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Wissenstransfer von Kontinent zu Kontinent

05.03.2019

Aus einem Semesterprojekt wird eine große Aufgabe: Studierende bringen Strom in ein Dorf in Kamerun – in Zusammenarbeit mit den Bewohnern vor Ort.

Es war wie so oft: Beim genaueren Hinschauen, zeigt sich, dass ein Projektplan zwar gut gemeint, aber idealisiert ist. Und, dass sich eine Projektidee jederzeit um 180 Grad drehen kann. Als sie mitten im tropischen Regenwald von Kamerun das Dorf Botbéa erkundeten, wurde den Studierenden klar: Die Vorstellungen, die sie sich gemacht hatten, waren nicht realistisch. „Wir haben gemerkt, dass unsere Probleme nicht die Probleme der afrikanischen Bevölkerung sind“, sagt Ruven Dreischke. Der Student der Elektro- und Informationstechnik klingt jedoch keineswegs resigniert, wenn er von der Reise nach Kamerun berichtet. Ganz im Gegenteil: „Wir wissen jetzt, was wir tun können, damit unser Hilfsangebot wirklich etwas bringt und nachhaltig sein kann“, sagt Lena Golda, die im fünften Semester Wirtschaftsingenieurwesen Maschinenbau studiert.

Wissen statt fertiger Anlage
Beide waren zusammen mit Rebekka Reichert und Jakob Jansen sowie Dozent Wolfgang Heisel im Februar fünf Tage in dem Dorf, 200 Kilometer von der Hafenstadt Douala entfernt, auf Erkundungstour. Ihr Ziel bei Abflug aus Deutschland war, das Dorf ohne Stromversorgung dabei zu unterstützen, dass auch in den Abend- und Nachtstunden ausreichend elektrisches Licht zur Verfügung steht – damit Kinder noch am Abend lernen und Frauen ihre Hausarbeiten auch noch erledigen können, wenn es draußen schon dunkel ist. Damit sollten die gesundheitsschädlichen Kerosinlampen überflüssig werden.
Beim Rückflug allerdings war das Ziel ein etwas anderes: „Wissenstransfer. Wir wollen den Dorfbewohnern das Wissen vermitteln, damit sie sich selbst montieren können, was sie benötigen“, sagt Ruven Dreischke. Wie? Über eine Art Fernstudium. In „Wissensnuggets“ per Video wollen die Studierenden Anleitungen zum Aufbau einer Stromversorgung durch Solarenergie vermitteln. Viele Dorfbewohner besitzen ein Smartphone. Bisher fahren die Dorfbewohner in einen Nachbarort, um das Akku zu laden. Die Kommunikation wäre dann nicht nur einseitig. Die Dorfbewohner könnten in Videotutorials wiederum ihre Herausforderungen und Lösungen dokumentieren. „Das ist ein anderer Ansatz der Entwicklungszusammenarbeit als nur Licht in das Dorf zu bringen“, sagt Wolfgang Heisel.

Semesterprojekt gab Anstoß für das Hilfsprojekt
Doch wie kommt ein Studierendenteam überhaupt dazu, in der vorlesungsfreien Zeit mit einem Dozenten für knapp eine Woche in ein abgelegenes Dorf in den tropischen Regenwald aufzubrechen? Der Anfang des Projekts liegt in der Veranstaltung „Management für Technologie und Innovation“ für Maschinenbau-Studenten. Hier stellte Dozent Wolfgang Heisel 2017 seinen Studierenden die Aufgabe, zu überprüfen, ob die Beleuchtung des Dorfes mit 60 Häusern und 500 Einwohnern in Kamerun mit erneuerbaren Energien machbar wäre beziehungsweise was nötig wäre, um das Projekt umzusetzen. Die Semesterarbeit stellte sich als wichtige Grundlage für die Umsetzung des Projektes heraus. „Wir rechneten viel und versuchten, möglichst genaue Zahlen zusammenzustellen“, erinnert sich Lena Golda und ergänzt: „Wir haben sehr viel recherchiert und zum Beispiel auch überprüft, ob statt Solarenergie auch Wind- oder Wasserkraft ein Thema sein könnten.“ Obwohl es schwer war, die Kosten von Materialien vor Ort zu recherchieren, setzten sie eine Kalkulation für das Projekt auf. „Angefressen“ von der Arbeit wollten die Studierenden das Projekt dann auch umsetzen. Hilfe suchten sie sich bei den „Ingenieuren ohne Grenzen“ (LINK), die bei der Umsetzung solcher Projekte Erfahrung haben und auch in Konstanz mit einer Regionalgruppe vertreten sind. Über das International Solar Energy Research Center (ISC) Konstanz e.V., das ebenfalls schon einige Projekte in Kamerun durchgeführt hatte, wurde das Projekt auch außerhalb von Deutschland bekannt. Schließlich zeigte sich der Verein „Helfen ohne Grenzen“ aus Südtirol interessiert. Er war bereit, die Geldmittel für die Durchführung bereitzustellen. „Dadurch ist aus organisatorischen Gründen der Verein Ingenieure ohne Grenzen als unterstützender Projektführer leider ausgestiegen. Einige Studierende haben bereits viel Arbeitszeit in dieses Projekt investiert und unterstützen dieses auch nun unter der neuen Projektführung“, sagt Heisel anerkennend. Da Helfen ohne Grenzen jedoch bisher noch keine Erfahrung mit technisch orientierten Projekten hatte, sollte die Projektgruppe an der HTWG zusammen mit der NGO das Projekt auslegen und durchführen.

Bei Schneesturm in den Flieger, bei 34 Grad aus dem Flieger
Allen Projektbeteiligten war jedoch klar, dass die konkrete Umsetzung vor einer Erkundung der örtlichen Gegebenheiten nicht möglich sein wird. Den Studierenden war wichtig, sich noch vor der Regenzeit im April einen Überblick zu verschaffen. „Das war schon heftig, wir sind bei Schneesturm in Stuttgart in den Flieger gestiegen und bei 34 Grad Celsius in Douala ausgestiegen“, erzählen sie. Begleitet wurde das HTWG-Team von dem gebürtigen Kameruner Paul Ngwe Mbeleg als Vertreter einer NGO vor Ort. Er arbeitet unter anderem für den ISC Konstanz und wohnt seit 28 Jahren in Stockach. Und mit dabei auch Wolfgang Heisel, der außerhalb seines Lehrauftrags das Engagement fortführt.

 

Waren die Studierenden während der Anreise noch skeptisch, überzeugte sie ein herzlicher Empfang im Dorf mit offiziellen Reden, Musik und Tanz, dass sie und ihr Einsatz willkommen sind. So motivierend der Empfang, so ernüchternd waren jedoch die weiteren Erkenntnisse. Nicht Licht ist das eigentliche Bedürfnis der Bevölkerung. „Wir haben zum Beispiel mit einem jungen Mann gesprochen, dessen dringendster Wunsch ist, in einer eigenen Werkstatt Mopeds reparieren zu können. Aber wie soll das gehen ohne Akkuschrauber? Der braucht Strom. Der junge Mann wird das Dorf verlassen“, sagt Heisel voraus. „Also haben wir uns gefragt: Unter welchen Bedingungen würden sich die Lebensumstände wirklich verbessern? Ist Licht tatsächlich das, was alles besser macht? Wieso ist es dann in anderen Dörfern, in denen ähnliche Projekte bereits erfolgreich umgesetzt worden sind, nicht so viel besser geworden?“ Schließlich sollte ihr Projekt ja einen nachhaltigen Nutzen bringen, Frauen neue Perspektiven bieten und Männern den Druck nehmen, während der Woche zum Arbeiten in die Stadt zu fahren. So entwickelten sie ihr Konzept neu, erweitert um den Wunsch, der Dorfbevölkerung Wissen statt Material zu übergeben, nicht nur in einem Besuch vor Ort, sondern in einem langfristigen Kontakt per Smartphone, zum Beispiel in dreiminütigen Video-Streams.

Erkundung mit Drohne und GPS-Tracker
Dem voraus ging eine gründliche Erkundung: Mit GPS-Trackern und Drohneneinsatz haben die Studierenden das Dorf vermessen, die Infrastruktur wie Wasserversorgung und den Straßenzustand untersucht. „Wir haben die Dorfbewohner interviewt und ihre Häuser besichtigt. Zum Teil sind noch Leitungen von einer früheren Stromverbindung da, zum Teil sind sie aber unbrauchbar, da sie als Wäscheleine umfunktioniert und beschädigt worden sind“, berichtet Lena Golda. Bis zur Erkundung war unklar, wie es um die Sonneneinstrahlung im Tal tatsächlich bestellt ist. Auch in der Hauptstadt Douala hatte sich das HTWG-Team umgeschaut, um zu erfahren, wo sich welches Material kaufen lässt. „Unser Ziel ist schließlich die Produktion von Solarpanels vor Ort aus Materialien vor Ort. Die Wertschöpfung entsteht vor Ort und somit steigt die Wertschätzung für das Produkt erheblich. Mit unseren finanziellen Mitteln soll hier ein Anreiz und Anschub gewährleistet werden“, beschreibt Heisel die Idee.

 

Zusammenarbeit mit Hochschule in Douala angebahnt
Unerwartete Unterstützung verschaffte sich das HTWG-Team durch eine Mischung aus Unverfrorenheit und Beharrlichkeit. In Douala haben sie sich in einer großen Hochschule spontan bis zum Rektorat durchgefragt, wo sie Möglichkeiten der Zusammenarbeit ausloteten – erfolgreich. Hier ist auch die Zusammenarbeit auf wissenschaftlicher Ebene denkbar, zum Beispiel ein gemeinsames Projekt in einer gemeinsamen Vorlesung an der HTWG durchzuführen, online per Bildschirm, schließlich besteht zwischen Kamerun und Deutschland keine Zeitverschiebung.

Der nächste Schritt ist nun, einen Prototyp einer Solarzelle zu bauen, die so auch vor Ort in Kamerun gebaut werden kann. Sie muss möglichst langlebig sein, an die Gegebenheiten vor Ort angepasst sein – und ihre Wartung soll einfach sein. Zwölf Studierende sind derzeit ehrenamtlich im Team dabei, darunter auch Studierende der Fakultät Bauingenieurwesen und der Elektrotechnik und Informationstechnik. Im kommenden Herbst wird das nächste Team vor Ort sein, um die erste Anlage zu installieren.

Dankbar für Spenden
Das Projekt ist auch finanziell ehrgeizig. Derzeit stehen 80.000 Euro Mittel zur Verfügung. Unterstützer hierfür ist der Verein „Helfen ohne Grenzen“ aus Südtirol. „Es ist äußerst ambitioniert, damit 60 Haushalte mit Material für Solarpanels auszustatten“, sagt Heisel. Das Team freut sich deshalb über weitere finanzielle Unterstützung und hat ein Spendenkonto eröffnet. Nicht nur Geld kann helfen, das Gelingen des Projekts zu unterstützen, sondern auch weitere Helfer. Gesucht sind zum Beispiel Studierende, die mit ihren Französischkenntnissen bei der Erstellung der Tutorials helfen können. Interessierte können sich an Wolfgang Heisel wenden.

Frugale Innovation

Die Studierenden setzten sich zusammen mit ihrem Dozenten das Ziel: „Keine Installation von German High End Tech im tropischen Regenwald von Kamerun!“ Vielmehr sollen unter dem Aspekt der frugalen Innovation ein neues Konzept sowie neue Produkte entstehen, die unter der Anleitung von Wissensträgern, wie beispielsweise den Studierenden, vor Ort von den Dorfbewohnern selbst umgesetzt werden. Carlos Ghosn, Vorsitzender und CEO der Renault-Nissan Alliance, prägte den Begriff "Frugal Engineering" im Jahr 2006. Er war beeindruckt von der Fähigkeit indischer Ingenieure, unter strengen Ressourceneinschränkungen kosteneffizient und schnell Innovationen zu realisieren. Frugal Innovation ist ein Konzept, das Unternehmen dazu drängt, auf Ressourcenbeschränkungen zu reagieren - ob finanziell, materiell oder institutionell - und diese Einschränkungen in innovative Ideen und praktische Lösungen zu verwandeln.

Beispiel: Ein Produkt oder eine Dienstleistung, die auf den Frugal-Innovationsprinzipien beruht, sollte für 50 bis 70 Prozent niedrigere Kosten als die derzeitige Alternative erhältlich sein und mindestens 70 bis 80 Prozent der Funktionalität aufweisen, ohne dabei die Qualität zu beeinträchtigen.