Theresa Holstege / Christian Schwentke: »Fragment«
Der Biss in einen kleinen Kuchen, auf französisch »Madeleine« genannt, reicht bei Marcel Prousts Hauptfigur aus, um Erinnerungen loszutreten, die Tausende von Seiten füllen und sich schließlich zum Jahrhundertroman »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« fügen. Wie oft geht es uns Menschen so – ein Geruch, eine alte Kinokarte, ein Brief oder eine Fotografie lassen uns innehalten, weil wir uns erinnern.
Theresa Holstege und Christian Schwentke haben sich auf die Suche nach den Erinnerungen ihrer Eltern gemacht. Sie haben Speicher durchstöbert, Fotografien und Dokumente gesucht, stundenlange Gespräche geführt, mitgeschnitten und transkribiert. Danach haben sie den Berg von Informationen abgetragen und alles in die richtige Reihenfolge gebracht.
Dennoch: Die beiden umfangreichen Bücher, die aus der familiären Recherche als Bachelorarbeiten im Fach Kommunikationsdesign entstanden sind, lassen sich auf verschiedene Art lesen. Zum einen ergibt sich von vorne nach hinten eine Chronologie der Ereignisse, zum anderen sind die Texte durch Verweise so miteinander verknüpft, dass man sie auch in der Reihenfolge lesen kann, in der sich die jeweilige Person erinnert hat. Und es wird zudem auch noch thematisch verwiesen, so dass sofort ersichtlich wird, wenn sich Personen zum gleichen Thema unterschiedlich geäußert haben.
Die Bücher sind so nicht nur Familienalben der besonderen Art, sie sind exzellente Beispiele für einen eleganten Umgang mit Typographie. Und sie zeigen, wie sehr auch eine private Chronik Zeitgeschichte widerspiegelt.




