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Smarte Lösungen

05.12.2019

Die HTWG ist Teil des landesweiten Kompetenzzentrums Smart Services. Unternehmen der Region können sich bei der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle und -prozesse auf wissenschaftliche Begleitung stützen.

„Wir sind die, die mit Papier und Bleistift arbeiten“, sagt Prof. Dr.-Ing. Stefan Schweiger lachend. Mit dem überraschenden Bild will er die Abgrenzung zu den Forschenden anschaulich machen, die die Chancen der Digitalisierung in der Produktion untersuchen. Denn im Gegensatz zum fokussierten Blick auf die technologischen Möglichkeiten dort nimmt Prof. Schweiger mit seinem Team die betriebswirtschaftliche Perspektive ein. Wann lohnt sich der Einsatz von Mitteln der Digitalisierung überhaupt? Und welche Konsequenzen hat das? Wie kann der Kundenbedarf gedeckt werden? Gerade kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) müssen abwägen, welchen Sinn der Einsatz neuer Möglichkeiten hat. Digitalisierung um jeden Preis? Das können sie sich nicht leisten. Aber wichtige Trends verschlafen? Auch das kann teuer werden.

Für sie bietet das Verbundprojekt „Kompetenzzentrum Smart Services“ spezielle Leistungen. Das Zentrum soll Anlaufstelle für Digitalisierungsfragen in puncto Dienstleistungen sein und vorhandene Kompetenzen der Dienstleistungsforschung und des Wissenstransfers in Baden-Württemberg bündeln. Es hat zum Ziel, KMU bei der Weiterentwicklung ihrer Service-Strategien, -Produkte, -Prozesse und –Kompetenzen im Bereich digitaler Smart Services zu unterstützen. Mit 1,2 Millionen Euro fördert das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg das Projekt. Die Aufgabenfelder sind derzeit auf fünf Standorte verteilt.

 

Smart Services

Smart Services bieten die Möglichkeit, das bestehende Leistungsportfolio mit Hilfe digitaler Technologien zu erweitern – oder auch auf den Kopf zu stellen, um so neue Geschäftsfelder zu erschließen. „Für einige KMU bedeutet Digitalisierung bisher hauptsächlich Effizienzsteigerung und Prozessoptimierung. Durch das Kompetenzzentrum Smart Services wollen wir den Unternehmen näherbringen, dass sich durch Digitalisierung ebenfalls viel Potenzial in der Geschäftsfelderweiterung verbirgt“, erläutert Valerie Bass. Dies kann beispielsweise auf der Basis automatisierter Datensammlung und -auswertung, dem Kundenprofiling und -tracking oder der Fernüberwachung von Maschinen erfolgen.

Mitglieder des Kompetenzzentrums sind das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO in Stuttgart, das Institut für Betriebsführung im DHI in Karlsruhe sowie die Hochschulen Furtwangen und Konstanz. Neu hinzu gekommen ist das KODIS in Heilbronn. Das Fraunhofer IAO hat die Konsortialführung des Projekts übernommen. Dem Standort Konstanz gehören – über einen Zeitraum von zunächst zwei Jahren – neben Prof. Dr.-Ing. Stefan Schweiger Valerie Bass und Julius Taubert, beide Studierende bzw. Absolventen des Master-Studiengangs Unternehmensführung an der HTWG, an. Das Kompetenzzentrum arbeitet grundsätzlich branchenübergreifend, die Schwerpunkte am Standort Konstanz liegen in den Bereichen Gesundheit, Mobilität und Umwelt.  „Mit unseren Schwerpunkten treffen wir drei aktuelle Themen, die bei unseren Partnern auf großes Interesse stoßen“, sagt Mitarbeiterin Valerie Bass.

Pilotprojekte mit einzigartigem Profil
Gemeinsam mit Partnern aus Radolfzell und von der Insel Reichenau hat das Team relevante Optimierungsansätze identifiziert, die auf neuen Technologien basieren. Im weiteren Verlauf werden diese von Studierenden untersucht und bearbeitet.  Die Ideen der Studierenden seien sehr willkommen: „In vielen alteingesessenen Unternehmen ist nicht geklärt, wer sich um die Digitalisierung kümmern soll“, hat Prof. Stefan Schweiger beobachtet. Hier könne die Hochschule ihre Kompetenz einbringen.

Keine Patentrezepte von der Stange
Die Stadtwerke Radolfzell und die Genossenschaft Gemüse Reichenau haben sich in Pilotprojekten darauf eingelassen. Beide hätten erkannt, dass sie digitale Technologien einsetzen könnten, um ihre Effizienz zu steigern bzw. neue Geschäftspotenziale zu erschließen. Beide Unternehmen seien in ihrer Art einzigartig. Zum Beispiel die Genossenschaft Gemüse Reichenau: „Eine bäuerliche Erzeugergemeinschaft in der Form der Gemüse Reichenau ist sehr selten. Da lassen sich keine Patentrezepte von der Stange einsetzen“, erläutert Prof. Schweiger. An praxistauglichen Lösungen arbeiten nun Studierende aus dem ersten Mastersemester. Sie nehmen vor allem die Kommunikationswege innerhalb der Genossenschaft unter die Lupe. Denn noch kündigen die Erzeugerbetriebe per Fax, Mail und Telefon ihre Lieferungen an. Das Bündeln aller Informationen für eine effektive Logistik ist nicht nur in der Hauptsaison eine Herausforderung. Ist eine App die Lösung? Und wenn ja, welche Anforderungen muss sie erfüllen? „Die Studierenden haben hierfür frische Ideen“, sagt Prof. Schweiger. Gerade das werde von den Projektpartnern geschätzt.

Welches Preismodell passt?
So auch bei den Stadtwerken Radolfzell: Sie wollen als erste Stadtwerke einer mittelgroßen Stadt innerhalb einer Car-Sharing-Flotte nur Autos mit Elektroantrieb einsetzen. Die Besonderheiten beschränken sich nicht nur auf den Antrieb: Die Flotte soll zudem sowohl von Mitarbeitern der Stadtwerke Radolfzell wie auch von Bürgern und Touristen gebucht werden können. „Hier ist die Besonderheit, dass die Autos und auch eine App schon vorhanden sind – nur das Preismodell noch nicht“, erläutert Julius Taubert. Also hat das Projektteam die Preismodelle verschiedener Car-Sharing-Angebote in Deutschland verglichen. Nun arbeitet man an Lösungen, die sowohl für die Stadtwerke wie die potentiellen Nutzerinnen und Nutzer attraktiv sind. „Wie wäre es, wenn Hotels bereits bei der Buchung einige Stunden Nutzungszeit des Autos mit anbieten? Wäre eine Kooperation mit touristischen Zielen sinnvoll, so dass es Eintrittsermäßigungen gibt, wenn man mit dem Wagen aus der Flotte der Stadtwerke anreist? Wären Sondertarife für Geschäftstreibende eine Überlegung wert? Ein Rabattsystem für Bürgerinnen und Bürger?“ Dies sind nur einige Fragen, die auf dem Weg zu einer umfassenden Pricing-Strategie zu klären sind. Technologisch umsetzbar wäre dies alles dank Digitalisierung.

Stärkung von Unternehmensdienstleistungen
Ministerialdirektor Michael Kleiner sagte bei der Übergabe des Förderbescheids: „Wir wollen den gesamten Bereich der Unternehmensdienstleistungen sowie die Wachstums- und Entwicklungspotenziale der Dienstleistungswirtschaft stärker in den Blick nehmen.“ Und: „Wir wollen dazu beitragen, dass die kleinen und mittleren Dienstleistungsunternehmen ihre Innovationsleistung steigern, ihre Produktivität verbessern und auch die Industriebetriebe ihre Aktivitäten mit Smart Services ausweiten können.“ Bei all dem will das Kompetenzzentrum unterstützen. „Hier spielen dann auch Themen wie Change Management hinein“, erläutert Julius Taubert. Und Stefan Schweiger weist auf die Vernetzung des Teams auf dem Campus und die Konzentration gefragter Kompetenzen im Gebäude P hin: „Drei Türen weiter sitzen Wirtschaftsrechtler, ein Stockwerk weiter unten mit Prof. Dr. Annette Kleinfeld eine Wirtschaftsethikerin – auch deren Fachgebiete sind für unsere Fragestellungen von Bedeutung.“

Schaulaufen von Studierenden und Unternehmen
Die Fragestellungen der KMU kann das Team des Kompetenzzentrums selbst untersuchen, in Projektarbeiten von Studierenden betrachten oder als Abschlussarbeit mit wissenschaftlicher Tiefe bearbeiten lassen. „Ich sehe solche Analysen auch als Schaulaufen der Studierenden und Unternehmen“, sagt Prof. Stefan Schweiger schmunzelnd. Schließlich könnten sich Unternehmen so ein Bild von den Kompetenzen potentieller Arbeitnehmer machen, umgekehrt könnten Studierende erfahren, dass Arbeitgeber außerhalb des Mainstreams große Attraktivität haben können. Julius Taubert ergänzt: „Bei KMU in der Region haben Absolventinnen und Absolventen die Möglichkeit, Wege zu beschreiten, die noch nicht ausgetreten sind – was bei großen Firmen schon eher der Fall sein kann.“

Mehr Fallbeispiele, mehr Analogien
In den nächsten Monaten will das Team die Fallzahl der betrachteten Unternehmen erhöhen. Das Portfolio an Themen soll damit stetig wachsen. Übertragbare Patentrezepte erwartet Prof. Schweiger allerdings dennoch nicht. „Aber wir werden sicher Analogien sehen und Best-Practice-Beispiele auch auf der Website aufführen können, die wiederum Impulse geben können“, blickt er voraus. Dies sei gerade im regionalen Mittelstand von Vorteil. „Hier kennt man sich und tauscht sich aus. Wenn etwas beim Kollegen funktioniert hat, hat man Vertrauen, es selbst auch auszuprobieren“, so Schweiger. Interessierte Unternehmen sind also willkommen. Das Team freut sich auf neue Herausforderungen. „Man gewinnt täglich neue interessante Einsichten und Erkenntnisse“, blickt er auf die bisherige Arbeit im Kompetenzzentrum zurück.

Präsentation außerhalb der Hochschule
Das Kompetenzzentrum will sich auch Unternehmen präsentieren. Im März stellt es sich beim Thurgauer Technologietag vor, mit der IHK stehen die Wissenschaftler regelmäßig in Kontakt. Auch der Austausch innerhalb des Think Tanks des Kompetenzzentrums ist ihnen wichtig. Alle fünf Projektpartner halten sich darüber auf dem Laufenden, „wo KMU in Sachen Digitalisierung und Smart Services der Schuh drückt“, sagt Schweiger. Für die breite Öffentlichkeit wird das Kompetenzzentrum bei der 6. Konstanzer Langen Nacht der Wissenschaft am 4. Juli im wahrsten Sinne des Wortes erlebbar. Dann werden die Besucherinnen und Besucher selbst in die Rolle der Wissenschaftler schlüpfen und sich darin üben können, Smart-Service-Lösungen für KMU zu finden.

Transparenz für die Bodenseeregion
Für eine nachhaltige Präsentation der Antworten auf Digitalisierungsfragen in puncto Dienstleistungen und zum Aufzeigen von vorhandenen Kompetenzen in der Dienstleistungsforschung, arbeitet das Kompetenzzentrum Smart Services eng mit dem, ebenfalls an der HTWG Konstanz ansässigen, Bodenseezentrum Innovation 4.0 zusammen. Im Rahmen der Digitalisierungsinitiative Bodensee der Internationalen Bodensee-Konferenz (IBK) wird unter Federführung des BZI 4.0 ein Kompetenzatlas Bodensee entwickelt, der Orientierung und grenzüberschreitende Transparenz über digitale Themen geben soll. Die Online-Plattform wird als Marktplatz und wichtige Informationsquelle zugleich fungieren, mit dem Ziel, Unternehmen bei ihren Herausforderungen der digitalen Transformation zu unterstützen.

Weiterführende Links:
Das Kompetenzzentrum Smart Services Baden-Württemberg
Der Service Innovation Campus der Fakultät Wirtschafts-, Kultur- und Sozialwissenschaften
Das Vernetzungsportal von Wirtschaft und Wissenschaft der Industrie- und Handwerkskammern BW:
Das Bodenseezentrum Innovation 4.0 an der HTWG

Das Projekt „Kompetenzzentrum Smart Services“ umfasst verschiedene Arbeitspakete:

Anlaufstellen für KMU an fünf Standorten
Kleine und mittlere Unternehmen aus Baden-Württemberg sollen die Möglichkeit erhalten, sich über neue digitale Technologien und deren Potenziale für das eigene Dienstleistungsgeschäft zu informieren und sich in Fragen der Digitalisierung und Dienstleistungsinnovation intensiv beraten zu lassen. An allen Standorten der Projektpartner sollen Anlaufstellen eingerichtet werden, um eine flächendeckende Beratung gewährleisten zu können.
Think Tank „Smart Services“
Das Thema Smart Services entwickelt sich sehr dynamisch. Beispielsweise gewinnt in der aktuellen Debatte die Frage nach dem Einsatz künstlicher Intelligenz für datengetriebene Dienstleistungen stark an Bedeutung. Um solche Entwicklungen im Projekt geeignet reflektieren und berücksichtigen zu können, wurde ein projektbegleitender Think Tank »Smart Services« eingerichtet. Der Think Tank besteht im Kern aus den direkt am Projekt beteiligten wissenschaftlichen Einrichtungen und wird ergänzt durch einen Kreis aus ausgewählten Unternehmen und Transferorganisationen (Kammern, Verbände etc.).
Erlebnisräume „Smart Services“
Viele Firmen, gerade auch in Baden-Württemberg, haben in jüngster Zeit interessante technische Lösungen für die Unterstützung technischer Dienstleistungen und Smart Services entwickelt und diese in ihr Produktportfolio übernommen. Das Kompetenzzentrum »Smart Services« fungiert hier mit „Erlebnisräumen“ als eine Art neutrale Dauerausstellung und macht Smart-Service-Technologien und -Anwendungen interessierten Unternehmen in gebündelter Form zugänglich.
Unterstützungsangebote für Unternehmen
Eine wichtige Aufgabe des Kompetenzzentrums »Smart Services« bildet der Wissenstransfer in die betriebliche Praxis. Hierzu werden zum einen verschiedene betriebliche Analyse- und Coachingmaßnahmen angeboten, die auf die Anforderungen von Existenzgründern sowie kleinen und mittleren Unternehmen zugeschnitten sind. Zum anderen werden Veranstaltungen und Schulungen durchgeführt, die speziell auf die Bedürfnisse von KMU zugeschnitten sind. Die Veranstaltungen werden in Zusammenarbeit mit intermediären Einrichtungen (IHK, HwK, RKW, Fachverbände der Dienstleistungswirtschaft etc.) flächendeckend in Baden-Württemberg durchgeführt.