Bachelor

 

Kommunikationsdesign

Ein Strich macht den Effekt

Punkt, Punkt, Komma, Strich … Kleine Zeichen können eine ganze Menge bedeuten. Und so stieß ein kleiner Strich im preisgekrönten Plakat eines Konstanzer Kommunikationsdesigners einem Chemiker sauer auf. Sehr sauer, im wahrsten Sinne des Wortes. Die chemische Strukturformel, mit der Konstanz als »Stadt am H2O« beworben werde, gleiche mehr derjenigen von Formaldehyd als der von Wasser. Mit seiner Entdeckung kam der Chemiker gerade recht zur Saure-Gurken-Zeit. Nun rauscht es im Blätterwald und selbst anerkannte Marketing-Experten ziehen ihren Hut: Mehr Aufmerksamkeit kann ein Plakat gar nicht erreichen.

Denn Formaldehyd möchte man doch lieber nicht im Wasserglas haben, schon gar nicht, wenn es aus einem der saubersten Gewässer Europas, dem schönen Bodensee, befüllt wurde. Weil ohne ihn in Konstanz nichts geht, wird die Stadt natürlich auch stets mit ihm und seinen 48km3 reinen Bodenseewassers beworben. Am griffigsten konnte das ein junger Kommunikationsdesigner, der Konstanz als »Stadt am H2O« positionierte und den Umriss des Sees mit kleinen, graphisch leicht abgewandelten Strukturformeln des Wassermoleküls auffüllte.

Weder Student noch Jury störten sich an der formalen Freiheit, bis nun der Chemiker die Formel unter die Lupe nahm und die Welt eines Besseren belehrte. Im chemischen Alltag werde auf die besagte Weise Formaldehyd dargestellt, CH2O, dessen C der emsige Naturwissenschaftler beim Zeichnen der Formel gerne lässig unter den Tisch fallen lässt.

Ausgerechnet Formaldehyd. Hochgiftig. Kann in Ameisensäure (lat. acidum formicum) überführt werden. Und das Schlimmste: leicht löslich in Wasser. Sogar in Bodenseewasser. Schon haben wir ihn, den Sturm im Wasser- bzw. Reagenzglas. Der »Spiegel« beugt sich über die Republik und zeigt spöttisch mit dem Finger auf die Stadt der Elitewissenschaftler. »Wir können alles. Außer Chemie« schreiben die Hamburger im launigen Online-Sommerstück. Allerdings: Gleich einen Tag später haftet dem Text ein kleiner Berichtigungsabsatz an. Man habe sich verrechnet: Der Winkel, mit dem das O und die beiden Hs in der Wasser-Strukturformel verbunden werde, betrage nicht 45, sondern 105 Grad. »Wir können alles. Außer …«?

Aber nicht doch. Wir wollen nicht nachkarten angesichts der formalen Debatte über das Formal-Dehyd, das ja schon rein namentlich ein wenig bürokratisch wirkt. Ein rundum unsympathisches, stinkendes Gas, an dem nun wirklich außer der Ameise und einigen Chemikern kaum jemand Freude haben dürfte. Zumindest über seine Strukturformel haben wir nun Insider-Informationen. So sind alle ein bisschen klüger geworden, wie es einer Stadt der Wissenschaft geziemt. Und das Plakat hat eine Aufmerksamkeit erlangt, von der man nur träumen kann. Jürgen Schneider, selbst Chemiker, Marketing-Experte und Sprecher des Konstanzer Pharmaunternehmens Nycomed, schwärmt im »Südkurier«: Millionen müsse man dafür normalerweise investieren. Und: »Wäre es Absicht gewesen, hätte man gesagt: genial.«

Getrost und beruhigt machen wir so keinen Strich, sondern einen Punkt an die Geschichte und genießen den Sommer am echten H2O, ganz ohne C, stets eingedenk der kindlichen Weisheit: Sauer macht lustig.

Und weil es so amüsant ist: Artikel, Fotos und Strukturformeln gibt es hier.

Bettina Schröm, Studiengangsreferentin