Forschung

 

Center for Business Compliance & Integrity - CBCI

Interviews

    Hier veröffentlicht das CBCI Interviews mit namhaften Experten zu verschiedenen Themen auf den Gebieten Corporate Compliance, Business Ethics und Integrity Management.

    Interview zum Thema "Unternehmensstrafrecht"

    Gregor G. Barendregt ist Rechts-anwalt, Fachanwalt für Arbeitsrecht und für die Carl Zeiss AG als Leiter des Corporate Compliance Office tätig. Bei Zeiss hat er den Aufbau der Compliance-Organisation in der Zentrale sowie in den ca. 140 Tochtergesellschaften verantwortet. Letztes Jahr wurde er von der FINANCE-Gruppe als Compliance Officer des Jahres ausgezeichnet. Im Interview mit dem Center for Business Compliance & Integrity (CBCI) äußert er sich zu der Idee eines Unternehmens-strafrechts in Deutschland. Die Stellungnahmen geben seine persönliche Meinung wieder und erfolgen unabhängig von seiner Position bei Zeiss.

    CBCI: Bietet das bestehende Straf- und Ordnungswidrigkeitenrecht genügend Handhabe, Regelverstöße von Unternehmen (scharf) zu sanktionieren oder handelt es sich hierbei um nicht mehr als ein kalkulierbares Risiko, das Unternehmen nicht wirklich abschreckt?

    Barendregt: Formal reicht das bestehende Straf- und Ordnungswidrigkeitenrecht aus. Es gibt genügend gesetzliche Möglichkeiten, Fehlverhalten von Unternehmen und auch von Personen ahnden können. Das Instrumentarium reicht von der Bestrafung einzelner Personen, über Gewinn-abschöpfungen bis hin zu Maßnahmen des Verfalls. Es fehlt jedoch an der tatsächlichen Umsetzung dieser bereits vorhandenen Werkzeuge. Wir sollten uns also primär mit einer maßgeblichen Verbesserung des vorhandenen Strafverfolgungsapparates befassen. Dieser verfügt meines Erachtens nicht über ausreichende personelle und sachliche Mittel. So fehlt oft die notwendige Kenntnis über die wirtschaftlichen Zusammenhänge oder Sachverhalte werden nicht ordentlich geprüft, so dass häufig vorsätzliches Handeln und eine Beweislastumkehr unterstellt werden. Selbst wenn Sachverhalte zutreffend erkannt werden, können diese häufig mangels ausreichender Kapazitäten nicht zur Genüge aufgearbeitet und einer Sanktion zugeführt werden.

    CBCI: Wie beurteilen Sie den Vorschlag des Bundes Deutscher Unternehmens-juristen, das Gesetz über Ordnungswidrigkeiten abzuändern?

    Barendregt: Das ist ja quasi ein Abmilderungsvorschlag. Der Vorschlag für das Unternehmensstrafrecht schwebt wie ein Damoklesschwert im Raum und man versucht nun mit diesem Vorschlag das angeblich nicht zu Verhindernde in ein kleinstes Übel zu bringen. Es ist zwar gut, klar Stellung zu beziehen. Aber man müsste ein Strafrecht aufbauen, das an der Praxis orientiert und nicht rein akademisch entwickelt wird. Das Gesamtsystem müsste neu gefasst werden. Aber genau das passiert hier nicht. Es wird vielmehr ein neues, losgelöstes Sanktionspaket geschnürt, das wenig vernetzt ist. Ich halte das nicht für zielführend, zumal wir, wie bereits erwähnt, dem Grunde nach ein gutes System haben und uns viel eher um dessen Umsetzbarkeit kümmern müssen.

    CBCI: Müsste nicht eine Konkretisierung in Form von Gesetzen dahingehend erfolgen, welche Compliance-Anforderungen an Unternehmen zu stellen sind?

    Barendregt: Man hat sich in den letzten ca. zehn Jahren dafür entschieden, keine starren Größen in der Compliance einzuführen. Selbst der UK Bribery Act 2010 oder der IDW Standard enthalten nur Richtgrößen. Und das Beratungs-gremium für die zu erwartende, Compliance-ISO-Norm, das aus Fachleuten aus den verschiedensten Jurisdiktionen besteht, ist nach intensiver und langer Diskussion zu dem Ergebnis gekommen, dass lediglich „verhältnismäßige“ Compliance-Strukturen benötigt werden. Strukturen, die anwendbar sind für das Thema Compliance an sich, die aber auch für jede Unternehmenssituation angemessen sind. Ich denke, das ist der richtige Weg, denn fixe Anforde-rungen kann man Unternehmen nicht stellen. Die Unternehmen sind zu heterogen und nicht uniform. Wir haben gute Compliance-Management-Systeme, die alle sehr detailliert, ausgefeilt und individuell sind. Man muss das Thema Compliance also nicht unnötig verkomplizieren.

    CBCI: Wie beurteilen Sie das Argument, dass strafrechtlich bisher nur natürliche Personen betroffen sind und somit auch nur für Individuen der Anreiz gesetzt wird, sich zu ändern?

    Barendregt: Im Ergebnis stimmt es nicht, dass nur Individuen bestraft werden können. Im Endeffekt werden die Strafen nach den Unternehmensgewinnen vor Steuer bemessen und Gewinne können abgeschöpft werden. Dies ist im Übrigen auch parallel zur individuellen Bestrafung von Personen möglich. Bezüglich der Intention eines Unternehmensstrafrechts, dass sich die Unter-nehmen besser aufstellen sollen, ist fraglich, ob es nicht viel sinnvoller wäre, in bestehenden Gesetzen konkreter zu werden bzw. Neuerungen aufzu-nehmen. Die bestehenden Gesetze sind zu alt und zu eindimensional gestrickt, um den modernen Unternehmensformen mit all ihrer Internationalität, Verzweigungen und Fremdfinanzierung gerecht werden zu können. Viele Geschäftsführer sind sich nicht bewusst, für was sie am Ende verantwortlich sind, welche Gefahren drohen und dass auch eine Delegation von Aufgaben nicht vor Haftung schützt. Ein guter Ansatz wäre, im Bereich Unternehmens-führung klare Mindestanforderungen an die Unternehmensstruktur und an die Tätigkeit eines Geschäftsführers zu stellen und vor allem auch Qualifikations-kriterien für dessen Auswahl aufzustellen. Wenn diese nicht eingehalten werden, liegt ein Organisationsverschulden vor. Wenn aber nicht genau formuliert ist, was Organisation eigentlich ist, dann ist alles und nichts Organisationsverschulden und es werden Fehler bestraft, obwohl die Verant-wortlichen davon ausgegangen sind, alles getan zu haben, was getan werden musste. Für jemanden, der aus Unwissenheit einen Fehler begangen hat, sind wir im Ordnungswidrigkeitenrecht richtig aufgehoben. So jemand braucht einen Denkzettel, damit er sich wieder neu organisieren kann und eine zweite Chance erhält.

    CBCI: Aber genau das ist doch die Intention des Unternehmensstrafrechts: Weg von der persönlichen Ebene, hin zu einer Verantwortlichkeit des gesamten Unternehmens.

    Barendregt: Mit der Einführung eines Unternehmensstrafrechts würde die Ebene der persönlichen Bestrafung aber nicht abgeschafft. Staatsanwälte scheinen nicht selten von Vorgaben getrieben zu sein – mögen es vorgegebene Fallzahlen sein, wie viele Fälle sie pro Jahr zu erledigen haben o. ä. – und so ist zu befürchten, dass neben der Akte für das Unternehmen auch weiterhin Akten für eine oder mehrere Individuen angelegt werden. Und hier bin ich wieder beim Ausgangspunkt angelangt: Ich glaube, dass wir uns bei der Strafverfolgung zu Tode sparen. Dass bei einem Anfangsverdacht für eine Straftat ermittelt wird, ist in einem Rechtsstaat selbstverständlich und völlig in Ordnung. Diese Strafverfolgung muss aber zügig, effektiv und qualitativ hochwertig erfolgen. Die Strafe durch Reputationsverlust kann man nämlich nicht ermessen und ein Unternehmen hat sie auch nicht verdient, wenn sich am Ende herausstellt, dass nichts falsch gemacht wurde. Hier muss man ansetzen, bevor wir uns mit einem Unternehmensstrafrecht beschäftigen, das in der Gesamtstruktur noch nicht ausgegoren ist. Ich glaube, mit dem geplanten Unternehmensstrafrecht will man einem Ruf aus der Bevölkerung nachkommen „Die Großen verdienen mit Unredlichkeit noch mehr Geld.“ Man will Stimmung machen, indem man Gesetze erlässt anstatt das System, das wir haben, zu verbessern. Aktionismus trifft es vielleicht ganz gut.

    CBCI: Wie schätzen sie die deutsche Gesetzeslage im Vergleich zu anderen EU-Ländern oder den USA ein, in denen es ein Unternehmensstrafrecht gibt. Hat Deutschland hier eher Nachholbedarf oder ist diese deutsche „Andersartigkeit“ vielleicht ein Vorteil?

    Barendregt: Mit Blick auf die Frage, ob wir ein Unternehmensstrafrecht in Deutschland brauchen, müssen wir vorsichtig sein, nicht dem typisch deutschen Reflex „Die anderen machen das auch.“ zu verfallen. Wir sind nicht die Anderen! Wir sollten zuvorderst die Dinge tun, die uns gut tun. Natürlich sind ein Schulterschluss in politischen Institutionen wie der EU oder interna-tional getroffene strafrechtliche Vereinbarungen gut, sinnvoll und politisch wohl auch notwendig, aber zunächst einmal muss das eigene System in den Grundfesten stimmen. Das Argument kann nicht sein, dass wir das auch machen, nur weil die Amerikaner oder die Briten das machen. So eine Argumentation entbehrt jeglicher logischen Grundlage und spricht vielmehr für fehlendes Selbstvertrauen in unser Strafrechtssystem derjenigen, die solche Themen anschieben. Ich würde mir wünschen, dass man sich da zunächst mehr auf sich selbst verlässt.                                                                                

    CBCI: Herr Barendregt, vielen Dank für das Gespräch.

    Das Interview führten Lisa Schöttl, Projektmanagerin am CBCI, und Sabrina Quintus, Akademische Mitarbeiterin, am 06. Juni 2014.

    Hier finden Sie das Interview als pdf-Dokument.

    Interview zum Thema "Prozesseinstellung Ecclestone"

    Prof. Dr. Alfred Dierlamm ist Rechtsanwalt mit den Tätigkeits-schwerpunkten Wirtschaftsstrafrecht, Steuerstrafrecht und Compliance. Er führt seit 2010 eine Professur an der Universität Trier für Strafrecht und Strafprozessrecht, insbesondere Wirtschaftsstrafrecht und Steuer-strafrecht und ist Mitglied des Strafrechtsausschusses der Bundes-rechtsanwalts­kammer. Alfred Dierlamm ist als Ombudsmann für mehrere namhafte Großunternehmen tätig.

    CBCI: Das Verfahren gegen Ecclestone wegen einer angeblichen Schmiergeldzahlung an den ehemaligen Vorstand der BayernLB Gribkowsky wurde gegen die Zahlung von 100 Mio. US-Dollar eingestellt. Gribkowsky hingegen wurde in einem anderen Verfahren wegen der Annahme der betreffenden Zahlung zu achteinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Wie passt dieser gravierend unterschiedliche Ausgang des gleichen Falls zusammen?

    Dierlamm: Offenbar hatte das Gericht nach der Beweisaufnahme erhebliche Zweifel an der Schuld von Ecclestone. Die Beweisaufnahme hat insbesondere ergeben, dass Ecclestone die Amtsträgereigenschaft des BayernLB-Vorstandes Gribkowsky nicht kannte und auch als Außenstehender nicht hätte erkennen können. Damit ist der subjektive Tatbestand einer Bestechung zumindest zweifelhaft. Im Übrigen wurde Gribkowsky aufgrund eines Geständnisses verurteilt. Ecclestone hat die Vorwürfe stets bestritten.

    CBCI: Gesetzliche Voraussetzungen für eine Verfahrenseinstellung, wie sie im Falle Ecclestone erfolgte, ist eine Auflage, die geeignet ist, das öffentliche Interesse an der Strafverfolgung zu beseitigen sowie die dem nicht entgegen-stehende Schwere der Schuld. Sind diese beiden Voraussetzungen im Falle Ecclestone Ihrer Einschätzung nach erfüllt?

    Dierlamm: Die Voraussetzungen für eine Verfahrenseinstellung nach § 153 a StPO waren im vorliegenden Fall erfüllt. Dass die Schwere der Schuld der Einstellung nicht entgegensteht, ergibt sich allein daraus, dass eine straf-rechtliche Schuld durch das Gericht aufgrund der Beweisaufnahme gar nicht zweifelsfrei hätte festgestellt werden können. Bei der Frage, ob eine Auflagen-zahlung im Rahmen des § 153 a StPO das öffentliche Interesse an der Straf-verfolgung beseitigen kann, haben Gericht und Staatsanwaltschaft einen breiten Beurteilungsspielraum, den sie vorliegend fehlerfrei und vertretbar ausgefüllt haben. Allein die Höhe der Geldauflage indiziert die Eignung, das öffentliche Interesse an der Strafverfolgung zu beseitigen.

    CBCI: Sollte der Gesetzgeber Ihrer Ansicht nach den § 153a der Strafprozess-ordnung präzisieren, etwa hinsichtlich der Tatbestandsvoraussetzungen, der Bemessung der Auflagen, einer Begründungspflicht oder dergleichen?

    Dierlamm: Die Vorschrift des § 153 a StPO ist nach Voraussetzungen und Rechtsfolge ausreichend präzisiert. Das gesetzliche Erfordernis, dass Gericht, Staatsanwaltschaft und Beschuldigter einer Einstellung nach § 153 a StPO zustimmen müssen, gewährleistet, dass allen Belangen, auch und gerade den Belangen der Strafverfolgung, Rechnung getragen wird. Der Katalog für mögliche Auflagen im Rahmen der Vorschrift des § 153 a StPO zeigt, dass der Gesetzgeber den Verfahrensbeteiligten einen breiten Ermessenspielraum für die Konkretisierung und Bemessung der Auflagen einräumen wollte. Die Ausübung dieses Ermessens ist Aufgabe der Justizbehörden.

    CBCI: Führt ein solcher Ausgang eines Verfahrens von derartigem medialem und öffentlichem Interesse wie das von Ecclestone zu einem Vertrauensverlust in die deutsche Justiz?

    Dierlamm: Von einem Vertrauensverlust in die deutsche Justiz kann nicht die Rede sein. Die StPO sieht die Möglichkeit einer Einstellung gegen Zahlung einer Geldauflage nach § 153 a StPO ausdrücklich im Gesetz vor. Alle Verfahrensbeteiligten – auch die Staatsanwaltschaft, die den Strafverfolgungs-anspruch des Staates vertritt – müssen der Einstellung nach § 153 a StPO zustimmen. In der Vergangenheit hat es immer wieder prominente Fälle gegeben, die gegen Auflagenzahlungen nach § 153 a StPO eingestellt wurden, z.B. im Verfahren gegen Lopez (LG Darmstadt), im sog. Mannesmann-Verfahren (LG Düsseldorf) oder jüngst im Verfahren gegen Vorstände der Landesbank Baden-Württemberg (LG Stuttgart). Im Wirtschaftsstrafrecht spielt die Vorschrift des § 153 a StPO eine große Rolle. Sie trägt ganz wesentlich dazu bei, dass geeignete Verfahren, in denen eine schwere Schuld gerade nicht festgestellt werden kann, verfahrensökonomisch erledigt und die erforder-lichen Kapazitäten für die schwerwiegenden Fälle von Wirtschaftskriminalität zur Verfügung stehen. Das hat der Justiz bislang nicht geschadet – im Gegenteil.

    CBCI: Herr Dierlamm, vielen Dank für das Gespräch.

    Das Interview führten Lisa Schöttl, Projektmanagerin am CBCI, und Sabrina Quintus, Akademische Mitarbeiterin, am 19. August 2014.

    Hier finden Sie das Interview als pdf-Dokument.

     

    Interview zum Thema "Compliance-Kommunikation"

    Hartwin Möhrle (Jg. 1956) ist geschäftsführender Gesellschafter und Mitbegründer der Kommuni-kationsagentur A&B One. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen Unternehmenskommuni-kation, Krisen- und Risikokommuni-kation, Issues-Management und Compliance. Er verantwortet den Kompetenzbereich Risiko- und Krisenkommunikation bei A&B One und berät Unternehmen aus unter-schiedlichen Branchen und aller Größen in akuten Krisen und in der Krisenprävention –  von großen Konzernen über den Mittelstand bis hin zu Einzelpersonen. Nach dem Studium der Pädagogik, Germanistik und Musik war Hartwin Möhrle als Journalist und Chefredakteur tätig. Hartwin Möhrle ist ausgebildeter Coach und lehrt als Dozent an der Hochschule für Wirtschaft (HWZ) in Zürich, der Frankfurt School of Finance & Management und der Deutschen Presseakademie. Er veröffentlicht regelmäßig zu Themen der Krisen- und Risikokommunikation.

    CBCI: Die große Herausforderung im Bereich Compliance liegt für viele darin, eine große Anzahl an relevanten Gesetzen und Regeln sowie weichere Faktoren wie Werte verständlich und komprimiert an die Unternehmensmitglieder zu vermitteln. Wie sollte Ihrer Meinung nach eine gute Compliance-Kommuni-kation mit dieser Herausforderung umgehen?

    Möhrle: Compliance-Kommunikation ist ein wichtiger Transmissionsriemen für die Einhaltung von Verhaltensregeln und Gesetzen, aber auch von den Werten, die diesen Regeln zugrunde liegen. Die Integritätskultur, die in einem Unter-nehmen vorherrscht, die Werte, für die ein Unternehmen steht, werden im Grunde in Verhaltensregeln transformiert, die es dann einzuhalten gilt. Daher funktioniert Compliance wirklich nachhaltig in der Regel auch nur in Unter-nehmen mit einer gelebten Wertekultur. Existiert diese nicht, bleibt Compliance oft nichts anderes als ein formaljuristisches und vor allem lästiges Konstrukt, das damit schon den Nährboden für Verstöße bereitet. Die Beispiele dafür kennen wir aus der Praxis: Die meisten Unternehmen, die mit Compliance-Fällen zu tun hatten, verfügten in der Regel schon über so etwas wie ein Compliance-Management-System. Da es aber vielfach nicht konsequent implementiert und gelebt, also nicht als selbstverständlicher Bestandteil professionellen wirtschaftlichen Handelns verstanden wurde, ist es nicht selten selbst zum Risikofaktor geworden.

    CBCI: Wie kann man den Mitarbeitern gerade auch komplizierte Sachverhalte oder Gesetze so vermitteln, dass sie auch tatsächlich beachtet werden?

    Möhrle: Hier müssen zwei unterschiedliche Ebenen beachtet werden. Zum einen gibt es die inhaltliche Ebene von Compliance-Kommunikation. Die Bedeutung und die Wichtigkeit von Regeln müssen dem gesamten Unter-nehmen von der Führungsriege bis zum einfachen Arbeiter grundsätzlich klar sein. Es muss allerdings auch im Bewusstsein und im konkreten Alltag aller verankert sein, warum regeltreues Verhalten Voraussetzung für nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg ist. Daneben gibt es die funktionale Kommunikations-ebene. Sie will eine Befähigung vor allem der Fachleute, also der Compliance-Verantwortlichen und der operativ verantwortlichen Manager erreichen. Dabei geht es zum Beispiel darum, dass die Regeln plausibel sind, so wie sie im Unternehmensalltag eingesetzt werden und wie, d.h. durch welche Instrumente und Kommunikationsmittel diese in die Praxis übersetzt werden können. Beide Ebenen gehören unmittelbar zusammen. Denn professionelle, funktionale und effiziente Compliance-Kommunikation kann man nicht betreiben, wenn dabei nicht klar wird, um was es eigentlich geht. Werte und daraus abgeleitete Regeln können nicht plausibel gemacht werden, wenn nicht gleichzeitig auch erläutert wird, wie die praktische Vermittlung gelingt und wer dafür verantwortlich ist.

    CBCI: Wie detailliert sollten Compliance-Verhaltensregeln sein?

    Möhrle: Ein Problem in der Vermittlung von Compliance ist, dass Regelungen als solche eine Dimension an Komplexität erreicht haben, die in der Wirkung konterkarierend sein kann. Daher gibt es im Moment auch einen aus der Beratungspraxis festzustellenden Trend, Komplexität auf das wirklich Wesentliche zu reduzieren. Das bedeutet, nicht jede denkbare Situation und nicht alle möglichen Verhaltensweisen müssen durchreguliert sein. Aber es muss einen klaren Verhaltenskodex geben, beziehungsweise muss in wesent-lichen konkreten Beispielen klar und präzise benannt sein, wie man sich auch in potenziell oder erkennbar problematischen Situationen zu verhalten hat. Es geht um den organisations- und umfeldabhängigen Mix, damit das Zusam-menspiel zwischen präzisen Vorgaben, konkreten Angeboten der Hilfestellung und einem klaren Grundverständnis möglichst selbstregelnd funktioniert. Ein ganz entscheidender Erfolgsfaktor ist die Vermittlung einer professionellen Intuition, die die Einzelnen für den Unterschied zwischen „noch in Ordnung“ und „nicht mehr in Ordnung“ sensibilisiert – und im richtigen Moment den Impuls auslöst, Rat und Hilfe in Anspruch zu nehmen.

    CBCI: Wie gehen Sie mit Mandanten um, bei denen im Vorfeld klar wird, dass sie sich nur gezwungener Maßen mit dem Thema Compliance auseinander-setzen und bei denen eine Unternehmenskultur offensichtlich fehlt?

    Möhrle: Unternehmen mit so einer Einstellung wenden sich in der Regel erst gar nicht an eine Kommunikationsagentur. Eine Beratung in Bereich „Compli-ance-Vermittlung“ nehmen nur die Unternehmen in Anspruch, die erkennen, dass Compliance-Regeln nicht allein direktiv per Frontalunterricht verordnet werden können, sondern dass es einer inhaltlichen und funktionalen Vermittlung genauso wie einer emotionalen Verankerung des Themas bedarf. Mitarbeiter müssen sich mit Werten, für die ihr Unternehmen steht, am Ende doch identifizieren können. Sie sollen sagen können, dass sie gerne für ein sauber arbeitendes Unternehmen tätig sind. Abgesehen davon ist es generell schwierig, ein Compliance-Management-System in Unternehmen funkti-onsfähig zu machen, in denen es ihm nicht auch gelingt, eine Art informeller Sozialkontrolle zu etablieren, wie Professor Bussmann von der Universität Halle es vor einigen Jahren schon bezeichnet hat. Wenn alle immer nur wegschauen und diejenigen, die Regeln übertreten, sich darauf folgenlos verlassen können, kann auch das schönste System wirkungslos bleiben. Dann ist es nicht Teil des Risikomanagements sondern Teil des Risikos.

    CBCI: Inwiefern sollte die Kommunikation entgegengesetzt zu dem viel beschworenen „Tone from the Top“ auch von der anderen Richtung aus, also von den Mitarbeitern kommen? Und inwiefern sollten die Mitarbeiter in einen „Wertefindungsprozess“ eingebunden werden?

    Möhrle: Die Mitarbeiter sollten unbedingt miteinbezogen werden. Neben der Top-down-Kommunikation ist die Bottom-up-Kommunikation genauso wichtig. Die Aufgabe der Top-down-Kommunikation ist es, die Regeln und das Selbstverständnis zu definieren. In Bezug auf Bottom-up ist es sinnvoll, die Mitarbeiter ganz konkret zu befragen, wo sie Probleme haben, in welchen Situationen, bei welchen Prozessen, in welchen Ländern und Kulturen sie hinsichtlich der Verhaltensanforderungen unsicher oder schlicht überfordert sind. An dieser Stelle ist die Kommunikation ein ganz wichtiger Übersetzer. Es gilt, Risiken zu vermeiden, verantwortlich zu managen und damit für alle Beteiligten Sicherheit im praktischen Alltag zu schaffen. Dabei muss deutlich werden, dass an einer konkreten Stelle möglicherweise die Gefahr eines Regelübertritts besteht und dass dieser Übertritt sehr viel negativere Folgen mit sich brächte, als ein geduldeter Übertritt an positiven Effekten für das Unternehmen generieren könnte. So plausibel, so nachvollziehbar muss es im operativen Geschäftsbetrieb vor allem für diejenigen werden, die an ihrem operativen Erfolg gemessen werden. Dazu muss man sehr genau wissen, was sie dafür an Orientierungen, Vorgaben und Hilfen benötigen. Nur dann kann ich sie auch in die Verantwortung dafür nehmen, dass die Geschäfte sauber laufen.

    CBCI: Es wird häufig versucht, das Thema Compliance unterhaltsam zu gestalten, z. B. durch Comics oder Kurzfilme. Ist dies für die Anliegen im Bereich Compliance förderlich? Oder untergräbt dies nicht eher die Ernsthaftigkeit des Themas?

    Möhrle: Wirkungsvolle Kommunikation, die Menschen auch tatsächlich bewegen will, braucht in der Regel beides: Rationalität und Emotion. Die Frage ist, wie das Thema Compliance im positiven Sinne zielführend emotionalisiert werden kann. Grundsätzlich geht es darum, dieses Thema – gerade weil es eine Verbindung von Regeln, Unternehmens- und Wertekultur, von Vorschriften und Grundsätzen, von Verhaltensweisen und Haltung ist – angepasst an die jeweilige Situation, Bedarf und Zielgruppe mit der richtigen emotionalen Ansprache zu verbinden. Dabei geht es um die Frage, wo eine emotionellere und visuellere Umsetzung vielleicht besser wirkt als eine weitere Chart-Präsentation zu diesem Thema im Intranet. Welchen Grad an Kreativität man hierfür bemüht, ist abhängig von der jeweiligen Aufgabenstellung und Situation, er sollte aber der Ernsthaftigkeit des Themas immer angemessen sein.

    CBCI: Die Kommunikation mit Stakeholdern zu Themen der Compliance nimmt immer weiter zu. Inwiefern muss ein Unternehmen hierbei darauf achten, ein makelloses Bild hinsichtlich Themen der Compliance abzugeben? Wie weit darf ein Unternehmen mögliche Defizite in der Compliance-Arbeit zugeben? Inwieweit sollte man auch einen schwerwiegenden Compliance-Fall ehrlich nach außen kommunizieren?

    Möhrle: Als Teil eines aktiven Stake- und Shareholder Managements sollte die Art und Weise, wie man mit Regelverstößen umgeht, aktiv kommunizierbar sein. Dazu gehören ebenso das Selbstverständnis und das System für den Umgang mit Regelverstößen und die vorhandenen risikominimierenden Voraussetzungen ihrer Bekämpfung. Beim einzelnen Fall ist jedoch Vorsicht geboten, denn in der Öffentlichkeit werden Differenzierungen in der Regel nicht beachtet und können auch nicht vermittelt werden. Problembewältigung wird von Seite der Medien eher selten honoriert während Regelverstöße hingegen regelmäßig an die Öffentlichkeit gezerrt werden. Insofern ist hier auch aus Image-Gesichtspunkten Vorsicht geboten. Ich halte es jedoch für durchaus sinnvoll, konkrete, wenn auch anonymisierte Beispiele zu geben, anhand derer nachvollzogen werden kann, wie mit schwierigen Fällen umgegangen wurde. Gerade in der Stakeholder-Kommunikation, aber auch gegenüber den Shareholdern ist es ganz wichtig, glaubhaft und plausibel zu machen, dass das Unternehmen ein sauberes System hat und alles dafür unternimmt, integer zu wirtschaften – und damit die Risiken für alle Beteiligten professionell zu minimieren.

    CBCI: Herr Möhrle, vielen Dank für das Gespräch.

    Das Interview führten Lisa Schöttl, Projektmanagerin am CBCI, und Sabrina Quintus, akademische Mitarbeiterin, am 04. Dezember 2014.

    Hier finden Sie das Interview als pdf-Dokument.