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Erfolgreicher Aufstieg

Das HTWG-Startup „greifbar“ hat einen innovativen Ansatz für die Produktion von Klettergriffen entwickelt. Das Verfahren eignet sich noch für viel mehr.

Das Labor für Werkstofftechnik  der HTWG schweißt offensichtlich zusammen - wider alle Gesetze der Werkstoffkunde. Manche gute Idee ist hier bereits entstanden. Auch die Geschichte des Startups „greifbar“ beginnt hier. Die Maschinenbau-Studenten Marcel Bajerke, Adrian Flaig und Philipp Ruf haben sich hier kennen gelernt und eine Idee entwickelt. Auch als der erste des Trios seinen Abschluss in der Tasche hatte und ins Berufsleben startete, hat sie diese gemeinsame Idee nicht mehr losgelassen. Nämlich: Ein Produktionsverfahren zu entwickeln, mit dem die automatisierte, kostengünstige Fertigung von Gegenständen aus Polyurethan (PU) auch in relativ kleinen Margen möglich ist. Konkret haben die Hobby-Kletterer an der Herstellung von Klettergriffen getüftelt und ein Produktionsverfahren gefunden, das sich auch auf andere Gegenstände aus PU übertragen lässt. Als sie zudem festgestellt haben, dass der Markt für Klettergriffe bereits groß ist und in den nächsten Jahren noch stark wachsen wird, es aber bisher eigentlich nur einen großen Hersteller gibt, reifte der Entschluss, zu gründen.

Unterstützung durch die HTWG
Seit Juni 2018 sind sie dabei, ihr Startup auf- und auszubauen. Wertvolle Starthilfe dabei leistet die Förderung über das EXIST-Programm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. Es gewährleistet den drei Gründern über ein Jahr ein festes Einkommen, ermöglicht ihnen Coachings und den Kontakt zu Investoren. Die nötige Begleitung, Unterstützung und Tipps für die Antragstellung hatte Christina Ungerer von der Gründerinitiative Kilometer1 der HTWG und der Uni Konstanz geleistet. Im Februar 2018 reichten sie den Antrag ein, im April erhielten sie die Förderzusage.
Sie erhielten Bestnoten bei der Beurteilung ihres Antrags, denn: „Der Innovationsgehalt durch die Automatisierung der Herstellung ist sehr hoch, der Klettergriffmarkt ist stark wachsend und dazu ist das Produktionsverfahren auch auf die Herstellung anderer Produkte übertragbar“, sagt Christina Ungerer. Mit den Klettergriffen „üben“ die Gründer und perfektionieren das Verfahren. Wenn sie ihr Verfahren so optimiert haben, dass sie auf den Millimeterbruchteil exakt produzieren können, eröffnen sich noch ganz neue Märkte.

Der Markt wächst: Klettern wird olympische Disziplin
Die Klettergriffe sind somit zunächst ein Einstiegs- und Testmarkt, aber einer mit hervorragender Perspektive. „In Asien wird Klettern zunehmend interessant. Dann eröffnet sich ein riesiger Markt“, sagt Adrian Flaig. Ein zusätzlicher Schub ist schon jetzt abzusehen, ergänzt Marcel Bajerke: „Bei den olympischen Sommerspielen in Tokio 2020 ist Klettern erstmals als olympische Disziplin dabei.“ Spätestens dann werde auch in Ländern, in denen bisher noch keine Kletterhallen zum Training an der Wand einladen, einsteigen. Dazu kommt: Derzeit gibt es im Grunde nur einen großen Hersteller von Klettergriffen Die Firma hat ihren Sitz in Bulgarien und hatte dank der niedrigen Lohnkosten bisher nicht den Entwicklungsdruck, um auf die kostengünstigste Weise zu produzieren zu können.

Das greifbar-Verfahren senkt Produktionskosten
Die Mengenanforderungen zwischen 200 und 400 Teile sind zu klein, als dass sich das Spritzgussverfahren lohnen würde, aber doch zu groß, um die Griffe alleine per 3D-Druck oder durch CNC Verfahren oder Vakuumguss zu produzieren. Deshalb wird das PU bisher in Silikonformen gegossen, die allerdings nur für relativ wenige  Produktionszyklen genutzt werden können. Auch das greifbar-Team wird Silikon als Gussform nutzen, jedoch in einem Produktionsverfahren, das eine wesentlich häufigere Nutzung der Form erlaubt. Damit sinken die Produktionskosten – und zudem ist die Herstellung komplexerer Griffe möglich.

Die Patentanmeldung läuft derzeit.
Die Vorzeichen für greifbar sind also äußerst gut. Grund genug für Philipp Ruf, nach eineinhalb Jahren und viel Spaß dabei seine Festanstellung aufzugeben. „So eine Chance kommt nie wieder“, sagt er. „Wir glauben an unsere Idee“, ergänzt Adrian Flaig. Er hatte seine Abschlussarbeit für „fruitcore“ geschrieben und bei dem Startup, das seine Wurzeln ebenfalls im Labor für Werkstofftechnik der HTWG hat, Einblicke in ein aufstrebendes Jungunternehmen gewonnen.

Team forscht weiter an Material und Verfahren
Das greifbar-Team arbeitet viel dafür, dass seine Produkte höchsten Qualitätsansprüchen genügen werden. Sie arbeiten sowohl an der Entwicklung der Fertigungsanlage als auch am eigentlichen Material. Derzeit forschen sie noch an der Optimierung der Haltbarkeit und der Oberflächenqualität der Klettergriffe – im engen Austausch mit PU-Lieferanten. Eine Frage ist zum Beispiel der Abrieb durch die Schuhsohlen. Je länger das Material durchhält, desto weniger Aufwand hat der Kletterhallenbetreiber. „Da zählt jeder Monat“, sagt Philipp Ruf. „Wir gehen das Ganze wissenschaftlich an“, betont Marcel Bajerke. Deshalb verbringen sie nach wie vor viel Zeit im Kunststofflabor der Hochschule, wo sie unter anderem an der besseren Materialzusammensetzung und einer höheren Abriebfestigkeit forschen. Auch experimentieren sie zum Beispiel mit verschiedenen Farben: „Sie müssen UV-Stabil sein und die Farben dürfen die Materialeigenschaften nicht beeinflussen“, erklärt Philipp Ruf.

Unterstützt werden sie von ihrem Mentor HTWG-Präsident Prof. Dr. Carsten Manz, der einerseits selbst viele Jahre als Professor und Dekan in der Fakultät Maschinenbau das Kunststofflabor geleitet hat und anderseits bereits vor Jahren den unternehmerischen Gedanken gefördert hat. Noch heute vertritt er in der Lehre das für Projekterfolge und Ausgründungen wichtige Themenfeld des Projektmanagements. Die Startups der Firmen Weightworks, fruitcore, nemms sowie jetzt greifbar sind aus dem Umfeld des kreativen Umfeldes im Institut für Werkstoffsystemtechnik, zu dem das Kunststofflabor gehört, hervorgegangen. „Unsere Aufgabe ist es, Studierende zu motivieren, sie zu befähigen und zu ermutigen, Ideen voranzubringen und den Schritt zur Umsetzung ganz im Sinne unseres Profils zu vollziehen“, erklärt Präsident Manz. Nicht umsonst habe sich die Hochschule mit ihrer Strategie für eine klare Innovationsförderung ausgesprochen.

Ein Gewinn ist der enge Kontakt zur Hochschule wie auch zu den vielen anderen jungen Unternehmen im Technologiezentrum Konstanz TZK. Viele ehemalige Kommilitoninnen und Kommilitonen der HTWG sind inzwischen mit ihren Startups im TZK beheimatet, zum Beispiel Creatisto oder nemms. Nach wie vor ist auch der Kontakt zu den Mitarbeitern von Kilometer1 eng, die wiederum im Gründernetzwerk Konstanz stark vernetzt sind. „Die enge Zusammenarbeit ist und der Austausch ein großer Gewinn“, betont Christina Ungerer.

Nächste Schritte
Im ersten Quartal will das greifbar-Team seinen eigenen Griffbestand aufbauen, dann bis Sommer halbautomatisch produzieren. Ab 2020 soll die vollautomatische Anlage in Betrieb genommen werden. Die ersten Schritte gehen die Gründer noch nicht über Aufträge aus Kletterhallen, sondern mit Pilotkunden und Lieferanten, die sie über Messen kennen gelernt haben.
Parallel zur technischen Entwicklung geht die Suche nach einer Folgefinanzierung weiter. Das EXIST-Gründerstipendium ermöglicht dem Trio über zwölf Monate ein festes Einkommen, die Teilnahme an Coachings und den Kontakt zu Investoren. Was aber kommt dann? Im Gegensatz zu Startups, die auf Dienstleistungen mittels einer App setzen, brauchen sie Räume und Material. Deshalb heißt es: Daumendrücken für den Pitch bei der Bewerbung um eine Aufnahme in das Programm „Junge Innovatoren“.

Weitere Informationen auf der Website von „greifbar“.
 

Das Gründertrio (von oben): Marcel Bajerke, Adrian Flaig und Philipp Ruf

Marcel Bajerke

Adrian Flaig

Philipp Ruf


EXIST – Existenzgründungen aus der Wissenschaft

EXIST ist ein Förderprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi). Ziel ist es, das Gründungsklima an Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen zu verbessern. Darüber hinaus sollen die Anzahl und der Erfolg technologieorientierter und wissensbasierter Unternehmensgründungen erhöht werden. Hierzu unterstützt das BMWi Hochschulabsolventinnen, -absolventen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Studierende bei der Vorbereitung ihrer technologieorientierten und wissensbasierten Existenzgründungen. Darüber hinaus fördert EXIST eine lebendige und nachhaltige Gründungskultur an öffentlichen und privaten Hochschulen.
EXIST umfasst drei Förderprogrammlinien:
•    EXIST-Gründungskultur unterstützt Hochschulen dabei, eine ganzheitliche hochschulweite Strategie zu Gründungskultur und Unternehmergeist zu formulieren und nachhaltig und sichtbar umzusetzen.
•    EXIST-Gründerstipendium unterstützt die Vorbereitung innovativer technologieorientierter und wissensbasierter Gründungsvorhaben von Studierenden, Absolventinnen und Absolventen sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.
•    EXIST-Forschungstransfer fördert sowohl notwendige Entwicklungsarbeiten zum Nachweis der technischen Machbarkeit forschungsbasierter Gründungsideen als auch notwendige Vorbereitungen für den Unternehmensstart.
Weitere Informationen zum EXIST-Förderprogramm
Kilometer 1, die Gründerinitiative von Universität Konstanz und HTWG


Titelbild: shutterstock / frantic00

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