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Von Zwiebelterrorismus bis Brexit

25.01.2019

Wenn es kriselt, ist er gefragt: Prof. Dr. Erdal Yalcin ist Experte für internationale Wirtschaftsbeziehungen. Die Aktualität seiner Forschungsthemen kommt seinen Studierenden zugute.

Man könnte fast ein bisschen neidisch sein auf die Studierenden, die derzeit bei Prof. Dr. Erdal Yalcin Veranstaltungen besuchen. Wenn Nachrichten von Handelskriegen, Wirtschaftssanktionen und Brexit-Verhandlungen für Schlagzeilen und viele Fragezeichen sorgen, erhalten die Studierenden bei dem Volkswirtschaftler fundierte Einordnungen und manchmal auch einen Blick hinter die Kulissen. Der Professor für internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Fakultät Wirtschafts-, Rechts- und Sozialwissenschaften ist zum Sommersemester 2018 vom ifo-Institut für Wirtschaftsforschung in München an die HTWG gewechselt.

Hier macht es ihm Freude, Studierenden die oft schwer durchschaubaren Zusammenhänge im globalen Handelswesen zu erläutern und seine unmittelbaren Erfahrungen als Experte in Fachgremien und politischen Ausschüssen in die Lehre einfließen zu lassen. „Viele sagen: Die Volkswirtschaft ist nur Theorie. Aber nein! Es ist relevant, was die Studierende lernen und dass sie Theorien anwenden können, um aktuelle Probleme zu lösen“, betont der Professor. Dass seine Themen relevant sind, zeigt der Blick in den Pressespiegel: Tagesschau, heute journal, Maybrit Illner, BR, ARD, Deutsche Welle – auf sämtlichen Kanälen in verschiedenen Sendeformaten ist Yalcin gefragter Gesprächspartner.

In seiner Forschung konzentriert sich Prof. Dr. Erdal Yalcin auf die Rolle von Unsicherheit in der internationalen Handelspolitik und auf die Bewertung wirtschaftlicher Effekte von Handelsabkommen. Auch untersucht er internationales Firmenverhalten unter Berücksichtigung globaler Wertschöpfungsketten. Die ständige Rückkopplung zwischen akademischer Diskussion und aktueller Politik ist ihm wichtig: „Das ist ein gegenseitiges Befruchten“, sagt er: „Die Politik hat Bedarf an wissenschaftlichen Einschätzungen und fragt sie an, für die Wissenschaft ist die aktuelle Politik ein spannendes Forschungsfeld.“ Und für die Lehre ist seine Expertise ein Gewinn.

Die wissenschaftliche Arbeit von Erdal Yalcin ist vielfältig und erstreckt sich über verschiedene Kontinente. Ein Blick auf seine aktuellen Projekte: Mit Professoren aus den USA untersucht er die Auswirkungen von Wirtschaftssanktionen, im Auftrag der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) forscht er an der Rolle des Staates und verbundene Risiken bei Kreditgarantien auf dem afrikanischen Markt. Er ist in der Expertengruppe „Naher Osten“ der Bertelsmann-Stiftung aktiv, ist Fellow des renommierten CESifo Forschungsnetzwerks und weiterhin Senior Research Associate am Ifo-Institut, Mitglied des Aufsichtsrats des Institute for Trade and Innovation der Hochschule Offenburg und verschiedener Beratergremien europäischer Institutionen. Am 22. Februar spricht er beim renommierten Ideaslab CEPS in Brüssel, im April ist er als Experte im Ausschuss „Internationaler Handel“ des Europäischen Parlaments (INTA) in Straßburg zur Gesetzeslage der EU gegenüber China im Vergleich zu der gegenüber den USA gefragt.

Bleibt da noch Zeit für die Lehre?
„Unbedingt!“, betont Yalcin. Seine Erfahrungen will er schließlich den Studierenden der Studiengänge BWL, Unternehmensführung und Internationales Management Asien zu Gute kommen lassen. „Es ist mir ein großes Anliegen, sie auf die Arbeitswelt vorzubereiten, die nun einmal von einem internationalen Umfeld geprägt sein wird. Einfach macht er es seinen Studierenden nicht: „Sie müssen wirklich viel arbeiten und bekommen nichts fertig vorgesetzt“, sagt er mit einem dezent schelmischen Lächeln. Mancher habe bereits rückgemeldet, dass das Pensum etwas groß sei. Aber auch, dass er enorm viel gelernt habe. Die Studierenden müssen ihre Arbeiten in englischer Sprache verfassen und auf Englisch vortragen. Eine auswendig gelernte Präsentation will Yalcin nicht hören, sondern eine Verteidigung ihrer Argumente, mit der sie zeigen, dass sie ihr Thema durchdrungen haben.

Trotz der hohen Anforderungen will er die Studierenden nicht unter Druck setzen: „Ich will ihnen ein Angebot machen. Das Studium biete die Chance, Schwächen beispielsweise in Englisch oder Mathematik auszugleichen, bevor die Kompetenzen im Berufsleben gefordert sind. Wie stark die Kompetenzen gefordert sein werden und wie relevant die Themen sind, konnten Absolventinnen und Absolventen bereits bei der Erstellung ihrer Abschlussarbeiten feststellen. Sie haben beispielsweise im Auftrag von schwäbischen und badischen Mittelständlern die Auswirkungen des Brexit auf ihr Unternehmen untersucht.

Schutz vor Fake Science
Besonders wichtig ist ihm, den Studierenden den bewussten und sensiblen Umgang mit Daten nahezubringen. „Eine Unmenge von Daten ist leicht zugänglich, aber welche sind verlässlich?“, formuliert er eine Frage, vor der viele Fachrichtungen stehen. Die Studierenden sollen lernen, Daten bewerten, Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden und Informationen so aufbereiten zu können, dass sie schnell vermittelbar sind. Und das alles im Team. „Das steigert die Komplexität und das Konfliktrisiko – aber genau das ist Teil eines jeden internationalen Projektes“, sagt Yalcin mit bedauerndem Unterton.

Konflikte sind Alltag
Konflikte gehören nun einmal auch zu seinem Alltag, sind sie doch oft genug direkter oder indirekter Forschungsgegenstand. Trump, Erdogan, Brexit oder die AfD: In deren Erfolg sieht er Symptome tieferer Probleme: „Wir leben in einer Zeit des Wandels und nun haben wir die Aufgabe, sie richtig zu deuten – ohne zu vereinfachen.“ Und das macht Yalcin mit großer, ansteckender Begeisterung, einer großen Portion Optimismus und einer starken Überzeugung: „Ich glaube daran, dass ein freiheitlicher, marktwirtschaftlicher Rahmen nötig ist, um individuelle Freiheit und Wohlstand zu ermöglichen.“
Dass der freiheitliche Rahmen alles andere als selbstverständlich ist, sei in den letzten Jahren allem grundsätzlichen Optimismus zum Trotz eine bittere Erkenntnis gewesen. „Mir wurde klar, wie schmerzhaft Demokratie sein kann und wie fragil unser System ist“, sagt Yalcin mit besonderem Blick auf die Türkei. Aus familiärer Verbundenheit ist der gebürtige Ulmer für die Entwicklungen am Bosporus besonders sensibel. Das Land sei auf einem sehr guten Weg zur Integration in die EU gewesen. Doch innerhalb von lediglich zwei Jahren habe sich die Situation drastisch verändert. Gerade aus dieser Erfahrung heraus sieht er einen Auftrag der Hochschule: „Es ist wichtig, jungen Leuten zu vermitteln, dass die Errungenschaften, von denen wir heute profitieren, nicht selbstverständlich sind.“ Yalcin fordert: „Es hilft nicht, den Kopf in den Sand zu stecken, sondern wir alle müssen an Lösungen arbeiten, auch unsere Studierenden.“

Zwiebelterrorismus in der Türkei? Welthandel in Gefahr? Die Spanne von Interviewanfragen ist weit
Was seine Studierenden schätzen dürften, honorieren auch Journalisten: Yalcin schafft es, komplexe Sachverhalte ohne Fachvokabular verständlich zu erklären. Er erlaubt sich, offen Kritik zu üben, „so lange sie nicht persönlich wird“. Und ein I-Tüpfelchen: Er scheut sich nicht, seinen Standpunkt zu vertreten – und das innerhalb von drei Minuten, „auch wenn es mich oft schmerzt, Argumentationsstränge abschneiden zu müssen.“ Seine Medienauftritte betrachtet er deshalb sehr selbstkritisch: Manche Journalisten trügen dazu bei, dass die Wirtschaft konstruiert wahrgenommen werde – und: „Manche Wirtschaftswissenschaftlicher haben auch ihre eigenen Interessen.“ Er sei gerne bereit, Medien als Gesprächspartner zur Verfügung zu stehen – auch bei sensiblen politischen Themen: „Wenn ich die Möglichkeit habe, etwas zu bewirken, bin ich gerne dabei.“ Er lege jedoch großen Wert darauf, sich in kein Lager ziehen zu lassen.

Aber, Hand auf’s Herz: Wäre der Job als EU-Handelskommissar nicht doch eine attraktive Alternative zur HTWG-Professur? Überzeugend spontan wehren seine Hände ab: „Ich bin gottfroh, dass ich Wissenschaftler bin!“, lacht Yalcin und fügt an: „Politiker sind vielen Zwängen unterworfen, zum Beispiel eine Meinung um der Mehrheitsmeinung willen zu vertreten. Jetzt kann ich objektiv kommunizieren, auch wenn es manchmal unbequem ist, was ich zu sagen habe.“

Prof. Dr. Erdal Yalcin

lehrt an der Fakultät für Wirtschafts-, Kultur- und Rechtswissenschaften Volkswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Internationale Wirtschaftsbeziehungen. Der gebürtige Ulmer hat sich schon mit Aufnahme seines Studiums an der Universität Tübingen und der Handelshochschule Göteborg auf internationale Handelsfragen und globale Investitionen fokussiert – lange bevor die politische Brisanz der Themen in der Öffentlichkeit diskutiert wurde. In seiner Promotion untersuchte er die Internationalisierungsstrategien von Unternehmen in einer unsicheren Welt. Weitere Forschungsarbeiten betrafen unter anderem die Bewertung wirtschaftlicher Effekte von Handelsabkommen. Forschungsaufenthalte führten ihn ferner an die Welthandelsorganisation in Genf und an renommierte internationale Forschungsinstitute, wie das Tuborg Research Center for Globalization and Firms in Dänemark. 2010 wurde er stellvertretender Leiter des ifo Zentrums für Außenwirtschaft. Seitdem war er Mitglied verschiedener Beratergremien auf Landes- bis EU-Ebene und Autor zahlreicher Studien und Aufsätze. Schon während seiner Zeit am ifo-Institut lag ihm die Ausbildung von jungen Menschen am Herzen. An der HTWG will er den Studierenden die Grundlagen der VWL und internationaler Handelsbeziehungen mit starker Praxisorientierung vermitteln. Besonders wichtig ist ihm die datenbasierte Analyse – und als Voraussetzung hierfür die Recherche und der kompetente Umgang mit Daten.

 

Titelbild: shutterstock / Surapol Usanakul