Architektur

Bachelor und Master

Aus der Normalität heraus ragen viele Entwürfe, die aus dem Hause Chipperfield stammen. Neben zahlreichen markanten Gebäuden im Ausland zählen dazu die aktuell im Bau befindliche James Simon Galerie auf der Berliner Museumsinsel ebenso wie der Hamburger Elbtower. Doch hatte Christoph Felger, Partner bei David Chipperfield Architects Berlin, den Vortragstitel in Anlehnung an eine Ausstellung alltäglicher Gegenstände „guten Designs“ gewählt: Er sieht Parallelen zwischen diesen „stillen Genossen des unaufgeregten Gebrauchs“ und guter Architektur, als deren größtes Lob er die „bedeutungsvolle Beiläufigkeit“ ansieht - Gebäude, die gut funktionieren und der Menschheit nützlich sind, ohne sich groß aufzuspielen. Architektur als dienende Geste.

Der Vortrag stand im Zusammenhang mit der Ausstellung „OPUS ONE“, die Erstlingswerke berühmter Architekten beinhaltete. Entsprechend durfte auch das erste Gebäude, das nach Plänen des Briten David Chipperfield gebaut worden war, nicht fehlen. Von diesen Anfängen im japanischen Kyoto nahm Felger die Zuhörer über mehrere Zwischenstationen mit zum erst kürzlich fertiggestellten Hauptsitz des Kosmetikkonzerns Amorepacific in Seoul, Südkorea. Er machte die Herangehensweise des Büros an (hauptsächlich Wettbewerbs-)Projekte deutlich, grenzte sich dabei mitunter auch deutlich von anderen großen Namen der Architektenszene ab.

Am Anfang eines Vorhabens steht die intuitive Verbindung mit der Situation vor Ort. Gerade auch bei internationalen Projekten geht es darum, sich auf die Kultur einzulassen („embedded transformation of a given culture“), diese zu bearbeiten und dann auf den Zweck reduziert zu spiegeln („mirrored localism“). Er verdeutlicht dies am ersten größeren Projekt in Europa, einem Rudermuseum im altehrwürdigen Städtchen Henley-on-Thames, welches Austragungsort der jährlichen Ruderwettbewerbe der britischen Elitecolleges ist. In einer Epoche weit verbreiteter Skepsis gegenüber moderner Architektur wagte es David Chipperfield Ende der 1980er Jahre, „Unmodernes“ zu nutzen und durch Form und Materialien, die den Einwohnern nicht fremd waren, Vorbehalte gegen das Bauvorhaben aus der Welt zu schaffen. So überzeugte der Entwurf schließlich durch in der Region weit verbreitete Giebeldächer und unbehandelte Holzverkleidung aus lokaler Eiche.

Anhand des Neuen Museums in Berlin erläuterte Felger weitere Aspekte des eigenen Vorgehens. Dieses Projekt hatte um die Jahrtausendwende zur Gründung der Berliner Niederlassung geführt. Besonderen Wert legt das Büro demnach darauf, die Probleme zu lösen, die es vor Ort vorfindet. Der genauen Analyse des Vorhandenen, gerade auch mit einer historischen Einordnung, schließt sich stets die Frage nach der zukünftigen Verwendbarkeit an. Neben diesem „Meaning of the given“ spielt „Meaning of the substance“ eine wichtige Rolle, womit die primären Elemente der Architektur gemeint sind. Dabei geht es um die Wahrnehmung von Architektur, nicht beschränkt auf die visuelle Wirkung, sondern das gefühlte Erleben als Ganzes. Zuletzt hebt er die Bedeutung von Räumen der Begegnung, Teilhabe und Kontemplation hervor. Für ihn sind Treppenhallen, Wandelgänge etc. nicht „useless space“, sondern können identitätsstiftend wirken und Erhabenheit vermitteln.

Mit Fortschreiten des Vortrags wird immer klarer, dass Chipperfield-Entwürfe zwar ein Statement setzen, dennoch einen verbindenden Charakter haben: zwischen verschiedenen städtischen Zonen, Gebäude und Natur, Vergangenheit und Gegenwart, geschäftlicher und gesellschaftlicher Nutzung. Diese behutsame und dennoch richtungsweisende Weiterentwicklung des Vorhandenen beeindruckte die Anwesenden nachhaltig. Sicherlich kann sich das Berliner Büro in naher Zukunft vor Praktikumsbewerbungen vom Bodensee kaum mehr retten.