Schöner lesen
Wer glaubt, es gehe in Büchern nur um den Text, dem sei der Selbstversuch empfohlen. Und wer dann bei der Bildschirm-Lektüre von Eichendorff-Gedichten, Shakespeare-Dramen oder Süskind-Krimis noch genauso genießen kann wie einst in Omas Lesesessel, der ist tatsächlich verloren für eine Kunst, die aus Büchern ein sinnliches Erlebnis macht. Denn Bücher riechen, sie fühlen sich an, sie sind kleine oder etwas größere Begleiter des täglichen Lebens. Ein Wohnzimmer ohne Bücher ist wie eine Küche ohne Kühlschrank. Dabei liest man nur die wenigsten ein zweites Mal. Manche sogar gar nicht.
Schöne Bücher sind Leidenschaft und Profession von Uta Schneider und ihren Kollegen der Stiftung Buchkunst. Jährlich bittet die Stiftung zwei Jurys an den Tisch: Eine prämiert »Die schönsten deutschen Bücher«, eine andere »Die schönsten Bücher weltweit«. Im M-Gebäude der Konstanzer Hochschule Technik, Wirtschaft und Gestaltung erläuterte Schneider nicht nur die Kriterien, die bei diesen Wettbewerben gelten, sie stellte auch zahlreiche Beispiele vor, die die Lust am Lesen, Blättern, ja schlicht am Besitz weckten.
Dabei muss das Schöne nicht immer angenehm sein: Die Gestalterin Nynke Meijer hat so Jan Palach ein Buch gewidmet, jenem Studenten also, der sich 1969 aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings selbst verbrannte. 2003 erhielt das in einer Mini-Auflage von nur 20 Exemplaren erschienene Werk die »Goldene Letter«, die Auszeichnung zum »schönsten Buch weltweit«. Dabei, so die Referentin, komme das Buch höchst unscheinbar daher: kopierte Seiten, kollagenhaft zusammengestellte Fotos, aber eine außergewöhnliche Behandlung des Papiers, die beim Durchblättern die Assoziation an rohes Fleisch wecke.
Ein in diesem Sinne »schönes« Buch fügt Inhalt und Gestaltung zu einem perfekten Ganzen. Und wenn das gelingt, muss man noch nicht einmal verstehen, was drin steht: Die »Geohistoria de la Sensibilidad en Venezuela« zum Beispiel, geschrieben von Pedro Cunhill Grau, gestaltet vom mehrfach preisgekrönten Alvaro Sotillo – dafür müsste selbst in übervollen Regalen noch ein Plätzchen frei sein.





