Bachelor

 

Kommunikationsdesign

Grazie, Maestro!

Wer neu im Studiengang ist, braucht eine Weile bis er sich in sein Büro wagt – nicht nur als Student. Ein wenig streng wirkt er, der Herr mit dem grauen Vollbart und der tiefen Stimme, der auch lange nach dem offiziellen Rauchverbot noch mit einer Zigarette hinter dem Schreibtisch saß, stets umgeben von einer Studentenschar, die in seiner Anwesenheit schon etwas Jüngerhaftes an sich hat. Es lohnt sich den Schritt über die Schwelle zu tun. Man lernt einen Gestalter kennen, der sich fachlich die große Welt erobert hat. Man lernt einen Menschen kennen, der ungeheuer herzlich und ungeheuer zornig sein kann, der jedenfalls immer er selbst bleibt – und der von einer Großzügigkeit ist, wie man es nur selten antrifft.


Nicht denkbar sind die Studiengänge so ohne die regelmäßigen Ausflüge, die Michele Baviera mit seinen Studenten ins geliebte Piemont unternimmt. Alle haben sie dort in seinem Haus gewohnt, in Barbaresco, oder wie er selbst es liebevoll nennt »Baviresco«. Unvergessliche Reisen, angefüllt mit den großen Genüssen Kunst und Wein, ausgefüllt bis zur letzten Minute. Schlafen muss man anderswo.

Berufung: Kunst – Beruf: Designer
Auch er selbst hat sich wenig Ruhe gegönnt bislang. Michele Baviera wurde in Zürich geboren, lebt bis heute in der Schweiz und ist doch »mit Stolz Italiener«. Der Sohn eines Architekten, der im Züricher Künstlerdorf Höngg aufgewachsen ist, hatte neben seiner sportlichen Begeisterung schon früh eine Leidenschaft: Kunst. Als einer von dreizehn wurde er unter 800 Bewerbern für die Züricher Kunstgewerbeschule ausgewählt. Wie prägend die Zeit dort für ihn war, ist bis heute spürbar. Prägend von Seiten seiner Professoren, prägend aber auch von Seiten seiner Kommilitonen, unter denen Namen wie Zinsmeyer und Toscani zu finden sind. Baviera hat als Student und Assistent für Hannes Gruber und Josef Müller-Brockmann gearbeitet, und vor allem Letzterer mag für ihn sein, was Baviera für manchen Studenten ist: eine Art letzte Instanz.

Nach und nach habe sich das Ziel, als freier Künstler zu arbeiten, gewandelt. »Kunst ist viel anstrengender als Grafikdesign«, sagt er. Und sich für ein ganzes Leben der Freiheit aussetzen, das wollte Baviera dann doch nicht. Die Kunst blieb seine Berufung, die Gestaltung wurde sein Beruf.


Und so wurde aus dem Kunststudenten ein Designabsolvent. Mit dem Abschluss der Züricher Elite-Hochschule in der Tasche, mit seinem Können, seinem Charisma und dem Anspruch, sich erst gar nicht bescheiden zu wollen, hat sich Baviera die Designwelt erobert. Fast unvorstellbar so die Geschichte seiner Selbstständigkeit: Gleich unmittelbar nach dem Abschluss habe er beschlossen sich selbstständig zu machen. Dem Vater sei angesichts dieser Nachricht beim Abendessen der Suppenlöffel aus der Hand gefallen. Dann habe er gesagt: »Bring mir eine Liste von deinen Kunden!« Michele Baviera setzte sich an seinen Schreibtisch, dachte nach, verfasste eine illustre Liste, auf der auch schon der Name IBM zu finden war, und legte sie dem Papa vor. Der gab seinen Segen. Und Baviera hat noch heute einen verschmitzten Blick, wenn er stolz sagt: »Ich habe sämtliche Kunden danach auch gekriegt.« 

Internationale Karriere
Er hat sie gekriegt, und er hatte seine Agentur mit Zweigstellen in Mailand, Lyon und New York, er hatte Zeiten, von denen er sagt: »Mein Büro war das Flugzeug.« Und er ist unter anderem als Hausdesigner von IBM ein wohlhabender Mann geworden. Wer ihn nach dem Geheimnis eines solchen Erfolgs fragt, bekommt eine nüchterne Antwort: »Du musst mehr arbeiten als die anderen und mehr leisten als die anderen.« Und: Man müsse dem Kunden das Gefühl geben, in guten Händen zu sein. Der Mann mit der starken Persönlichkeit, der Charakterkopf des Studiengangs kann auch als Mensch ganz genau trennen zwischen Kunst und Gestaltung. Gestaltung ist für Baviera immer verbunden mit konzeptionellem, analytischen Denken, immer mit einer Service-Haltung dem Kunden gegenüber: »Bei IBM waren sie froh, wenn sie mich gesehen haben«, berichtet er und erläutert: »Der Kunde hat ein Problem und will es gelöst haben. Da ist man immer auch Seelendoktor.« Das hat er verstanden. Und nicht zuletzt das, so der »Pionier des Corporate Designs«, sei der Schlüssel zum Erfolg.


Professor in einem »Riesen-Saustall«
Dass Baviera seine Erfahrungen heute an Studenten weitergibt, hat die Hochschule Josef Müller-Brockmann zu verdanken. Der habe ihm Mitte der 80er gesagt: »Michele, Du hast genügend Geld verdient, jetzt machst Du was für die jungen Menschen.« 1987 wurde Baviera als Professor an das damalige Institut für Kommunikationsdesign berufen, kam an die Villa Prym (»ein Riesen-Saustall«) und baute den Studiengang mit auf (»Knochenarbeit«). Zu seinem Pendlerleben kam eine weitere Station hinzu, eine weitere Anstrengung. Heute sagt er: »Das kann ich nicht empfehlen. Der Mensch ist keine Maschine.« 

Gefürchtet, geliebt, bewundert
Nicht gerne redet er so über schwere Zeiten und über seine Krankheit, die ihn seit Jahrzehnten begleitet und ihn unterdessen in den Rollstuhl zwingt. Wer es beschreiben will, das Phänomen Baviera, kommt dennoch nicht umhin zu erwähnen, dass eine der vielen großen Willensleistungen, die dieses Leben auszumachen scheinen, die ist, der Krankheit zu trotzen. Auch dafür bewundern ihn Studenten und Kollegen – und vergessen es gleich wieder, wenn er auf eine Kaffeekanne zeigt und fragt: »Von wem ist das?«, wenn er Werke von seinen Vorbildern Richard Paul Lohse und Max Bill bespricht, wenn er leidenschaftlich erläutert, warum ein Logo nicht Logo genannt werden sollte, sondern Identifikationselement, und dabei einen kurzen Exkurs über Semantik und Semiotik einfließen lässt – oder wenn er unbedingt eine ganz bestimmte Jazzplatte hören möchte.

»Alles geben die Götter, die unendlichen, ihren Lieblingen ganz« hat Goethe geschrieben. Auf kaum jemanden mag das so sehr passen wie auf Prof. Michele Baviera, der seine Lebensleistung auf einen Satz reduziert: »Dass ich ehrlich durchs Leben gegangen bin.«

Bei der offiziellen Verabschiedung im Januar gab es nicht nur dafür stehende Ovationen.