Was haben vier Konstanzer Studenten mit einem Eingangsschild für eine Hamburger Hafenkneipe zu tun? Die Geschichte hinter der Neonreklame für das »Hotel Hong-Kong« ist nicht in zwei Sätzen zu erzählen. Aber sie gehört zu den besonders Bemerkenswerten. Vor einem Jahr haben Eva-Maria Kreuzer, Fabia Schubert, Hannes Ruß und Tobias Hoss im Studiengang Kommunikationsdesign der Konstanzer Hochschule Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HTWG) den Film »Fremde Heimat« gedreht. Schauplatz war Marietta Soltys Bar am anderen Ende der Republik. Mit der Geschichte über gestrandete Seebären erzählt der Film ein vergessenes Kapitel der Nazizeit. Und neben einem Preis für die Filmemacher wurde nun ein Wunsch der außergewöhnlichen Wirtin vor prominentem Publikum erfüllt.
Diesen Wunsch äußert Marietta Solty am Ende des Films: wieder ein Eingangsschild zu haben über der Tür zu ihrer Hafenkneipe. »Hotel Hong-Kong« sollte darauf stehen, wie früher, als Soltys Vater noch lebte. Eine Erinnerung auch an einen vergessenen Teil aus der Geschichte des Dritten Reiches: Vor fast genau 67 Jahren, am 13. Mai 1944, hat die Gestapo die letzten in Hamburg lebenden Chinesen deportiert und in Konzentrationslager gebracht. Auch Marietta Soltys Vater war unter ihnen. Und auch wenn er das Grauen überlebte und wieder in sein Lokal zurückkehrte, heimisch fühlte sich Chon Tin Lam nie wieder in Deutschland – eine Entwurzelung, die sich auch auf seine Tochter übertragen hat.
Filmpreis für Studenten
Die vier Designstudenten Eva-Maria Kreuzer, Fabia Schubert, Hannes Ruß und Tobias Hoss haben für ihren Film »Fremde Heimat« mehrere Tage im »Hotel Hong-Kong« verbracht. Ein deutsch-chinesisches Thema sollten sie bearbeiten, so die Aufgabenstellung ihres Professors Andreas P. Bechtold. Einfach war das nicht: »Ich wollte nicht interviewt werden«, erzählt Solty im Nachhinein, »aber sie haben einfach nicht locker gelassen.«
Einfühlungsvermögen und Geduld der Filmemacher haben sich gelohnt: Im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie von der Hochschulrektorenkonferenz veranstalteten »Deutsch-chinesischen Jahres der Wissenschaft und Bildung 2009/2010« wurde die fünfzehnminütige Dokumentation als bester Film ausgezeichnet, lief bereits auf der Expo in Schanghai sowie im dortigen Goethe-Institut.
Lob vom chinesischen Gesandten
Dank gemeinsamer Anstrengungen war es nun möglich, auch Marietta Soltys Wunsch zu erfüllen. Und so tummelten sich in der kleinen Kneipe am Hamburger Berg in der vergangenen Woche nicht die üblichen Stammgäste, sondern Vertreter der Hochschulrektorenkonferenz, ein Gesandter der chinesischen Botschaft, Vertreter des Bundesministeriums für Bildung und Forschung – und natürlich Marietta Solty und das Filmteam samt Professor Bechtold. Sie alle waren gekommen, um das neue Eingangsschild und mit ihm eine Gedenktafel zu enthüllen, die auf das Schicksal der Hamburger Chinesen im Dritten Reich verweist. Heiter war die Atmosphäre dabei zumeist – und doch wurde es still, als der Film an seinem Originalschauplatz noch einmal gezeigt wurde. »Damit wird ein Teil der Geschichte dieses Hauses, aber auch der Lebensgeschichte Marietta Soltys, ihres Vaters und der ganzen Familie lebendig«, meinte Christian Stienen, Referent für die Zusammenarbeit mit Asien und Ozeanien im Bundesministerium für Bildung und Forschung, bei seiner Ansprache. Und auch Jiang Feng von der chinesischen Botschaft bedankte sich: »Ein wunderbarer Film, der Chinesen und Deutsche heute mit Freude zusammenbringt.«
»Etwas bewegen«
Der Film hat Marietta Soltys Bar bekannt gemacht: Eine Seniorengruppe will sich für einen »Stolperstein« vor der Bar einsetzen, so mancher Stadtführer hat die Kneipe in seinen Rundgang eingebaut, der NDR hat Solty für eine Dokumentation über die Reeperbahn interviewt. Auch für das Filmteam ein Erfolg: »Ein schöne Sache, dass ein Film nicht nur Wirklichkeit darstellt, sondern damit auch etwas bewegt und verändert hat. Das ist das, was sich jeder Filmemacher auf dieser Welt erträumt«, so Andreas Bechtold.
Eine Entschädigung für die chinesischen Opfer des Nationalsozialismus hat es im Übrigen bis heute nicht gegeben.


