Man kann ohne Bücher leben – es lohnt nur nicht
Im Austausch der Konstanzer Designer spielen Bücher eine große Rolle, ob über Design oder über ganz andere Themen. So stellen Mitglieder der Studienkommission zu Beginn einer Sitzung ein Buch vor, und Studenten verfassen Rezensionen in Schreibkursen. Auf dieser Seite stehen Beispiele dafür, die regelmäßig aktualisiert werden.
Wüstenblumen sind unzerstörbar
Im Rahmen des Seminars »Grundlagen des Schreibens« im ersten Semester hat die Studentin Lisa Stehle folgende Rezension verfasst:
Das Buch »Wüstenblume« von Waris Dirie erschüttert und schockiert. Es stellt die Lebensgeschichte einer starken, großartigen Frau dar. Geschildert wird eine wahre, wenngleich unmöglich scheinende, Begebenheit: In „Wüstenblume“ erzählt Waris Dirie ihre Geschichte. Sie wuchs als Nomadenmädchen in der Wüste Somalias auf und wurde zu einem der gefragtesten Topmodels der Welt.
Die kleine Waris kämpft, wie alle Nomadenkinder, von Anfang an ums Überleben. Sie hütet Ziegen und ist ständig auf der Suche nach Wasser. Hunger ist alltäglicher Bestandteil ihres Lebens. Trotzdem liebt sie ihre Familie und ihr Leben, denn sie kennt es nicht anders. Doch mit fünf Jahren ändert sich alles. Sie spürt, dass etwas vor sich geht und steht plötzlich im Mittelpunkt. Eines Morgens wird sie Opfer eines grausamen Rituals. Sie wird beschnitten. In Somalia muss eine Frau beschnitten sein, damit sie heiraten kann. Für die Qualen, die einem Mädchen dabei ohne Betäubungsmittel zugefügt werden, gibt es wohl keine Worte. Wo früher Genitalien waren, bleibt nur eine Narbe zurück. Oft kommt es zu Entzündungen und die Mädchen leiden ihr Leben lang unter den Schmerzen. Die Einzelheiten des Rituals sind ein Geheimnis und werden den Mädchen nicht erklärt. Sie wissen nur, dass mit ihnen etwas Besonderes geschieht, wenn sie an der Reihe sind.
Das war die wohl härteste Zeit von Diries Leben. Als ihr Vater sie mit 14 Jahren an einen alten Mann verheiraten will, flieht sie. Ihre Flucht führt sie durch die Wüste nach Mogadischu und schließlich nach London, wo sie als Hausmädchen für einen somalischen Botschafter arbeitet. Für sie beginnt ein neues Leben und sie lernt eine ihr völlig unbekannte Welt kennen. Sie jobbt bei McDonalds und wird dann als Model entdeckt. Mit 26 Jahren gelingt ihr der Durchbruch und sie wird weltweit bekannt und bewundert.
Der Name Waris heißt übersetzt Wüstenblume – und Wüstenblumen sind unzerstörbar. Diesem Vorbild entsprechend kämpft Waris Dirie bis heute unermüdlich als Uno-Sonderbotschafterin gegen Genitalverstümmelung. Es gibt viel zu tun: Täglich werden 6000 Mädchen beschnitten.
Beim Lesen von »Wüstenblume« bin ich erstarrt und mir wurde eiskalt. Auch danach hat mich diese Geschichte nicht mehr losgelassen. Meiner Meinung nach ist dieses Buch sehr wichtig. Ich habe größten Respekt vor Waris Dirie, die den Mut hatte, ihre Lebensgeschichte zu veröffentlichen. Diese großartige, beeindruckende Frau hat ihr Leben selbst in die Hand genommen und aus eigener Kraft ihren Weg gefunden. Ihr Buch wurde inzwischen auch verfilmt. Buch sowie Film sind sehr empfehlenswert. Jeder sollte wissen, dass es diese Traditionen noch heute gibt und dass es Zeit wird, sie zu brechen.
Dirie, Waris: Wüstenblume. Knaur TB. 2007.
»Shakespeare: Die Erfindung des Menschlichen«
Das Buch ist von Harald Bloom, einem anerkannten Shakespearekenner, der es als »sehr persönliches Projekt« beschreibt. Sein gesamtes wissenschaftliches Leben hat Bloom dem englischen Dramatiker gewidmet und vor allem darüber nachgedacht, woher diese »unheimliche Fähigkeit« stammt »Persönlichkeiten heraufzubeschwören«; wie zum Beispiel den Falstaff, den Hamlet, die Rosalind, den Jago, den Macbeth oder Kleopatra.
Das Buch bespricht die Theaterstücke in der Reihenfolge ihrer Entstehung. Es baut nicht aufeinander auf. So kann man immer wieder darin blättern und sich ein wenig auf den Hamlet einlassen oder mit Julia den Balkon runterschmachten.
Blooms Interpretationen der Stücke sind völlig anders gehalten als man es aus dem Deutschunterricht kennt. Er analysiert nicht professoral und verschont den Leser mit wissenschaftlichen Diskussionen. Voller Leidenschaft nimmt er die Texte ran. Über klug gewählte Ausschnitte aus den Stücken nähert er sich den Figuren und deren Leidenschaften. Bloom schaut ihnen in die Seele, in denen man das Menschliche entdeckt, das Shakespeare wie kein anderer in ihnen gefunden und erfunden hat. Das macht Bloom so gut, dass man sich im alten verwirrten König Lear ebenso wiederfinden kann wie in der jungen schlagfertigen Rosalind.
Das ist stets gut zu lesen. Bloom liebt seinen Shakespeare, aber er schont ihn nicht. Er erstarrt nicht in Ehrfurcht, nennt ganze Akte auch mal schauderhaft oder zweitklassig. Doch er überlässt jedem sein eigenes Urteil, denn Shakespeares »... Dramen sind größer und mächtiger als mein Bewusstsein... Nicht wir lesen die Stücke, sie lesen uns«.
Wer die Welten Shakespeares kennenlernen und Jago, Hamlet und Co hautnah begegnen möchte, der sollte sich mit diesem Buch unterm Arm auf den Weg machen.
Prof. Andreas P. Bechtold, Professor für Timebased Design in den Studiengängen Kommunikationsdesign und derzeit Studiendekan. Oktober 2010.
»Permanente Revolution«
Neulich habe ich das Buch von Peter Brook »Der offene Raum« in der Kruschtelkiste einer Buchhandlung gefunden und mit Vergnügen darin gelesen. Das Buch erschien 1968 zuerst auf Englisch und 1970 dann auf Deutsch im Hoffmann und Campe Verlag. Die Buchgestaltung stammt von Jan Bucholz und Reni Hinsch. Besonders beeindruckt hat mich Peter Brooks sehr persönliche und genaue Sprache, mit der er seine Vorstellung von der Notwendigkeit einer permanenten Revolution des Theaters anschaulich macht. Dabei nimmt er Bezug zu vielen berühmten historischen und zeitgenössischen Theaterstücken, Regisseuren, Schauspielern … Fein differenziert stellt er alle möglichen Regeln in Frage und gibt so den Gedanken des Lesers ungewohnte Wendungen und Anregungen.
Zwei Zitate möchte ich anfügen. Eines aus der Mitte des Buches (Seite 159):
»Das Theater braucht seine permanente Revolution. Mutwillige Zerstörung ist hingegen verbrecherisch; sie ruft nur leidenschaftliche Reaktionen hervor und eine noch größere Verwirrung. Wenn wir ein pseudoheiliges Theater zerschlagen, dürfen wir uns nicht zu dem Gedanken verführen lassen, daß der Bedarf nach Heiligem altmodisch ist und die Astronauten ein für allemal bewiesen haben, daß es keine Engel gibt. Wenn wir andererseits einen großen Teil des Theaters der Revolutionäre und Propagandisten hohl finden und damit unzufrieden sind, sollten wir deshalb nicht annehmen, daß die Notwendigkeit, von Menschen, Macht, Geld und der Gesellschaftsstruktur zu reden, nur einen vorübergehende Mode der Geschichte ist.«
Und eines vom Ende des Buchs (Seite 225):
»Répetition, Représentation, Assistence. Diese Wörter fassen die drei Elemente zusammen, die alle drei notwendig sind, damit die Szene lebendig wird. Aber noch fehlt die Substanz, weil jedwede drei Wörter statisch sind und jede Formel notwendigerweise ein Versuch, die Wahrheit für alle Ewigkeit zu erhaschen. Die Wahrheit im Theater ist immer auf Wanderschaft. Wenn ihr dieses Buch lest, ist es schon überholt. Es ist für mich eine Übung, die jetzt auf dem Papierblatt erstarrt ist. Aber im Gegensatz zum Buch hat das Theater ein spezielles Charakteristikum. Es ist immer wieder möglich, von vorne anzufangen. Im Leben ist das ein Märchen: Wir selbst können nie zu etwas zurückkehren. Neue Blätter lassen sich nicht zurückschlagen, die Uhren gehen niemals rückwärts, wir haben nie eine zweite Chance. Im Theater wird die Tafel immer wieder leergewischt.
Im täglichen Leben ist »wenn« eine Fiktion, im Theater ist »wenn« ein Experiment. Im täglichen Leben ist »wenn« ein Ausweichen, im Theater ist »wenn« die Wahrheit.
Wenn wir uns durchgerungen haben, an diese Wahrheit zu glauben, dann sind Theater und Leben eins. Das ist ein hohes Ziel. Das Spielen erfordert viel Arbeit. Aber wenn wir die Arbeit als Spiel empfinden, dann ist sie keine Arbeit mehr. Ein Spiel ist ein Spiel.«
Prof. Valentin Wormbs unterrichtet »Image Design« in den Studiengängen Kommunikationsdesign und ist Dekan der Fakultät für Architektur und Gestaltung. Oktober 2010.
»Die wichtigste Zeitschrift unserer Zeit«
Ich lese zur Zeit und immer wieder gerne das »Eye Magazine – The International Review of Graphic Design«. Gegründet von Designkritiker Rick Poynor, holt »Eye« nach wie vor jede Menge hochkarätige Autoren und Designer ins Blatt. Man berichtet über verschiedene Strömungen im Design und über aktuelle Themen genauso wie über Menschliches und über Hintergründe der Arbeiten von Designgrößen. Was das Blatt besonders sympathisch macht: Neben den Designern, die absolut »trendy« sind, erhalten immer wieder auch vergessene und nicht beachtete Helden Aufmerksamkeit. Frech und direkt geschrieben, bietet das Magazin definitiv mehr als schöne Bilder, die es aber natürlich auch beinhaltet. Ich halte »Eye« im Kommunikationsdesign für die wichtigste Zeitschrift unser Zeit – zumal derzeit »Esterson Associates« für die Art Direction zuständig sind, was immer ein genaueres Hinschauen wert ist.
Für Konstanzer KD-Studenten: Wenn nur genug von Euch in der Bibliothek nachfragen, wird das Magazin sicherlich abonniert.
Prof. Brian Switzer, Professor für Kommunikationsdesign an der Hochschule Technik, Wirtschaft und Gestaltung Konstanz, März 2010
Neue Zugänge zum Design – per Graffiti
Ist es »Grasign«? Oder vielleicht doch eher »Illustriti«? Auf die Frage nach einem Begriff für den Hybriden aus Graffiti und Design liefert das Buch »Fadings« von Siggi Schlee leider keine Antworten. Dafür beschreibt er die stilistische Entwicklung von Design und Illustration unter dem Einfluss der Graffitiszene. Er zeigt die Berührungspunkte zwischen der Writingbewegung als Straßenkultur und dem heutigen Grafikdesign als globale Kommunikationsform auf. Graffiti hat sich über seine Ästhetik und seine Relevanz in unserem aktuellen Zeitgeist im Designbereich etabliert. Dies wird anhand diverser Portfolios belegt. Die hierfür ausgewählten 24 Grafikdesigner beziehungsweise -agenturen haben alle ihre Wurzeln im Graffiti. Aus den vorgestellten Arbeiten – wie z. B. Plakaten, Online-Games, Merchandising-Artikeln oder auch Installationen – wird dies auch klar ersichtlich. Anhand von ausgewählten Kampagnen und Designprojekten sollen die jeweiligen Einflüsse und die Schaffensweisen hinterleuchtet werden. Die Künstler beschreiben dabei ihre Herangehensweise an die Projekte sowie den Verlauf der Umsetzung und ihre Ergebnisse. Ebenso schildern sie dabei ihre Inspirationsquellen und wie sie versuchen, ihren kreativen Ausdruck stets weiterzuentwickeln und auszuweiten.
Dabei zeigt sich, dass Graffiti völlig neue Zugänge zum Design bieten kann, wobei die »Fadings« – zu deutsch Übergange – oft fließend sind. Meiner Meinung nach ist es ein sehr gelungenes Buch, da es im Gegensatz zu vielen anderen Büchern über Graffiti noch einen entscheidenden Schritt weiter geht und nicht bloß die jeweiligen Künstler vorstellt. Es ist dabei einerseits informativ und interessant gestaltet, andererseits aber durchaus auch als Inspiration nützlich. Die beigefügte CD-Rom enthält ausführlichere Informationen und lässt den Leser zudem die Prozesse auf interaktivem Weg verfolgen.
Marco Wassmer, BKD 1, WS 2008/2009
Siggi Schlee: Fadings – Graffiti to Design, Illustration and more. Mainaschaff 2005
»Komme morgen wieder, Wirklichkeit!«
»Nicht das Vergnügen, nicht der Ruhm, nicht die Macht: die Freiheit, einzig die Freiheit.« So lautet einer der Aphorismen von Fernando Pessoa (1988 bis 1935), zu finden in einem dunkelroten Quartbändchen, das Fundstellen aus verschiedenen Werken des portugiesischen Dichters sammelt – Fundstellen wie diese: »Warum sollte es nützlicher sein, von Prinzessinnen zu träumen als von der Tür zum Büro?« Pessoa, der sich als »Argonaut der wahren Empfindungen« sah und an einer Leberzirrhose starb, wurde zu Lebzeiten als Dichter kaum wahrgenommen, sein Werk erst nach seinem Tode gewürdigt. Das lässt uns hoffen. »Komme morgen wieder, Wirklichkeit! Für heute reicht es Leute!«
Prof. Dr. Volker Friedrich, Professor für Schreiben und Rhetorik an der Hochschule Technik, Wirtschaft und Gestaltung in Konstanz.
Fernando Pessoa: Wenn das Herz denken könnte...: Sätze aus dem Gesamtwerk. Zürich 2006
Im Autobus durch Wahrnehmungsräume und Darstellungsformen
Die Geschichte, die der französische Schriftsteller Raymond Queneau in seinen »Exercises de style« (»Stilübungen«) von 1947 erzählt, ist denkbar einfach: Im Autobus S sieht ein Ich einen Fremden, den er später auf einem Bahnhofsvorplatz wiedererkennt. Das wäre alles, würde diese Geschichte nicht achtundneunzigmal erzählt!
Zum Vergnügen des Lesers gibt sie sich jedoch mal medizinisch, mal beleidigend, mal philosophisch, erscheint, so die Autoren der deutschen Übersetzung Ludwig Harig und Eugen Helmé, »im Medium des Zögerns und des Ungefähren, des Amtlichen und Parteiischen, taucht als Ode und Haiku, als Sonett und im freien Vers, schlägt Purzelbaum in alltagssprachlichen Redeweisen und Salto Mortale in klassischen rhetorischen Spielformen«. Ihre Übersetzung des artistischen Bestsellers ins Deutsche 1961 bezeichneten Harig und Helmlé denn auch als Drahtseilakt: »Risikofreudig, ja todesmutig, wie sich später einige Kritiker ausdrückten, machten wir uns an die Arbeit.«
Mit dem Auseinandernehmen und Zusammenfügen chemischer Elemente im naturwissenschaftlichen Spiel des Experimentators vergleicht die Semiotikerin Elisabeth Walther Queneaus Umgang mit der Sprache : »Er vermischt sie, trennt, bringt Altes und Neues zu einer Harmonie und zeigt wie viel Möglichkeiten kombinatorischer Art dem Schriftsteller überhaupt zur Verfügung stehen.«
Große Schule, in der Reihe »Bibliothek Suhrkamp« von Willi Fleckhaus verpackt.
Prof. Karin Kaiser, Prof. für Kommunikationsdesign an der Hochschule Technik, Wirtschaft und Gestaltung in Konstanz.
Raymond Queneau: Stilübungen. Aus dem Französischen von Ludwig Harig und Eugen Helmlé. Frankfurt am Main 2007 [französische Originalausgabe Paris 1947, Übersetzung ins Deutsche 1961]



