Architektur

Bachelor und Master

Dekoratives grafisches Element

Ein Titel zur Ehre

(04/20)  Nicolas Schwager wurde bereits Mitte Februar von der HTWG Konstanz zum Honorarprofessor ernannt und startet ab 20. April in das kommende Sommersemester - bis auf weiteres mit einem digitalen Lehrangebot.


In den Studiengängen Architektur ist Nicolas Schwager längst ein bekanntes Gesicht. Bereits im Jahre 2003 startete er mit seinem ersten Lehrauftrag im Lehrgebiet „Einführen in das Entwerfen“ an der HTWG in der Fakultät Architektur und Gestaltung.

Prof. Gerd Ackermann hatte ihn bei einer zufälligen Begegnung auf der Konstanzer Fahrradbrücke angesprochen, ihn bei seiner Lehrtätigkeit im Rahmen eines Lehrauftrages zu unterstützen und Nicolas Schwager sagte spontan zu. In den folgenden 16 Jahren hatte er insgesamt 27 Lehraufträge in den Fächergebieten „Einführen in das Entwerfen“, „Gebäudelehre“ und „Baukonstruktion“ inne und war Co-Prüfer sowie Betreuer bei Master- und Bachelor-Thesen. Parallel zu seiner Lehrtätigkeit führt er als Freier Architekt zusammen mit seinem Büropartner Markus Lanz das Konstanzer Architekturbüro Lanz · Schwager Architekten BDA, das zu den erfolgreichen Büros im süddeutschen Raum zählt.
 


Im Interview erzählte uns Nicolas Schwager über die Schwerpunkte seiner Lehre, dem Wandel in den vergangenen Jahren und den Herausforderungen in Zeiten von Corona.

Was bedeutet die Ernennung zum Honorarprofessor für Sie persönlich?
Nicolas Schwager: Die Ernennung bedeutet mir sehr viel. Ich bin der Hochschule bekanntlich seit vielen Jahren verbunden und ich empfinde es als Auszeichnung meiner bisherigen Arbeit, dass ich jetzt dem Lehrkörper auf dieser „ehrenvollen“ Position angehöre. In der Zusammenarbeit mit den Kollegen und den Studierenden erhoffe ich mir einen intensiveren Austausch als bisher. Zur Lehre hat es mich ja nicht (nur) aus Sendungsbewusstsein gezogen, sondern weil ich selbst meinen Horizont erweitern, weil ich selbst lernen möchte. Das kleine Lehrdeputat kommt mir sehr entgegen, kann ich mich doch dadurch weiter parallel auf mein mit Markus Lanz geführtes Architekturbüro konzentrieren.

Seit 2003 waren Sie als Lehrbeauftragter in der Fakultät Architektur und Gestaltung tätig – wie hat sich die Lehre in diesen 17 Jahren verändert?
Nicolas Schwager: Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, der Lehrkörper hat sich in dieser Zeit stark verändert, aber auch die Studierenden haben sich verändert. Ich habe das Gefühl, dass die Fakultät viel stärker als eine Einheit auftritt, weniger als Zwangsgemeinschaft unterschiedlicher Individuen. Es gibt heute eine Reihe von Veranstaltungen, z.B. die Werkschau am Semesterende, die die Positionen der Hochschule gemeinschaftlich nach Außen vertreten und bei all den unterschiedlichen Ansätzen der Lehrenden ein einheitliches Bild vermitteln: Das einer lebendigen, engagierten Architekturfakultät mit einer klaren Haltung. Die Studierenden sind verglichen mit den ersten Jahren meiner Tätigkeit, insbesondere aber mit meiner eigenen Studienzeit viel zielstrebiger, fokussierter auf ihre Ergebnisse aber auch sehr viel stärker an ihrer eigenen Lebensplanung interessiert. Eine gewisse Orientierungslosigkeit, ein Herantasten an das Leben ganz allgemein, mit Ausschlägen hin zu vollkommener Apathie oder zu überbordenden, nahezu gesundheitsgefährdenden Schaffensphasen findet selten statt. Die jungen Menschen sind dabei ein Abbild der allgemeinen gesellschaftlichen Veränderungen: Unsicherheit, Unklarheit, Unausgewogenheit und temporäre Erfolglosigkeit sind in der Multioptionsgesellschaft keine Zustände, in die man sich gerne begibt…
Durch die neuen Medien ist gewissermaßen die gesamte Architekturgeschichte auf Knopfdruck verfügbar. Es geht also heute vermeintlich mehr um das oberflächliche Auswählen von (Vor-) Bildern als um das bewusste Forschen und Finden… Leider...

Was bedeutet Lehre in Zeiten von Corona? Wie verändert Corona Ihre Lehre und wie reagieren Sie auf die veränderten Rahmenbedingungen? Wie halten Sie Kontakt mit Studierenden und Kollegen?
Nicolas Schwager: Ich stehe hier wie alle Kolleginnen und Kollegen am Anfang, das Semester beginnt ja erst. Ich bin einfach neugierig und gespannt, wie es funktionieren wird. Wir sprechen ja nicht davon, wie wir das Gesundheitssystem am Laufen halten, sondern wie wir Architektur vermitteln werden: Es ist also auch eine reizvolle Herausforderung, neue Wege auszuprobieren. Ansonsten bin ich eher der mail-Typ, der lieber schreibt als aus dem Haus geht, insofern kommt mir die ganze Situation auch ein bisschen entgegen.

Welche Chancen bieten digitale Lehrangebote – welche Grenzen sind dem gesetzt?
Nicolas Schwager: Die digitale Lehre bietet natürlich für Lehrende wie Studierende die Möglichkeit vollkommener örtlicher und zeitlicher Unabhängigkeit. Wir kennen alle das Prinzip: Mitten in der Nacht noch schnell das youtube-tutorial eines neuseeländischen Nerds anschauen, der erklärt, wie man seinen Staubsauger repariert… Im Prinzip also nichts Neues.
Aber wie ist das bei der klassischen Korrektur im Architekturstudium, bei der ja räumliche Überlegungen in Form von Modellen und Zeichnungen diskutiert werden sollen? Modelle haben den Charme, dass sie sich in die Hand nehmen lassen, dass man sie drehen und verändern kann. Dafür gibt es digitale Equivalente, aber sie sind im Moment einfach nicht so intuitiv… Das Herumkritzeln und Skizzieren ist da noch eher umsetzbar. In der Architektur sprechen wir viel von Atmosphäre, von Stimmung einzelner räumlicher Situationen, von der Wirkung von Materialien, etc. Das sind keine absoluten, messbaren Eigenschaften, aber sie spielen eine entscheidende Rolle in der Entwurfsfindung. Ich kann mir im Moment nicht ganz vorstellen, wie man Sie über den Flaschenhals der Digitalisierung, mit langsamen Datenleitungen, nicht kalibrierten Monitoren etc. austauschen kann.
Und wie sieht es mit der Psychosozialen Komponente dieser Vorgänge aus? Korrekturen, Betreuungen sind ja nichts anderes als Hilfestellungen für die Studierenden, damit sie ihre eigene Arbeit präzisieren, verbessern können. Ich glaube, da geht es nicht nur um Informationstransfer sondern auch ums Ermuntern, Ermahnen, ja, auch Trösten... Gelingt das, in dem man von Bildschirm zu Bildschirm kommuniziert? Im klassischen Tête-à-Tête vielleicht, aber im Dialog mit einer größeren Gruppe? Ich bin wirklich sehr neugierig, wie sich das entwickeln wird.

Welche Schwerpunkte setzen Sie neu in Ihrer Rolle als Honorarprofessor?
Nicolas Schwager: Durch die neue Rolle bin ich gewissermaßen rechtlich in der Lage, andere Lehrformate zu unterrichten als als Lehrbeauftragter. In diesem Semester übernehme ich die Betreuung der BA8 Thesis, was ich als einen wunderbaren Einstieg empfinde. Ganz grundsätzlich bin ich ein klassischer Allrounder mit Interessen im konstruktiven, technischen wie im entwurflich theoretischen Bereich. Deshalb bin ich ein Freund von kleinen, überschaubaren Aufgaben mit dem Ziel, die auch ihnen immer innewohnende Komplexität beherrschen zu lernen und sie zu in sich schlüssigen architektonischen Lösungen zu überführen.
Ich bin fest davon überzeugt, dass die Beherrschung der „kleinen“ Aufgabe in der Folge dazu in die Lage versetzt, auch größere, noch vielschichtigere Strukturen zu kontrollieren. Beherrschen, kontrollieren klingt martialisch, gemeint ist: Sich darüber bewusst zu werden, was man gerade im Begriff ist, architektonisch zu tun.
Als praktizierender Architekt in einem mittelgroßen Büro kenne ich diese kleineren Aufgaben öffentlicher Bauherren wie Kindergärten oder Ähnliches, ich beschäftige mich im Alltag fast ausschließlich mit ihnen, vom Wettbewerb zur fertigen Ausführung. Ich lerne jeden Tag, und ich hoffe, ich kann den Studierenden davon etwas mitgeben.
Für die Zukunft würde ich gerne mit anderen Professorinnen und Professoren zusammenarbeiten. Ich habe hierzu auch ein paar Ideen, die mich eigentlich mehr interessieren, als die neueste Konferenz- oder Remote-Software auf dem Rechner im Büro zum Laufen zu bringen…Ich möchte, wie gesagt, auch selbst weiterlernen. Aber all das steht noch ganz am Anfang...

Vom Lehrbeauftragten zum Professor – wie ändern sich dadurch Ihre Rolle und Ihr Selbstverständnis?
Nicolas Schwager: Mein Selbstverständnis ändert sich nicht, ich bin immer noch der gleiche Mensch. Als Student hatte ich (an der Universität Stuttgart mit über 200 anderen Erstsemesterstudierenden) häufig den Eindruck, nicht von Professoren sondern von mehr oder weniger qualifizierten Lehrbeauftragten unterrichtet zu werden. Wir waren uns damals nicht sicher: wer hat denn diese Lehrbeauftragte alle ausgesucht? Betreuen sie denn im Sinne des eigentlichen Lehrstuhlinhabers?  Insofern gibt das Label „Professor“ in meinem Fall vielleicht dem einen oder anderen Studierenden das Gefühl, von einer kompetenten Person betreut zu werden, die im Sinne der Hochschule agiert. Das erleichtert mir natürlich meine Aufgabe in der Zukunft.

Text und Interview: Cornelia Lurz