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Welt in den Kopf kriegen: Das Interkulturelle Zentrum der HTWG

16.12.2018

Bewerbungstrainings, Business-Coaching, Betriebsbesichtigungen. Das sind nur einige der Seminare und Workshops, die das IKZ anbietet, um Studierende fit fürs Studium und fähig für den Berufseinstieg zu machen.

Bei seiner Gründung im Jahr 2011 hieß das IKZ noch „Netzwerk für Studium und Beruf“ und war gedacht als Unterstützungsangebot für grundständige ausländische Studierende, für diejenigen ausländischen Studierenden also, die ein vollständiges Bachelor- bzw.Master-Studium an der HTWG absolvieren. Das Angebot sollte ihnen helfen, das Studium besser zu bewältigen und berufliche Perspektiven eröffnen.

Es schloss eine Betreuungslücke zwischen Akademischem Auslandsamt, das schwerpunktmäßig Studierende betreut, die nur für ein oder zwei Semester als Austauschstudenten an der HTWG sind, und dem Studienkolleg, das für ausländische Studierende da ist, die ein Studium an einer deutschen Hochschule anstreben, deren Sprachkenntnisse und Studierfähigkeit dafür aber noch nicht ausreichen. Für die grundständigen ausländischen Studierenden war bis dato niemand explizit zuständig, obwohl die Abbrecherquote unter dieser Gruppe hoch ist. Dies lässt sich leicht erklären, denn zum normalen Stress und Arbeitspensum, mit dem alle Studierenden zu kämpfen haben, kommt für sie noch die fremde Sprache und die Adaption an eine andere Kultur hinzu. Hier versucht das IKZ gezielt zu unterstützen: Zu Beginn des Studiums, bei der Suche nach Praktika und beim Übergang in den Beruf.

Ein Alleinstellungsmerkmal der HTWG

Weil die Gruppe grundständig Studierender aus dem Ausland an der HTWG klein ist und auch deutsche Studierende profitieren von Kursen in interkultureller Kommunikation, von Assessment-Center-Trainings und Seminaren in Selbstorganisation, wurde das Angebot des IKZ ins Studium Generale aufgenommen und die Kurse für alle Studierenden geöffnet. Dieses gemeinsame Lernen von ganz unterschiedlichen Studierendengruppen außerhalb des Curriculums, wie es das IKZ bietet, ist ein wichtiges Angebot in der deutschen Hochschullandschaft und eine schöne Möglichkeit für interdisziplinäres Arbeiten.

Verantwortet wird die Planung, Koordination und Programmgestaltung des Interkulturellen Zentrums von Waltraut Bauersachs und Christine Lang, die beide halbtags für das IKZ arbeiten. Die Lebensläufe der Programmkoordinatorinnen weisen ein stark internationales Profil auf: Christine Lang arbeitete als Au Pair in Paris, studierte Französische Kulturwissenschaft und Interkulturelle Kommunikation in Deutschland und Frankreich und war mehrere Jahre in einem internationalen Projektteam tätig. Waltraut Bauersachs hat Sinologie studiert, am Studienkolleg der HTWG Deutsch als Fremdsprache unterrrichtet und zwölf Jahre als Chinesisch-Dozentin an der Universität St. Gallen gearbeitet.

Die Mittel für den Betrieb des IKZ stammen zum Teil aus Projektförderungen. Das bedeutet für die beiden Projektkoordinatorinnen, immer wieder neue, auf die Förderrichtlinie zugeschnittene Seminare zu gestalten und Förderanträge zu schreiben. Eine Menge Arbeit, die von ihnen aber mit Enthusiasmus und Engagement bewältigt wird. „Ich freue mich jeden Tag hierher zu kommen und hier zu arbeiten. Es ist genau das, was ich machen will“, sagt Waltraut Bauersachs. „Das Schöne ist, dass wir neue Entwicklungen mit in unser Programm aufnehmen können. So haben wir jetzt Startups eingebunden und nutzen die Ressourcen der HTWG, beispielsweise die Gründungsberater von Kilometer 1 und das Open Innovation Lab.“ Dazu gehören auch seit 2016 unterschiedliche Programmformate zur Beratung und Unterstützung von studieninteressierten Geflüchteten bzw. Studierenden mit Fluchthintergrund.

Ihre Kollegin Christine Lang, die seit fast zwei Jahren für das IKZ arbeitet, fügt hinzu: „Ich bin glücklich, dass ich hier inhaltlich den Volltreffer gefunden habe. Ich persönlich merke, dass ich an der richtigen Stelle arbeite und unsere Arbeit wichtig ist. Weil wir Unterstützung anbieten können.“

Aus ihrer beruflichen Erfahrung wissen die Projektkoordinatorinnen, dass es für den Studienerfolg entscheidend ist, ausländische Studierende sehr früh gut zu integrieren. Deshalb gibt es am IKZ seit einiger Zeit das „Zwillingsprogramm“. Die Idee ist, möglichst jedem ausländischen Studierenden von Beginn an einen deutschen Paten aus einem höheren Semester an die Seite zu stellen, um den Studieneinstieg zu erleichtern. In den USA oder auch an skandinavischen Universitäten ist dies als „Buddy-Program“ sehr verbreitet. „Es ist einfach enorm hilfreich, wenn da jemand ist, den man treffen und um Rat fragen kann. Aber es ist durchaus keine einseitige Angelegenheit, auch der deutsche Zwilling profitiert ja davon“, sagt Bauersachs.

Stark für Studium und Beruf

Bei den Studierenden der HTWG sind insbesondere zwei Veranstaltungsreihen beliebt: „Stark für Studium und Beruf“ und das „Zertifikat Studium International“.

Die Reihe „Stark für Studium und Beruf“ existiert fast solange wie das IKZ selbst. Die Veranstaltungsreihe umfasst acht bis neun Kurse und Workshops, die man auch einzeln besuchen kann, und vermittelt den Studierenden Schlüsselqualifikationen, die sie sowohl fürs Studium wie auch für das Berufsleben gebrauchen können – beispielsweise das freie Sprechen in einer Fremdsprache oder die Praktikumssuche im In- und Ausland. Letztgenannte Veranstaltung wird von Studierenden angeboten, die aus erster Hand von ihren Erfahrungen berichten und Tipps geben. So lernen die Studierenden praxisorientiert und lebensnah – und sammeln wie nebenbei noch ECTS-Punkte.

Hanna Schredl, die gerade in England an ihrer Bachelorarbeit schreibt, hat während ihres Informatikstudiums selbst einige Kurse am IKZ besucht. „Bevor ich den Interkulturellen Workshop besucht habe, hatte ich bereits in einem internationalen Projekt mit Leuten aus Korea zusammengearbeitet“, erzählt sie. „Im Rahmen dieses Projekts mussten viele Fragen geklärt werden, von koreanischer Seite hieß es dabei immer: „Ja, alles verstanden, kein Problem.“ Es gab dann aber doch inhaltliche Verständnisprobleme, die ich mir damals gar nicht erklären konnte. Durch den Workshop am IKZ, der kulturelle Unterschiede behandelt hat, wurde mir klar, woran es gelegen hat: Die Koreaner empfanden es einfach als unhöflich, mehrmals nachzufragen, weil man in ihrer Kultur seinem Gegenüber keine Umstände machen will. Mich hat der Workshop dafür sensibilisiert und mir dabei geholfen, mir der kulturellen Unterschiede bewusster zu werden und damit einen Umgang zu finden – aber ohne die Leute zu überanalysieren. Und auch für meine Bewerbung um ein Praktikum in den USA hat mir ein Kurs des IKZ geholfen. Ich habe gelernt, dass man sich in den USA anders bewirbt als bei uns in Deutschland.  In Deutschland zählen eher die Fakten, was hat jemand bisher gemacht usw., in den USA muss man sich immer auch als eine ganz besondere Persönlichkeit verkaufen. Dementsprechend habe ich meine Bewerbung gestaltet und einen Praktikumsplatz bekommen. Ich kann nur jedem empfehlen, sich das Angebot des IKZ anzuschauen und auszuprobieren.“

Mehr erfahren:

Das Interkulturelle Zentrum ist aus einem DAAD-Projekt entstanden, wurde dann durch den Innovations- und Qualitätsfonds (IQF) des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg gefördert und ist inzwischen dem Akademischen Auslandsamt angegliedert. 

Zum Webauftritt des Interkulturellen Zentrums

Das Kursangebot

Auslandserfahrung oder "Internationalisation at home"? Die HTWG bietet beides

Auslandserfahrung ist in jedem Fall ein Pluspunkt bei einer Bewerbung, zeugt sie doch von Flexibilität, Offenheit und sozialer Kompetenz. Wer in seinem Lebenslauf keine Auslandserfahrung vorweisen kann, hat an der Hochschule Konstanz dennoch die Möglichkeit, seine interkulturelle Kompetenz zu trainieren. Christine Lang bezeichnet dies als „Internationalisation at home“. Realisiert wird dies durch das „Zertifikat Studium International“. Es richtet sich an Studierende mit und ohne Auslandserfahrung und besteht aus drei Modulen: Interkulturell Erleben, Interkulturelle Reflexion und Interkulturell Handeln. Das interkulturelle Handeln wird beispielsweise durch die Teilnahme am Zwillingsprogramm nachgewiesen oder durch eine Sprachpatenschaft. Sprachpaten unterstützen einen Geflüchteten beim Deutschlernen. Eine Begegnung, aus der beiden Seiten viel lernen können.

„An den interkulturellen Workshops nehmen immer auch Leute teil, die bis auf zwei Wochen Italienurlaub noch nie im Ausland waren oder in Erwägung gezogen haben, ins Ausland zu gehen“, berichtet Christine Lang. „Wir können beobachten, dass sich in den zwei, drei Tagen des Workshops  viel bewegt. Es entsteht auf einmal der Wunsch, dem mehr nachzugehen. Ich denke da konkret an zwei Studierende, bei denen war das  ganz erstaunlich. Das ist schön, so etwas zu sehen.“

„Diese Kurse sitzt man nicht einfach ab“, ergänzt Bauersachs. „Sie haben viel mit der eigenen Person und der persönlichen Entwicklung zu tun.  Da passiert etwas mit mir, da krieg' ich Welt in meinen Kopf. Man kann noch so oft ins Ausland fahren, wie man will – wenn sich nicht etwas im Kopf tut, wird man nicht interkulturell kompetent. Denn dabei geht es um Reflexion, um eine gewisse geistige Beweglichkeit und Öffnung.“

Ausblick – was steht als Nächstes an?

Das IKZ qualifiziert aber nicht nur Studierende, sondern hat auch schon interkulturelle Trainings für Hochschulmitarbeiter und Lehrende angeboten. Dabei ging es um eine Sensibilisierung für andere Kultur- und Lernhintergründe. Also darum, ein Bewusstsein zu schaffen, dass ausländische Studierende ein Potential mitbringen, das man in die Lehre integrieren kann und dafür nutzen, die eigenen Methoden zu erweitern und zu variieren. Die Projektkoordinatorinnen denken auch über ein Zertifikat für interkulturelle Kompetenz nach, das Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der HTWG erwerben können. So bietet das IKZ einen Mehrwert für die gesamte Hochschule.

Für die nähere Zukunft wünschen sich die Projektkoordinatorinnen einen noch engeren Austausch mit den Fachbereichen und eine größere Präsenz an der Hochschule: „Unsere Angebote sind ja fakultätsübergreifend, deshalb wollen wir noch gezielter auf einzelne Fachbereiche zugehen und die Vernetzung verbessern. Angefangen im Kleinen von Gastworkshops bis hin beispielsweise zur Begleitung von Internationalisierung von Studiengängen“, so Lang. „Und wir wollen das Bewusstsein für die Wichtigkeit der Kompetenzen erhöhen, welche die Studierenden am IKZ erwerben können.“