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Neustart für das Bodensee Racing Team

13.11.2019

Zum ersten Mal wird das BRT einen Rennwagen mit elektrischem Antrieb bauen. Damit verändert sich für das Team fast alles. Eines aber nicht: Der besondere Spirit innerhalb der Formula Student.

Egal, welche Herausforderungen sie in den letzten Jahren zu bewältigen hatten. Immer wieder war ein entscheidender Teil der Lösung das Team selbst. Das kollegiale Zusammenarbeiten über Studiengang- und Fakultätsgrenzen hinweg ist ein ganz besonderes. In der neuen Saison der Formula Student wird es einmal mehr gefordert sein. Denn zum ersten Mal in der Teamgeschichte konstruiert das Bodensee Racing Team einen Rennwagen mit Elektroantrieb.

Vorfreude auf komplett neues Auto
Der Iltis 20 wird ein ganz anderer sein als seine 14 Vorgänger. Max Rüdinger, im BRT (Sponsoring Leiter) und Organisationsleiter Moritz Huxhorn räumen auf die Frage, was sie denn aus den Modellen der vergangenen Jahre werden übernehmen können, lachend und freimütig ein: „Eigentlich fast nix“. Denn: Der Iltis ist ein großes Gesamtsystem, in dem jedes Teil ineinandergreifen muss. „Veränderungen an einer Stelle ziehen einen riesigen Rattenschwanz nötiger Veränderungen an anderen Stellen nach sich“, macht Max Rüdinger anschaulich. Viel Arbeit muss das Team also in den nächsten Monaten in sein neues Projekt stecken. Bei der Aufzählung der Aufgaben ist allerdings unverkennbar, wie groß die Lust darauf ist.

Fallnetz fehlt
„Der Iltis 20 gibt uns die Chance, bei Null anzufangen“, sagt Organisationsleiter Moritz Huxhorn. In den zurückliegenden Jahren sei vieles durch das Konzept vom jeweiligen Vorgänger-Auto vorgegeben gewesen. „Diese Saison kann man mal out of the box denken und was Neues probieren“, freut sich der Organisationsleiter.

Was ist der Reiz am Elektroantrieb?
Auf diese Frage antwortet Moritz Huxhorn schnell: „Das ist die Zukunft. Auf den Straßenverkehr bezogen, steht für mich fest, dass der Antrieb über einen Akku erfolgen wird oder über Wasserstoff - es wird wahrscheinlich beides geben und auch den Verbrenner über Hybridtechnik.“ Deshalb sei die Mitarbeit beim BRT für jeden im Team eine Erfahrung, die für das spätere Berufsleben sinnvoll sei. Es sei eine Chance nicht nur für das Team, sondern für die ganze Hochschule, so ein zukunftsorientiertes Projekt anbieten zu können.
Die Studierenden der HTWG scheinen dies genauso zu sehen. Das Interesse am BRT war schon immer groß. Das Interesse am Recruiting-Day zum Start des Wintersemesters war gleichbleibend hoch, auch wenn es natürlich einige „petrol heads“ gibt, die durch den elektrischen Antrieb etwas abgeschreckt werden.

Ein paar hundert Seiten Reglement
Der Weg zum neuen Auto erfordert erstmal viel Arbeit. „Das wichtigste ist, das Reglement zu lesen. Und zwar nicht nur einmal. Das sind ein paar hundert Seiten“, erläutert Max Rüdinger das Vorgehen. Im zweiten Schritt folge dann die Erstellung eines groben Konzepts. Das finale Ziel ist, 2020 einen Allradantrieb zu bauen. Einfach machen? Das ist ohnehin nicht ihr Ding. Max Rüdinger sagt: „Unser Anspruch ist nicht, viele gekaufte Teile zusammenzubauen, sondern wir wollen was dabei lernen.“

Wer etwas lernen will, wird belohnt
Und dieser Anspruch wird von den Teams der Formula Student gewürdigt. So sei es gar kein Problem, zu den Konkurrenzteams zu gehen und sie zu fragen, wie sie was warum gemacht haben. „Wenn die merken, der hat sich Gedanken gemacht und hat die gleiche Passion für die Formula Student, dann helfen die einem auch. Da haben wir natürlich ein wenig Benchmarking gemacht, geguckt, wie machen es die anderen, was können wir uns abschauen, was können wir besser machen. Dann haben wir uns eingelesen und dann haben wir angefangen“, blickt Rüdinger zurück.

Wer kann mitmachen?

Alle Studierenden aller Studiengänge der HTWG und der Universität Konstanz sowie Besucherinnen und Besucher des Studienkollegs können sich für eine Mitarbeit beim BRT bewerben.
In einigen Studiengängen der HTWG werden 1 bzw. 2 ECTS-Punkte im Rahmen des Studium generale anerkannt. Es können unbenotete und benotete Prüfungsleistungen erbracht werden.
Weitere Informationen unter www.brt-konstanz.de

Großes Interesse von Sponsoren
Das Interesse der Sponsoren am neuen Iltis ist groß. In der Automobilbranche wird viel auf E-Mobilität gesetzt. „Da wird eher mehr Geld reingesteckt als in die Verbrenner-Technologie“, sagt Max Rüdinger. Das ist für das Team ein nicht zu vernachlässigender Punkt. „Denn der Elektroantrieb wird schon sehr teuer, wir stehen da finanziell vor großen Herausforderungen“, räumt Max Rüdinger ein und zählt auf: „Die Sensoren, die Motoren, die Batterien sind teuer, und auch die Sicherheitsmaßnahmen. Dazu kommen noch Schutzausrüstung, spezielles Werkzeug und noch mehr.“

Firmenkontakte für das spätere Berufsleben
Die Firmen sind – nicht ganz uneigennützig – bereit, Geld zu investieren. Moritz Huxhorn erzählt: „Fast alle großen Automobilfirmen stellen bei der FSG aus.“ Die Folge: Man könne bei den Events sehr leicht mit den Firmen in Kontakt treten. Diese Chance bekomme man nicht so leicht, wenn man nicht an der Formula Student teilnehme.

Woher kommt die Motivation für das BRT?
Mitglied im BRT sein zu können, ist allerdings weit mehr, als Kontakte für das spätere Berufsleben zu knüpfen. Es ist offensichtlich eine Bereicherung des Studierendenlebens, die die, die dabei sind, nicht missen möchten. Für Moritz Huxhorn war das Team sogar ausschlaggebend, sich für die HTWG zu entscheiden. Weil er Motorsport begeistert ist, aber auch die Möglichkeiten schätzt, selbst vieles auszuprobieren. „Man hat bei uns Möglichkeiten, die man sonst nirgends hat. In einer Vorlesung lernt man nicht, wie man ein Team mit 50 Leuten führt“, nennt Max Rüdinger als Beispiel.
Das Ausprobieren bezieht sich auf Soft Skills wie zum Beispiel Teamarbeit und –führung, Zeitmanagement, aber auch ganz konkret fachliches Know How: Schon im letzten Semester hat der Iltis20, der erste Iltis mit Elektroantrieb, Themen für Projekt- und Abschlussarbeiten geliefert. Nicole Balz (MEP) zum Beispiel hat ihre Bachelorthesis über das Thermomanagement der Batterie verfasst. Max Rüdinger weist auf die ausgefeilte Sensorik hin: „Ich studiere Automobilinformationstechnik, deshalb kenne ich mich in der Elektronik aus und weiß, wie geil unsere Elektronik ist. Ich finde es immer wieder erstaunlich, was Studenten mit ein bisschen Budget und viel Leidenschaft auf die Beine gestellt bekommen. Ob das der Rahmen ist oder die Aerodynamik oder eben die Elektronik.

Zeitbudget ganz individuell
Wer nun meint, neben Studium und BRT gebe es kein Leben mehr, den kann Max Rüdinger beruhigen: „Jeder investiert nur so viel Arbeit wie er leisten kann. Wenn einer weniger machen will, ist das völlig in Ordnung“, sagt Max Rüdinger. Auch Fehler sind erlaubt. „Ich habe genug kaputt gemacht, dadurch lernt man ja,“ sagt er. Ein No-Go ist es aber, nur einen Pluspunkt für den Lebenslauf zu sammeln. „Die haben keine Leidenschaft“, klagt Max Rüdinger. „Wir wollen die, die motiviert sind. Die Studiengänge oder ob man Vorwissen hat, sind uns egal. Hauptsache, man hat Bock drauf, einen Rennwagen zu bauen.“

Besonderer Spirit
Das gemeinsame Ziel schweißt das Team zusammen. Beide BRT-Mitglieder sind stolz auf die „superkollegiale Stimmung“. Das macht es ein bisschen besonders hier“. Das werde besonders bei Events deutlich: Man hockt drei Wochen aufeinander und wenn man sich da nicht so wunderbar versteht, könne das problematisch werden.
„Wir haben hier eine coole Werkstatt, wir haben echt gute Sponsoren, die Hochschule steht hinter uns“, freut sich Max Rüdinger und Moritz Huxhorn weist auf die auch zahlenmäßige, Stärke des Teams hin: „Man darf nicht vergessen: Wir sind 5000 Studierende an der HTWG, und wir sind ein Team von 50 Leuten, also ein Prozent der Hochschule geht praktisch zu uns.“

Umstellung auf den E-Antrieb gut vorbereitet
Dank der vielen Teammitglieder war es möglich, schon im Sommersemester Teammitglieder aus der Produktion des Iltis19 abzuziehen, um die Entwicklung für diese Saison voranzutreiben. Daneben war den Teamverantwortlichen wichtig, neues Personal auszubilden. „Viele sind in der letzten Saison mitgegangen und werden nun voll in der Entwicklung dabei sein“, blickt Huxhorn voraus.

Motivationsschub: 2019 war die erfolgreichste Saison der Teamgeschichte
Dabei war der Abschied vom klassischen Verbrenner-Iltis ein echter Höhepunkt in der Teamgeschichte. In der Saison 2019 hat er punkte- und platzmäßig das in der kompletten Teamgeschichte beste Ergebnis eingefahren. Und das, obwohl ja ein Teil der Teammitglieder schon bei den Vorbereitungen für den Iltis20 war. „Unser Auto ist extrem gut gewesen, das Beste, das wir jemals gebaut haben“, sagt Moritz Huxhorn. Die Strategie der Teamleitung hatte sich bewährt, beim letzten Verbrenner-Iltis auf Evolution, nicht Revolution zu setzen. „Wir wollten einen schönen Abschluss haben“, sagt Max Rüdinger.
Dadurch belegte der Iltis 19 in Österreich mit Platz 7 von 34 und in Tschechien mit Platz 5 von 33 teilnehmenden Teams zwei Top Ten Plätze, wobei man in Deutschland nur knapp scheiterte, als man den Platz 11 von 60 belegte. Die Punktzahlen wurden dabei immer weiter gesteigert, was zum punktbesten Ergebnis: 765 Punkte führte. Max Rüdinger hebt den Erfolg hervor: „Man kann 1000 Punkte holen und ab 700 ist man verdammt gut. Auch in Hockenheim haben wir große Hochschulen hinter uns gelassen, aber auch einige Unis. Das ist ein Riesenerfolg für uns. Das ist einfach geil, das macht dann riesig Spaß.“

Die Formula Student

Historie
Die Formula Student ist ein internationaler Konstruktionswettbewerb für Studierende. Ins Leben gerufen wurde er 1981 in den USA. Heute findet dieser Wettbewerb weltweit statt und es nehmen mehr als 500 Teams mit ihren selbstgebauten Rennwagen daran teil. Die Wettbewerbe werden bis auf wenige Modifikationen nach denselben Regeln ausgetragen, so dass Teams mit ihren Rennwagen an mehreren Veranstaltungen teilnehmen können.
Das Konzept
Studierende konstruieren, planen und bauen in Teamarbeit einen einsitzigen Formelrennwagen, um damit bei dem Konstruktionswettbewerb gegen Teams aus der ganzen Welt anzutreten. Bei der Formula Student gewinnt nicht zwingend das schnellste Auto, sondern das Gesamtpaket aus Konstruktion, Kostenplanung, Verkaufsstrategie und Rennperformance ist entscheidend. Dabei haben die Studierenden in ihrer Konzeptionsphase weitestgehend freie Hand und müssen sich nur an die sicherheitsrelevanten Punkte des gegebenen Reglements halten.
Die Disziplinen
Der Wettbewerb kann grundlegend in zwei Bereiche unterteilt werden, in die dynamischen und statischen Disziplinen. Insgesamt können in acht Disziplinen 1.000 Punkte erreicht werden.
- Statische Disziplinen (325 Punkte)
- Dynamische Disziplinen (675 Punkte)

Und wie erklären sie sich den Erfolg: „Ich würde behaupten, dass das Team gut war. Unser Auto ist vielleicht technisch nicht das beste, aber es ist verdammt gut abgestimmt. Unsere Fahrer wissen damit umzugehen, unser Team hat – spätestens nach Österreich, als es ein bisschen eingespielt war - genau gewusst, was es tut. Wir hatten sehr effektive Testtage. Es ist einfach die Mischung aus unserem simplen, aber sehr guten Konzept und einem guten Team“, so die Erklärung von Max Rüdinger.

Strategie für 2020: Erfahrungen sammeln
Nach den Höhenflügen in der Saison 2019 sind die Ziele für den Elektro-Iltis weit niedriger gehängt: „Wir werden nicht um den Sieg fahren und auch nicht um einen Platz unter den Top Ten“, betont Moritz Huxhorn. Stattdessen ist der Plan: „Wir versuchen, ein Auto hinzubekommen, das am Ende auch bei der Endurance durchfährt.“ Dazu sei es wichtig, dass das Team nun in der Vorbereitung seinen Zeitplan einhalten kann, damit es das Auto noch vor den Events testen kann. „Wenn uns das gelingt, haben wir schon vieles richtig gemacht“, blickt er voraus. Langfristig will das Team aber sehr wohl nach oben: „Das ist der erste Schritt auf dem Weg zur Weltspitze“, sagt Max Rüdinger. Was sich vielleicht blöd anhöre, relativiere sich, wenn man bedenke, dass das BRT eines der besten deutschen Verbrenner-Teams war. Warum also nicht auch mit dem Elektro-Iltis durchstarten?

Wissensaustausch mit eLaketric?
Etwas mehr Erfahrung mit dem Elektroantrieb hat das Team eLaketric, das einem selbst entwickelten Rennmotorrad mit Elektroantrieb am Wettbewerb MotoStudent teilnimmt. Das Team baut gerade an seiner dritten Maschine, der Amperia20. Eine direkte Zusammenarbeit zwischen den Teams gibt es (noch) nicht. Dies liege unter anderem daran, dass die Wettbewerbe sehr unterschiedlich seien. „Wir fahren ein anderes Konzept, eine andere Spannung, dadurch ändert sich vieles“, sagt Moritz Huxhorn und ergänzt: „Und wir haben ein Auto, die ein Motorrad, das ist schon ein großer Unterschied. Aber wir werden sehen, wie sich das in den nächsten Monaten entwickelt.“

Fahrerloses Fahren
„Das seit 2018 bestehende Driverless Subteam arbeitet daran 2021 ein dynamisches Event driverless absolvieren zu können, obwohl man es wohl auch mit Fahrer fahren darf“, sagt der Organisationsleiter. Das BRT hat für sich entschieden, trotzdem dranbleiben zu wollen. Aber: „Wir werden kein komplettes driverless-Team werden, dafür reicht es nicht aus, dafür haben wir nicht die Kapazität“, betont Huxhorn. Im Übrigen sind bisher nur die ganz großen Teams mit dabei wie die TU München, Uni Stuttgart, TU Berlin, und richtig gut seien eigentlich nur das KIT und die ETH Zürich.
Aber wer weiß, das Team hat schließlich schon viele Herausforderungen gemeistert. Das kollegiale Zusammenarbeiten über Studiengang- und Fakultätsgrenzen hinweg ist schließlich ein ganz besonderes. Und das wird es bleiben.