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Architektur (MAR)

Der Nachbarschaftstreff unter einer Hochstraße
Der Nachbarschaftstreff unter einer Hochstraße

Auf ihrem Weg von Chandigarh im Norden des Landes über Jaipur und Ahmedabad nach Bangalore sammelte die Gruppe bleibende Eindrücke. Auf dem Programm stand nicht nur das Kennenlernen traditioneller indischer Architektur und die Auseinandersetzung mit Ikonen der Moderne wie Le Corbusier, Louis Kahn und Balkrishna Doshi, sondern auch das Eintauchen in den indischen Alltag mit all seinen ungewohnten Farben, Gerüchen, Klängen, seiner für Europäer so ungewohnten Dichte.

Frei nach dem Roman „Das fliegende Klassenzimmer“ von Erich Kästner wird bei der SummerSchool „Lehre“ zum „Ortstermin“, d.h. der Ort zum „Lehrraum“, der Gast zum „Lehrmeister“. Jeder ist gleichzeitig Lehrender und Lernender, denn keiner ist im Besitz der allumfänglichen Wahrheit, sondern der Austausch, der Dialog ist die Methode. Eine permanente Herausforderung, Neues zu entdecken, Bekanntes zu hinterfragen – Perspektivwechsel, und dies in international gemischten Gruppen in einer fremden Kultur.

Immer wieder wurden kulturelle Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten zwischen den drei so verschiedenen Nationalitäten deutlich. Das Konzept Flying Classroom LC:SP + IN:CH Academy 2017 versteht sich als interkultureller Dialog und Austausch und fördert und fordert genau diese Auseinandersetzung mit dem Ziel, nicht nur das „Andere“ zu entdecken, sondern aus der Fremde das Eigene neu zu sehen - eine „Sehschule“, die auf Offenheit und Respekt baut, dabei vom Einzelnen immer wieder verlangt, seine eigenen Grenzen zu überschreiten. Im Moment oft nicht einfach, aber im Rückblick betrachtet die Bereicherung einer jeden Summerschool, die Netzwerke über alle Grenzen hinweg eröffnet.

In der Überzeugung, dass Architektur mit allen Sinnen erlebt werden muss, wurde in Chandigarh, Jaipur und Ahmedabad anhand kurzer Übungen und Interviews immer wieder der öffentliche Raum thematisiert, um aufgrund dieser Beobachtungen eine Grundlage für das Hands-on-Projekt in Bangalore zu erarbeiten. Bangalore, im Süden des Landes gelegen, ist heute als Silicon Valley Indiens bekannt. Durch seine rasante Entwicklung hat es seine städtische Identität verloren. Hochstraßen verbinden großräumlich diese 8 Millionen-Stadt, zerteilen jedoch gleichzeitig ganze Stadtquartiere. Unter dem Wheeler Road Flyover, einem eigentlichen Unort, besetzt von Unrat, parkenden Autos und nach Essbarem suchenden Kühen, sollte ein Raum entstehen, der verbindet und seinen Bewohnern die Möglichkeit eröffnet, sich zu treffen. Traditionelle Spiele, in den verschiedensten Maßstäben angeboten, sollten ein weiteres Angebot schaffen.

Das Entwerfen und Umsetzen 1:1 war sicherlich der Höhepunkt der SummerSchool 2017. Zusammen mit der Nichtregierungsorganisation JAAGA DNA, die künstlerische Aktivitäten im urbanen Raum unterstützt, um städtische „Unräume“ für ihre Bewohner wieder attraktiv zu machen, und gemeinsam mit den engagierten Bewohnern vor Ort wurden in einem sehr intensiven Prozess Konzepte erarbeitet und diskutiert. Dies bedeutete eine Herausforderung für alle, bedenkt man die Zeit von 11 Tagen vor Ort in Bangalore und das den Besuchern völlig unbekannten Baumaterial Erde, verbunden mit „mudcrete“, einem Gemisch aus Lehm, Sand und Zement. Auch dank der Unterstützung durch die lokale Bevölkerung, die vom spontanen Mittagessen über tatkräftige Hilfe bis hin zum großen Einweihungsfest reichte, konnte das Ziel erreicht werden. Prof. Myriam Gautschi, die als Dekanin der Fakultät Architektur und Gestaltung die deutsche Delegation leitete, zeigte sich begeistert: „Wenn eine Idee nicht auf dem Papier bleibt, sondern fassbar wird und für jeden eine Bereicherung darstellt, dann wird Architektur auch ihrem sozialen Anspruch gerecht! Dies haben wir in Indien hautnah miterlebt und mitgestalten dürfen.“

Seit 2011 findet die SummerSchool  „Flying Classroom LC:SP_lake constance: sao paulo“ als Kooperation der HTWG Konstanz mit der Escola da Cidade, Sao Paulo, statt, seit 2014 zudem immer wieder mit lokalen Hochschulen in den bereisten Ländern, z. B. mit University Cape Town in Südafrika, Nanjing Tech University in China und dieses Jahr mit CCA Chandigarh College of Architecture, Pearl University in Jaipur, Nirma University in Ahmedabad und CMR School of Architecture in Bangalore.

„Flying Classroom_SummerSchool LC:SP + X“ ist ein Projekt im Rahmen des Baden-Württemberg-STIPENDIUMs für Studierende – BWS plus, einem Programm der Baden-Württemberg Stiftung.

Einweihung des Nachbarschaftstreffs
Auch gemalt wurde gemeinsam
Die Kinder nahmen das Spielangebot sofort an
Internationale und -kulturelle Zusammenarbeit