Staunen, fühlen, schauen
»Schön« ist ein Adjektiv, das Deutschlehrer nicht gerne lesen. Auch sonst hat es keinen guten Ruf: Es ist nicht originell, nicht bildhaft und schon gar nicht cool. Und doch rutscht es einem manchmal heraus. Schön. Einfach schön.
Passiert ist es an beiden Abenden. Obwohl es doch um an sich ganz unterschiedliche Dinge ging. Räume und Bücher, das hat nicht allzu viel gemein, scheint es. Aber wenn Eberhard Schlag vom Stuttgarter Atelier Brückner dann seine Cycle Bowl von der Expo 2000 zeigt oder die verschlungenen Pfade des BMW Museums, wenn er davon erzählt, wie er Räume zum Sprechen bringt, verstehen sogar Fachfremde, dass ein Raum mehr sein kann als ein innen hohler Würfel.
Und wenn dann eine Woche später Karin Schmidt-Friderichs mit einem Kofferraum voller Bücher anreist und ihr Publikum nicht nur hören, sehen, sondern vor allem auch fühlen lässt, dann erschließt sich auch das Erfolgsrezept des Hermann Schmidt Verlags: das Buch als dreidimensionales Objekt zu begreifen. In einer Welt, in der Informationen allerorten verfügbar und Texte in nahezu endloser Menge speicherbar sind, lassen sich Bücher nur verkaufen, wenn das Objekt Buch einen Mehrwert verspricht. Weil man es anfassen möchte. Weil man es haben möchte.
»Man sieht auch mit den Händen gut« war so der Titel des Abends, und die Mainzer Verlegerin ging verschwenderisch mit ihrem Erfahrungsschatz um, zeigte an zahlreichen Beispielen, wie es in ihrem Unternehmen gelingt, drucktechnische Wunderwerke herzustellen – so wie eine besondere Spezialität des Hauses, die »Rhythmusbindung mit asymmetrischem Falz«. Was sich abstrakt anhört hat einen sinnlichen Effekt: Von vorne und von hinten durchgeblättert zeigt das Buch jeweils andere Seiten.
Eine solche Liebe zum Detail lässt sich nicht endlos vervielfältigen: 25 Bücher veröffentlicht der Verlag im Jahr. Man wolle diese Zahl »definitiv« nicht erhöhen, so Schmidt-Friderichs. Die Zahl der Auszeichnungen allerdings, die dürfte weiter steigen. Dass die Verlegerin so ohne ihren Gatten anreiste, lag daran, dass dieser einen ehrenvollen Auftritt hinter sich hatte: als neues Mitglied des ADC.
Für Kommunikationsdesigner bargen beide Auftritte eine Quintessenz: Gestaltung veredelt. Sie haucht Räumen eine Geschichte ein, sie macht Bücher zu optischen und haptischen Erlebnissen. Schön halt.


