Damals hieß der I-Pod »Lettera«
»Genügend Stühle habt ihr wohl nicht, sonst würdet ihr nicht auf den Tischen sitzen«, das stellt Jörg Stürzebecher zu Beginn fest – die KD-Lounge ist voll. An der Ulmer Hochschule für Gestaltung gab es zu Beginn auch keine Stühle: Jeder Student baute seinen persönlichen Hocker aus den Schalungsplatten des Neubaus.
»Was ihr braucht, ist ein Wort«
Inge Aicher-Scholl gründete 1953 zusammen mit ihrem Mann Otl Aicher und Max Bill die HfG Ulm mit einer Million Mark aus Mitteln der Alliierten. Bekannt geworden ist die Hochschule u. a. durch Produkte für Braun und das erneuerte Erscheinungsbild für die Lufthansa. So schlicht wie den Schemel kennt man auch die Ulmer Grafik – Quadrate und Rechtecke, selten eine Rundung. Stürzebecher läuft durch den Raum, richtet einen Papierstapel an der Kante der Fensterbank aus, zupft an einem Kabel (»So etwas hätte es in Ulm nicht gegeben.«) und deutet beispielhaft auf Aufkleber und studentische Arbeiten: »Das ist nicht Ulm.«
»Ihr denkt alle, ihr braucht die neue Kamera […], aber was ihr braucht, ist ein Wort«, sagt Stürzebecher. Sprache wurde an der HfG zum Material und Werkzeug von Designern.
Designer im Schlachthof
Von Worten lebten in dieser Zeit auch Werbeanzeigen. Eine von ihnen liest Stürzebecher vor: Radio Braun wirbt darin mit einem Text, der beschreibt, wie eine Frau das Licht einschaltet, sich setzt und Radio hört. Nie, so der Sprecher, käme sie auf die Idee, den Lichtschalter als Kleiderhaken zu verwenden. Zehn Stühle habe sie ausprobiert, um den passenden, haltbaren für ihren Lebensstil zu finden. Und so solle auch ihr Radio sein.
Dieses Denken über Design spiegelte sich in der Lehre wider: Wer an einem Projekt zu einem neuen Schlachtermesser arbeitete, musste selbst in einen Ulmer Schlachthof gehen. Er musste die Arbeitsschritte beobachten, sie festhalten und sein Messer genau passend auf die Anwendung entwerfen.
Jeden Tag ein Buch
Nach Stürzebechers Vortrag und einem Film über die HfG geht die KD-Lounge bis fast Mitternacht weiter. Stürzebecher ist ständig umringt von Studenten und fasziniert mit Wissen und Meinung. Er verrät auch seine Quelle: Jeden Tag liest er ein Buch, »zumindest ein kleines«. Waren die Hocker eine Notlösung – Luxus gab es auch an der HfG Ulm: Der »I-Pod« dieser Zeit war die Schreibmaschine Lettera, auf deren Tragetasche jeder neidisch schaute.
Moritz Profitlich (Student, 2. Semester Master)


