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Wenn der Tiger über den Campus trabt

21.12.2018

HTWG-Student Anthony Plath ist 20 Jahre alt und studiert im dritten Semester Gesundheitsinformatik. Im Juli ging er für fünf Monate an die Jagran Lakecity University (JLU) im indischen Bhopal.

An der JLU, die vor allem für ihre juristische Fakultät bekannt ist, studieren rund 2000 junge Menschen. Der Campus liegt mitten im Dschungel, etwas abseits der 1,8 Millionen Einwohner zählenden Hauptstadt des Bundesstaates Madhya Pradesh. Wir unterhielten uns mit Anthony via Skype.

Anthony Plath: Wir haben gerade Stromausfall, deshalb ist nur mein Gesicht beleuchtet, sorry.

HTWG: Passiert das öfter?

Zwei bis drei Mal pro Woche für zwei bis drei Stunden passiert das schon. Aber das ist ok, es gibt auch einen Generator, der wird dann meist eingeschaltet.

Aber die Internetverbindung funktioniert?

Ich benutze eine mobile Datenverbindung für das Interview, damit funktioniert es zuverlässig und schnell. Das Hochschulnetz ist ein wenig langsam.

Anthony, warum hast du dich für ein Studium in Bhopal entschieden?

Zum einen, weil sich die Curricula in Deutschland und Indien gut ergänzten. Die Kurse, die ich machen wollte, bzw. brauchte, wurden so auch in Indien angeboten. So muss ich nicht so viel nachholen und kann die Prüfungen in Deutschland schreiben. Ich studiere hier nicht genau das, was ich in Deutschland studiere, also Gesundheitsinformatik, sondern das normale Informatik. Aber es gibt in bestimmten Kursen natürlich Überschneidungen. Zum anderen habe ich mich für ein Studium in Bhopal entschieden, weil mich Indien kulturell sehr interessiert. Ich war ich vorher noch nie in Indien und es ist schon sehr verschieden von unserem Denken. Ich sehe das als Chance für mich, meinen Horizont zu erweitern. Und schließlich ist Bhopal die zweitsauberste Stadt Indiens, ich wollte ein wenig auf meine Lunge achten (lacht).

Hattest du vor deiner Abreise Kontakt mit Kommilitonen, kanntest du jemandem, der vorher schon an der JLU studiert hat?

Nein, ich bin der erste Student der HTWG, der hier studiert.

Kleine Klassen ähnliche Lehrinhalte

Unterscheidet sich dein Studium von dem an der HTWG?

Man sollte die Uni nicht mit Deutschland vergleichen, das funktioniert einfach nicht. Man muss zwischen den indischen Hochschulen vergleichen. Wenn man den Standard der HTWG gewohnt ist, was die Ausstattung angeht, ist das natürlich schon eine Umstellung. Ich benutze z.B. meinen eigenen Laptop. Die Hochschule selbst ist auf praktischen Anwendungen ausgerichtet, nachmittags steht man im Labor, am Vormittag gibt es Theorieunterricht. Und es gibt viele Abgaben, das ist ähnlich wie in Konstanz. Die Kurse sind jedoch deutlich kleiner, in meiner Klasse sind sieben Studenten eingeschrieben. In Jura können es auch mal 30-40 Studierende pro Kurs sein, aber in Informatik sind es im Schnitt fünf bis zehn Studenten. Und der Unterricht ist komplett auf Englisch. Aber da ich eine amerikanische Schule besucht habe, ist die Verständigung für mich überhaupt kein Problem.

Kannst du dir deine Kurse anrechnen lassen?

Weil es noch kein Learning Agreement gibt, kann ich mir wahrscheinlich nichts anrechnen lassen, aber ich habe den Stoff gelernt. Das heißt, ich muss nur ein bisschen umlernen, denn ein paar Dinge will die HTWG anders haben, das muss ich nachholen. Aber ich schreib‘ dann einfach zum Ende des Semesters die meisten Prüfungen in Deutschland mit.

Wo wohnst du? Im Studentenwohnheim?

Nein, ich wohne im Guesthouse. Das ist, wie der Name schon sagt, für Gäste der Hochschule bestimmt. Ich wohne also nicht mit den anderen Studierenden zusammen. Es ist eine Ausnahme, dass ich hier länger wohnen kann, sonst wohnen hier die Profs, die Gastvorlesungen halten. So habe ich ein eigenes Bad, und eine Art Hausmeister, den man rufen kann, wenn man was braucht. Die regulären Wohnheime auf dem Campus sind geschlechtergetrennt, wie in Asien üblich. Ich schätze, es wohnen etwa 100 Studenten und ungefähr 70 Studentinnen dort. Aber die meisten Studierenden kommen aus Bhopal oder aus den umliegenden Orten, wo sie auch wohnen.

Hast du die Unterkunft und deine Kurse schon von Konstanz aus organisiert?

Ich habe vier Monate vor meinem Aufenthalt mit der JLU Kontakt aufgenommen. Um die Unterkunft hat sich die Hochschule gekümmert, das ging reibungslos. Nur das Visum hat ein wenig länger gedauert, das habe ich erst einen Monat vor Abflug erhalten. Ich habe mir im Vorfeld überlegt, welche Kurse ich belegen möchte, aber mich erst vor Ort endgültig entschieden. Ich habe mich in viele Kurse einfach am Anfang reingesetzt, um zu sehen, wie die Professoren sind, welche Anforderungen gestellt werden und mich dann entschieden.

Wie ist das Geschlechterverhältnis in deinem Studiengang, hast du auch Kommilitoninnen, Professorinnen?

Es ist nicht wie in Gesundheitsinformatik an der HTWG, wo der Frauenanteil bei 50 Prozent liegt. In meinen Kurs gibt es ein Mädchen und sechs Jungs, es ist eben Informatik. In anderen Semestern ist das Verhältnis ähnlich. Professorinnen gibt es aber viele, ich würde sagen, ca. 40 Prozent der Lehrenden sind weiblich.

Ein Campus mitten im Dschungel

Wie ist der Kontakt mit den einheimischen Studierenden? Fiel dir das Ankommen leicht?

Mir wurde jemand zugeteilt als eine Art Pate. Da unterhält man sich viel, hängt zusammen ab und lernt weitere Leute kennen. Man kann also sagen, dass ich schnell neue Freunde gefunden habe und mich rasch einleben konnte. Dazu kommt, dass die Inder an Ausländern auch sehr interessiert sind. Es ist einfach ins Gespräch zu kommen. Die meisten meiner indischen Kommilitonen haben Indien ja noch nie verlassen, werden erst im Berufsleben ein wenig von der Welt sehen. Deshalb sind sie sehr neugierig, offen und interessiert.

Man machst du in deiner Freizeit? Gibt es Angebote auf dem Campus?

Ein Nachtleben gibt es hier nicht, um 22 Uhr ist Sperrstunde, danach darf niemand mehr auf die Straße. Der Campus liegt mitten im Dschungel, an den Angeboten in der Stadt kann man nicht so ohne weiteres teilnehmen. Aber die meisten Inder hängen dann einfach im Wohnheim zusammen ab, man kocht zusammen und solche Dinge. Denn die Mensa ist ja rein vegetarisch, wenn man Fleisch essen will, muss man selber kochen oder in die Stadt fahren.

Wie kommt man in die Stadt, fährt ein Bus hin?

Ja, der Bus fährt dreimal pro Woche.

Dreimal pro Woche?

Ja genau! Dienstag, Donnerstag und Samstag. Wenn man ein eigenes Gefährt hat, kann man natürlich auch einfach so in die Stadt fahren. Allerdings muss man um neun Uhr abends zurück auf dem Campus sein und die Hochschule muss die Ausflüge genehmigen. Wenn man länger unterwegs sein will, dann muss man über Nacht woanders bleiben, bei einem Freund übernachten oder so.

Wie fühlt es sich an, wenn man jeden Abend um neun wieder auf dem Campus sein muss? In Konstanz führst du ja wahrscheinlich ein ganz anderes Leben?

Hier ist schon alles viel stärker supervised, es wird mehr vorgegeben als in Deutschland und man ist nicht so selbständig. Auch beim Lernen oder beim Wohnen, man darf beispielsweise auf dem Campus nicht trinken oder rauchen. Es ist ein bisschen einschränkend, aber die Regelung ist auch zum Schutz der Studenten gedacht.

Wie das?

Mit dem Roller durch den Wald zurückzufahren ist nicht ganz so sicher. Und neulich wurde ein Tiger auf dem Campus gesichtet. Er hat einem Hund den Kopf abgebissen.

Was macht man in so einer Situation? Habt ihr zu Anfang eine Sicherheitseinweisung bekommen?

Nein, das nicht, aber natürlich hat der Campus Sicherheitskräfte. Sie haben den Campus abgeriegelt, alle ins Wohnheim geschickt und das Gelände abgesichert. Dann wartet man einfach bis der Tiger vorbeigezogen ist. Weil der Tiger unter Artenschutz steht, können sie auch nichts weiter machen. Aber das ist bisher auch nur zweimal passiert und alle gehen damit eigentlich ziemlich entspannt um. Es gibt auch viele Affen auf dem Campus, die sieht man öfter.

Überwältigende Gastfreundschaft

Ist das Leben von indischen Studierenden ähnlich wie Deines, was würdest du sagen?

Der große Unterschied ist die Selbstständigkeit, die meisten Inder verlassen ihr Elternhaus nicht vor der Hochzeit. Und auch nach der Hochzeit wohnen die verschiedenen Generationen oft gemeinsam in einem großen Haus. Aber man sieht, dass das Zwei-Kinder-Familienmodell langsam auch in Indien ankommt. Das gilt aber natürlich erst mal nur für die Oberschicht. Und das Verhältnis zu den Eltern ist anders: Meine indischen Kommilitonen rufen manchmal ihre Eltern dreimal am Tag an. Einmal ist Minimum. Die Eltern bestimmen auch viel für sie, zum Beispiel was ihre Kinder studieren sollen. Ein Freund hat mir erzählt, dass sein Vater ihm verboten hat, eine Muslimin zu heiraten, da werden schon gewisse Grenzen gesetzt.

Hast du von Bhopal schon viel gesehen?

Die meisten Sehenswürdigkeiten habe ich gesehen. Bhopal nennt sich ja „City of Lakes“, verglichen mit anderen Städten in Mittelindien ist Bhopal eine der schönsten Städte und sehr sauber. Es gibt viele Parks und die Atmosphäre ist entspannt. Aber die Stadt ist natürlich schon groß. Obwohl das in Indien ja ein wenig anders gesehen wird als bei uns: Ein Freund hat mich zu sich eingeladen und gesagt, er wohne in einem Dorf. Das „Dorf“ hatte dann 90.000 Einwohner. (lacht)

Viele Menschen in Deutschland assoziieren die Stadt Bhopal mit dem furchtbaren Chemieunfall, der sich 1984 ereignete. Ist das eigentlich noch ein Thema?

In den fünf Monaten, seit ich hier bin, kam das Thema noch nie auf. Das sagt schon sehr viel. Die meisten wissen zwar davon, aber es wird nie darüber geredet oder diskutiert.

Hattest du Zeit auch im übrigen Land auf Reisen zu gehen?

Ja, ein paar Mal war ich auf Reisen, meistens in Richtung Nordwesten, habe mir Mumbai, Jaipur, den Taj Mahal angeschaut. In fünf Monaten sieht man zwar die größten Attraktionen, aber es reicht natürlich bei weitem nicht, wenn man nebenbei noch studieren will. Indien ist wirklich sehr vielfältig. Im Norden sind die Leute ganz anders als im Süden und sie sehen auch anders aus. Das eine Indien gibt es einfach nicht.

Was hat dich besonders beeindruckt oder überrascht?

Überraschend fand ich das Ausmaß der Gastfreundschaft in Indien. Es gibt dieses Sprichwort: „The Guest is the god“. Das ist wirklich so! Wenn man irgendwo eingeladen ist, dann schenkt man nicht dem Gastgeber etwas, sondern er beschenkt dich. Das hat mich sehr überrascht, ich wurde beschenkt, als ich für eine Woche bei der Familie eines Freundes wohnte. Etwas Vergleichbares habe ich noch nie erlebt.

Was nimmst du von dem Aufenthalt für dich mit?

Mein Ziel war es, mich persönlich weiterzuentwickeln. Das habe ich erreicht. Wenn man einer fremden Kultur ausgesetzt wird und sich darin zurechtfindet, hat man eindeutig etwas dazugelernt. Vor allem Sozialkompetenz, wie man mit Leuten umgeht. In Deutschland sind die Menschen ja sehr direkt, in Indien versucht man Dinge sehr sachte rüberzubringen. Wenn man beispielsweise etwas Falsches sagt, wird niemand wütend und weist dich darauf hin.

Was rätst du anderen, die in Bhopal studieren wollen? Würdest du einen Aufenthalt empfehlen?

Also rein wegen des Studiums vermutlich nicht. Aber die meisten Leute kommen ja nicht wegen des Studiums her, sondern wegen den Erfahrungen. Und was das angeht, kann ich Indien sehr gut empfehlen. Weil Indien aber so divers ist, sollte man sich schon vorher überlegen, wo man hin will. In Bhopal z.B. sind die Leute eher entspannt, da brauchen die Dinge auch gern mal länger, das ist nicht so wie in Mumbai, wo die Menschen strenger getaktet sind. Die Mentalitäten sind von Region zu Region sehr unterschiedlich. Deshalb darf man die in Bhopal gesammelten Erfahrungen auch nicht auf ganz Indien übertragen. Ich würde Studenten empfehlen, nicht an einem Ort zu bleiben, sondern ihren Aufenthalt in zwei Stationen aufzuteilen: In einer Metropole studieren UND in Bhopal. Auf die Weise sieht man einfach mehr. Wenn man das Land tiefgründiger erfassen will, muss man länger bleiben. In naher Zukunft werde ich wohl nicht erneut nach Indien reisen. Aber mich interessiert es sehr, wie Indien sich in zehn Jahren entwickelt haben wird. Welchen Weg das Land einschlägt, z.B. bei der Krankenversicherung, wie man mit den Nationalismus umgehen wird oder dem Zusammenleben der verschiedenen Religionen. Und: Indien wird groß werden, irgendwann China überholen und in unserer Politik von großer Relevanz sein. Da bin ich mir sicher.

Vielen Dank, Anthony, dass du uns Deine Eindrücke geschildert hast!

Kooperationen zwischen der HTWG und Indien

Die Hochschule Konstanz befindet sich in regem Austausch mit indischen Hochschulen und möchte diese Verbindung in naher Zukunft weiter ausbauen und ihre Kooperationen vertiefen. Im Juli und August 2018 war Prof. Dr. Konstantin Hassemer (Studiengang WS) Gastdozent an der Jagran Lakecity University in Bhopal und an der Symbiosis University of Applied Sciences in Indore. Außerdem hat er ein Connected Classroom-Projekt mit deutschen und indischen Studierenden durchgeführt.

Prof. Dr. Smriti Verma von der Symbiosis University of Applied Sciences Indore war im Herbst 2018 für eine Woche als Gastdozentin an der HTWG.

Im Februar/März 2019 werden Prof. Dr. Beate Bergé, Vizepräsidentin der HTWG, und Prof. Dr. Hassemer mit einer Gruppe von 25 Studierenden aus unterschiedlichen Fakultäten nach Bhopal, Indore und Pune reisen. An der Jagran Lakecity University und der Symbiosis University of Applied Sciences in Indore nehmen die Studierenden an einer Summer School teil. Die Summer School behandelt das Thema Innovation und Innovationsmanagement – sowohl aus indischer wie auch aus deutscher Perspektive betrachtet. Außerdem werden die Studierenden indische Unternehmen und Sozialprojekte besuchen. In Pune sind ebenfalls Firmenbesuche geplant.

Prof. Dr. Frank Best (Studiengang BWL) geht für eine Gastdozentur an die Jagran Lakecity University in Bhopal. Prof. Dr. Ditmar Ihlenburg (Studiengang MWI) plant während seines Freistellungsemesters einen Aufenthalt in Bangalore und wird zum Thema „Block Chains“ forschen.