Die »Literatten« im »Lago«

Neugierig auf literarische Nagetiere.
Viel Publikum, viel Lob, viel Literatur: Die Vernissage der »Literatten« im Konstanzer »Lago« war nicht nur deswegen spannend, weil in einer Art Blackbox nun geballt zu sehen ist, was Passanten und Künstler auf den weißen Planen der Skulpturen hinterlassen haben, sie setzte auch literarisch ein Zeichen, das zur Kunstaktion passt. Denn so jung und frech wie die Arbeit der beiden Kommunikationsdesignerinnen Johanna Flöter und Andrea Grützner sich in der Stadt präsentierte, so unkonventionell waren die Texte der Uni-Autorengruppe »Der siebte Stock«, literarische Hauptattraktion des Abends, der zum Programm der Baden-Württembergischen Literaturtage gehörte. Doch bevor die drei Literaten das Mikrophon ergriffen, gab es Lob für die Literatten – vom Center-Manager, von den Literaturtagen und von einer Dame, die sich dem Projekt in besonderer Weise gewidmet hat: Bibliothekarin und Autorin Connie Haag erzählte, was sie selbst als Patin einer Skulptur im Stadtteil Stadelhofen erlebt hat, in einem Viertel, das nicht zu den touristischen Vorzeigeplätzen der Stadt gehört und das ihr dennoch, oder gerade deswegen am Herzen liegt.

Philipp Schönthaler, Florian Amrhein und Morten Paul von der Uni-Autorengruppe »Der siebte Stock«
Texte aus der »Shopping Mall«
Weniger emotional dann der Auftritt von Florian Amrhein, Philipp Schönthaler und Morten Paul: Mit einem gesprochenen Chor eröffneten die Jungs vom »Siebten Stock« eine literarische Tour de Force, die vom Poem bis zur Polemik reichte und den hohen Anspruch der Jungliteraten deutlich machte. Denn neben Sprachspiel und Sprachwitz beinhalten die Texte des Trios, das via Tonaufnahme zum Quartett erweitert wurde, eine durchaus virtuose Beherrschung der literarischen Formen und eine bereits fein elaborierte Kunst der Beschreibung. Ein gerade in der Örtlichkeit besonderes Schmankerl war so Schönthalers »Shopping Mall«, das in Versatzstücken zwischen Erzählung und Reportage pendelt.
Das Projekt
Ein passendes Programm für ein außergewöhnliches Projekt: Im Zuge ihrer Bachelorarbeit im Studiengang Kommunikationsdesign an der Hochschule Konstanz (HTWG) haben Flöter und Grützner die »Literatten« für das Kulturbüro und die Literaturtage entwickelt: Sieben Paten – Künstler aus der Region – sind mit sieben weißen, pyramidenförmigen Skulpturen an unterschiedliche Plätze der Stadt gezogen. Vor Ort haben Künstler und Passanten die »Literatten« mit Kommentaren versehen und zum Anlass für kleine kulturelle Events genommen: Eine »Literatte« zog es zu Imbissbuden in Petershausen, im Kerzenlicht fand eine abendliche Lesung auf dem Münsterplatz statt und die Abschlussveranstaltung unter der Schänzlebrücke mit der Band »Krautfass3000« hatte Kultcharakter.
Nun haben sich die »Literatten« gehäutet: In der Blackbox des Einkaufszentrums »Lago« hängen die Planen, mit denen die Pyramiden überzogen waren und auf denen die Konstanzer ihre Kommentare hinterlassen haben – zur Literatur, zum Wetter oder zum Leben überhaupt. Einladung zum Schmökern, Nachdenken und Schmunzeln. Die Ausstellung dauert bis 30. Oktober. Mehr Infos hier.

