion war eine Ausstellung in einem leer stehenden Laden an der Konstanzer Brauneggerstraße. Vor komplett schwarz verkleideten Wänden konnten die Betrachter da in die fremden Bildwelten eintauchen und die Kameras bestaunen. Zeitweise war es allerdings derart bevölkert, dass von all dem kaum mehr etwas zu sehen war. Ein Buch soll das besondere Semester der drei Studenten (»unser bestes«) nun zudem dokumentieren. Und auf ihrer Homepage zeigen die Designer der Welt ihre ganz besondere Reise in die Vergangenheit, und zwar unter: www.sechsfplus.de

