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Keine Chance für Warteschlangen

Ein gemeinsames Forschungsprojekt der HTWG Hochschule Konstanz und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften will helfen, Besucherströme in der Bodenseeregion zu lenken.

Die Bodenseeregion zieht zahlreiche Gäste an. Die einen kommen wegen der Natur, die anderen wegen der Freizeitaktivitäten, wieder andere wegen der Kultur. Und dann gibt es noch die Einkaufstouristen. Sie alle zeigen insbesondere an Wochenenden und in der Hauptsaison die Grenzen der Infrastruktur der Region auf – zum Leidwesen jeder einzelnen Besuchergruppe wie auch der Einheimischen. Die unterschiedlichen Gruppen aneinander vorbeilotsen zu können, war Ziel des Forschungsprojekts „PredTour“, das die HTWG Hochschule Konstanz gemeinsam mit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW, Standort Winterthur, bearbeitet hat. PredTour steht für Predicting Tourism Movement, also dem Vorhersehen der touristischen Bewegungsmuster.

Prof. Dr. Tatjana Thimm, Tourismusforscherin an der HTWG, hat mittels Fragebögen unter den Besuchern von Konstanz, Singen und Radolfzell Daten erhoben wie: Woher kommen Sie? Wohin möchten Sie? Weshalb sind Sie hier –zum Einkaufen, Bummeln, für Freizeitaktivitäten, zum Arbeiten oder für einen Restaurant- oder Cafébesuch? Eine der Erkenntnisse: Shoppingtouristen lassen sich nicht in eine einzige Schublade stecken. Gerade die Schweizer Tagesgäste verbinden ihre Einkaufstour gerne mit einem Restaurant- oder Cafébesuch. „Hier liegt großes Potential für die Städte, den Gästen ein Cityerlebnis zu bieten“, sagte die Wissenschaftlerin bei der Vorstellung der Ergebnisse. Gäste, die am Bodensee übernachten, haben dagegen kaum Interesse an Einkäufen, sie fokussieren sich auf Freizeitaktivitäten.

Wie können sie geleitet werden? Eine Lösung könnte sein, allen Besuchergruppen wie auch Einheimischen über eine Smartphone-App zu ermöglichen, sich in Echtzeit einen Überblick über die aktuelle Situation beispielsweise im Einkaufszentrum, in den Parkhäusern oder im Museum zu verschaffen. Dementsprechend könnten sie ihre Pläne anpassen. Auch könnte die App an den Interessen der Nutzer orientiert Vorschläge für ein Alternativprogramm machen. So das Ziel von Projektleiter Prof. Dr. Ralf Seepold, selbst Informatiker, der mit seinem Team innerhalb des Projekts einen Prototyp entwickelt hat.

App könnte als Wegweiser dienen

„Grundsätzlich ist das Interesse an einer solchen App groß“, sagte Marcel Hüttermann, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Marketing Management der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW. Das Institut hat über die Zeitung „20 Minuten“ 1600 Leser als potentielle Nutzer einer solchen App nach deren Bedürfnissen befragt. Ein Drittel der Befragten könnte sich die Nutzung einer solchen App vorstellen. Und auch die Bereitschaft, das Verhalten entsprechend der App-Vorschläge zu ändern, sei gegeben. Einige der Befragten waren sogar bereit, für die App zu zahlen. Trotz der grundsätzlich positiven Rückmeldungen gab es auch Vorbehalte zur Erfassung von Nutzerdaten. „Hier muss erst Vertrauen aufgebaut werden“, räumte Prof. Dr. Ralf Seepold ein. Eine weitere Erhebung in einer kleineren Gruppe hat konkretere Wünsche ergeben: So sollten die Nutzer die Möglichkeit haben, ihre individuellen Interessen zu hinterlegen. Und: Im Idealfall müsste nicht eine neue App installiert werden, sondern die Funktionen sollten in eine bereits bestehende App integriert werden.

All das wäre technisch möglich, wären die Forscherinnen und Forscher in ihrem Projekt nicht immer wieder auf ein großes Problem gestoßen: Die Datenerhebung in Echtzeit. Mögliche Kooperationspartner wie die Anbieter von WLAN, von Parkhäusern oder öffentlichem Nahverkehr, waren noch nicht bereit, für das Forschungsprojekt Schnittstellen zur Verfügung zu stellen. Auch wenn das Projekt, das von der Internationalen Bodensee-Hochschule gefördert worden war, nun abgeschlossen ist, sind die Forscher interessiert, daran weiterzuarbeiten. Sie wollen ihre Idee im Idealfall gemeinsam mit Kommunen oder Stadtwerken weiterverfolgen. Eine finanzielle Unterstützung ist über eine Förderung der Internationalen Bodensee-Hochschule zu Wissenstransfer denkbar. Eric Thiel, Geschäftsführer der Marketing und Tourismus Konstanz GmbH, der bei der Präsentation der Ergebnisse dabei war, will in jedem Fall mit dem Forscherteam weiter in Kontakt bleiben. (aw)

Bildtext:
Sie arbeiteten im Forschungsprojekt „PredTour“ zusammen (von links): Prof. Dr. Frank Hannich (Institut für Marketing Management ZHAW), Maksym Gaiduk (Informatik HTWG), Marcel Hüttermann (Institut für Marketing Management ZHAW), Prof. Dr. Ralf Seepold (Informatik HTWG) und Prof. Dr. Tatjana Thimm (Tourismusforschung HTWG).