Architektur

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(01/20) Wie finden wir etwas, was nicht beliebig ist? Wie finden wir etwas, was eine Relevanz besitzt? Aus was generiert sich die Gestalt unserer Häuser? Diese drei Fragen sind die zentralen Themen der Arbeit des Berliner Architekturbüros Staab Architekten. Anhand übergeordneter Themen und einer Auswahl von Projekten stellte Volker Staab bei seinem Vortrag in der vergangenen Woche die Arbeitsweise seines Büros einem großen interessierten Publikum vor.

Hinter jedem einzelnen Projekt steckt eine methodische Herangehensweise, eine nennt Volker Staab „Autonomie und Verbindung“, die Dualität eines Gebäudes. So beeinflusst einerseits die Verbindung zur Nachbarschaft und zum geschichtlichen Kontext den Entwurfsprozess, andererseits gelingt es ihm, jedem Projekt eine ganz autonome Struktur und Raumkonzeption zu geben, also eine Eigenlogik, die sich durch das gesamte Projekt durchzieht und als eine Art eigene Grammatik für das Haus funktioniert. So beispielsweise umgesetzt im Neuen Museum Nürnberg, erstes wichtiges Projekt des Büros, das von 1991 bis 2000 realisiert wurde. Der Widerspruch von Anpassung und Eigenständigkeit in der historischen städtebaulichen Umgebung gelingt ihm, indem er das Gebäude als aufgeschnittenen Block konzipiert, der im historischen Stadtraum eingegliedert ist und eine neue enge Gasse bildet; gleichzeitig wird das Innenleben des Museums durch eine Glasfassade öffentlich gemacht, wie eine Collage erkennt man dadurch die Nutzung: Ausstellungsräume erscheinen wie eingeschobene Schubladen und die Eigenlogik des Gebäudes lässt sich an jeder Stelle ablesen. „Diese Logik ist wie ein Rhythmus bei einem Musikstück, welcher das Gebäude letztlich zusammenhält,“ so Volker Staab.

Bei der Villa Wahnfried in Bayreuth, dem ehemaligen Wohnhaus von Richard Wagner, kommt diese Dualität ebenfalls stark zum Ausdruck. In der historischen Gartenanlage der Villa sollte ein Erweiterungsbau geschaffen werden. Die Herausforderung, die solitäre Stellung der Villa zu wahren löst Volker Staab, indem er den Anbau auf einem früher zugekauften Teil des Gartens platziert. Damit entsteht keine Erweiterung des Wohnhauses an sich, sondern das neue Gebäude stellt den historischen Garten wieder her und wirkt wie ein Zuschauer in den Park hinein. Die Glasfassade zum Garten hin bildet den extremen Kontrast zum Bestand.

Als weitere Methode seiner Arbeitsweise nennt Volker Staab die „komplexe Einfachheit“, die Suche nach dem Einfachen und Selbstverständlichen, dabei aus den Randbedingungen einer Aufgabe möglichst viele Anknüpfungspunkte und Beziehungen zu organisieren, um diese dann zu verdichten zu etwas, was eine Selbstverständlichkeit hat. Gelungen ist ihm dies bei einem Servicegebäude auf der Theresienwiese in München. Mit dem Gebäude entwickelt er einen einfachen Baukörper für das Oktoberfest, der wie eine Art Balken ruhig auf dem Gelände liegt, jedoch ein hochkomplexes Innenleben hat und zum Oktoberfest zum Leben erwacht.

Eine weitere Stärke seiner Arbeiten liegt darin, Neues in irgendeiner Form vertraut erscheinen zu lassen, er nennt es „Transformation des Vertrauten“. So ist das Kunstmuseum in Ahrenshoop ein Komplex aus zusammengeschobenen Häusern, angelehnt an die benachbarten reetgedeckten Gebäude und Höfe der ehemaligen Künstlerkolonie. Was von der Ferne wie eine Art Bauernhof wirkt, zeigt sich aus der Nähe als etwas völlig anderes. Das Gewohnte wird transformiert, ist neu und wirkt dennoch, als habe es schon immer dort gestanden.

Die gleiche Methode, anders umgesetzt, ist im Kolumbarium  in der Liebfrauenkirche von Dortmund zu erkennen. Die alte stillgelegte Kirche wurde umgebaut zu einer Urnengrabstätte. Die Urnenschränke sind hier als eine eingestellte Topographie in Höhe und Farbe des ehemaligen Kirchengestühls im Kirchenraum angeordnet, dieser behält seine räumliche und atmosphärische Dominanz. Immer wieder sind Sitzgelegenheiten in das Urnenfeld integriert, unterschiedliche Abdeckplatten bieten Platz für Blumen, Kerzen und Gravur und sorgen für Individualität.

Was unterscheidet Aufgaben? Was können spezifische Eigenschaften einer Aufgabe sein, die anders ist als die vergleichbaren programmatischen Aufgaben, aber auch vergleichbaren Aufgaben an einem bestimmten Ort? Diese Fragen stellt sich Volker Staab wenn er von der „Suche nach dem Spezifischen“ spricht.

Bei der Sanierung eines Hochhauses der Uni Darmstadt bewegte ihn genau diese Fragestellung. Eigentlich war die Aufgabe, dem Gebäude eine neue Fassade zu geben. Beim Betrachten des Gebäudes an einem heißen Sommertag fiel dem Architekten aber der defekte Sonnenschutz auf. Sofort entstand die Idee, einen Sonnenschutz zu erfinden, der ohne mechanische Teile auskommt. Die Südfassade erhielt über die gesamte Front dreidimensional gefaltete, auf die vorhandenen Fensteröffnungen bezogene Sonnenschutzelemente aus Leichtmetall. Diese wurden aus den Vorgaben einer Simulationsberechnung zum Sonnenverlauf entwickelt und optimiert. Heute trägt das Hochhaus aufgrund seines markanten Erscheinungsbildes den Spitznamen „Käsereibe“.

Als „Die Erfindung der Aufgabe“ bezeichnet Volker Staab die Herausforderung, bei einem Projekt Aufgaben über die Ausschreibung hinaus zu finden, die zunächst nicht vorgesehen waren.

Absolut überzeugend ist ihm dies beim Albertinum in Dresden gelungen. Gefordert war ein Zentraldepot für das Kunstmuseum nach dem Hochwasser, jedoch erkannten die Architekten schnell, dass das Gebäude darüber hinaus auch eine neue Erschließung und ein neues Zentrum brauchte. Es entstand eine Art Brücke über dem Innenhof als raumhaltiges Dach, der Innenhof selbst wird zum zentralen Raum, der so zunächst nicht vorgesehen war, heute aber als Veranstaltungsraum und viele weitere künstlerische Anlässe dient. Das neue Zentraldepot ist das einzig unsichtbare Niveau, da es nicht über den First des Bestandes hinausragt und von unten nur als Decke sichtbar ist, sein wahres Volumen bleibt dem Auge von außen verborgen.

Beim Bauhausarchiv in Berlin war es ähnlich. Aufgabe war es, das Gebäude um ein Museum von doppelter Fläche zu erweitern. Volker Staab sah darin gleichzeitig eine Chance, dieses besser im Stadtraum zu verankern und seine Präsenz zu stärken. Gleichzeitig sollte ein Ensemble zwischen Bestand und Neubau hergestellt werden. Dies gelingt ihm einerseits mit einem flache Riegel, der zur Straße hin angeordnet ist und den Vorplatz einfasst. Ein gläserner Turm wird durch seine Programmatik zum Zeichen für das Bauhauses: experimentieren, diskutieren, vermitteln. Die Konstruktion aus dünnen Stahlstützen, die minimal schräg stehen, unterstreichen diese. Die klassischen Museumsräume sind dagegen im Sockel angeordnet.

Bei der Bearbeitung des Wettbewerbes für das Hörsaalzentrum Hochschule Köln, welcher letztes Jahr vom Büro Staab Architekten gewonnen wurde, befasste sich der Architekt mit dem Begriff „robuste Typen“. Hier werden Gebäudetypen entwickelt, die einerseits eine hohe räumliche Flexibilität aufweisen, andererseits trotzdem eine räumlich starke Identität besitzen.Was zunächst wie ein Widerspruch erscheint, ist bei diesem Projekt überzeugend umgesetzt: Pilzartige Stützen als tragendende Gebäudeelemente, die unabhängig von der jeweiligen Nutzung immer vorhanden sind, werden zu einem Ensemble zusammengestellt und besitzen eine architektonisch räumliche Kraft.

Der Versuch, Orte zu begreifen und diese auf ganz verschiedene Arten zu definieren, zieht sich wie ein roter Faden durch die Arbeit von Volker Staab. Dabei arbeitet er nicht immer mit minimalen Eingriffen, wohl aber mit einem sehr umfassenden Wissen, Verständnis und großem Respekt vor der historischen Substanz.

(Text: Conny Lurz)

 

Vita
Volker Staab studiere von 1977-1983 Architektur an der ETH Zürich. Von 1985-1990 war er freier Mitarbeiter im Büro Bangert, Jansen, Scholz und Schultes in Berlin. Seit 1991 gründete er das Architekturbüro Volker Staab, seit 1996 arbeitet er partnerschaftlich mit Alfred Nieuwenhiuzen zusammen, seit 2007 als Staab Architekten GmbH.

2002 war Volker Staab Gastprofessor an der TU Berlin und erhielt einen Lehrauftrag an der Akademie der Bildenden Künste Berlin. 2005-2007 war er Gastprofessor an der FH Münster. 2008 übernahm er die Lehrstuhlvertretung Architektur/öffentliche Räume und Bauten an der ABK Stuttgart. Seit 2012 ist er Professor für Entwerfen und Raumkomposition an der TU Braunschweig.