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Forschungsobjekt Projektmanagement: Gemeinsam zum Ziel

13.02.2019

Berliner Flughafen, Stuttgart 21, Elbphilharmonie – Bauprojekte sorgen immer wieder für Schlagzeilen. Wie lassen sie sich besser managen? Das untersucht ein internationales Forscherteam. Mit dabei Wissenschaftler der HTWG.

Mal ehrlich, haben die Nachrichten von geplatzten Kosten- und Zeitplänen bei großen Bauprojekten nicht auch bei Ihnen schon einmal ein Kopfschütteln provoziert? Zugegeben, über Fertigstellungen nach Plan wird kaum öffentlich berichtet. Dennoch: Die Liste der Negativbeispiele ist lang. Übrigens auch im Ausland. Woran liegt das? Wie lässt sich das vermeiden?

Dr. Andreas Großmann, Professor für Verkehrswesen in den Bauingenieurwesen-Studiengängen sieht „strukturelle Mängel in Ablauf- und Projekmanagement“ als Ursache. Sein Kollege Dr. Hans-Peter Schelkle, Professor für Immobilienmanagement, ergänzt: „Projekte sind heute häufig komplexer als noch vor 20 Jahren.“ Digitalisierung und Globalisierung leisten dazu ihren Beitrag wie auch die fachliche Spezialisierung. Sie verhindere häufig, dass die Projektbeteiligten überhaupt erst die Probleme eines Sektors erkennen, geschweige denn in ihren Ausmaßen beurteilen können. Also steigen die Anforderungen an das Projektmanagement.

Die Summe, die jährlich innerhalb des Wirtschaftsraums der Europäischen Union in Projekte investiert wird, beträgt mehrere Billionen Euro. Die Schäden, die durch unzureichendes Projektmanagement verursacht werden, summieren sich auf einen dreistelligen Milliardenbetrag. Grund genug für die Europäische Kommission, ein Forschungsprojekt zur Untersuchung von Projektmanagement zu fördern. Seit Januar 2017 unterstützt sie ein großes, auf vier Jahre angelegtes Forschungsvorhaben zu Untersuchung von Projektmanagement mit dem Fokus auf Baumaßnahmen, nehmen doch gerade bei Infrastrukturprojekten die Kostensteigerungen und zeitlichen Verzögerungen große Dimensionen ein. Projektpartner ist die Fakultät Bauingenieurwesen der HTWG. Gemeinsam mit Universitäten in England, Stuttgart und Malaysia sowie Praxispartnern vergleichen sie klassisches Projektmanagement mit neuen, modernen Ansätzen und deren Anwendung in der Praxis.

Die Leitung des Projekts liegt bei der Liverpool John Moores University. Dort ist eine Alumna des Studiengangs Bauingenieurwesen der HTWG involviert. Sie hatte nun den Kontakt zu ihren ehemaligen Professoren geschaffen und die Fakultät Bauingenieurwesen eingeladen, als Projektpartner mitzuarbeiten. Inzwischen feiern die Projektbeteiligten „Bergfest“ und die ersten Ergebnisse.

Der Titel: „Being lean and seen“ beschreibt die zwei Hauptgegenstände des Forschungsvorhabens: „Zum einen schauen wir in andere Branchen, um zu sehen: Was funktioniert dort, was bei uns nicht funktioniert?“ Eine interessante Branche sei zum Beispiel die Automobilproduktion, bei der das Lean-Managment eine große Rolle spielt, sagt Prof. Dr. Hans-Peter Schelkle. Lean steht in diesem Fall für neue Denkprinzipien, für eine Verschlankung der Produktion auf allen Stufen der Wertschöpfungskette ohne überflüssige Tätigkeiten oder andere Arten von Verschwendung.
Prof. Dr. Andreas Großmann geht auf den zweiten Schwerpunkt ein, das „seen“: „Das Projekt wird zudem untersuchen, inwiefern psycho-soziale Aspekte den Erfolg sichern – oder ein Projekt zum Scheitern bringen können.“ Dabei betrachten die Wissenschaftler einen Kern der menschlichen Arbeit: Wie gelingt Zusammenarbeit? Und dann auch noch Zusammenarbeit über Distanzen und kulturelle Besonderheiten der Beteiligten hinweg? „Wir fragen uns: Wie agieren Menschen in Projekten? Was motiviert alle, an einem Strang zu ziehen, obwohl jeder Projektbeteiligte seine eigene Organisation und deren individuellen Belange im Hinterkopf sitzen hat?“.

Persönliche Treffen durch nichts zu ersetzen

Und plötzlich haben die Forscher erlebt, dass das eigene Forschungsprojekt ein Stück weit selbst zum Forschungsgegenstand geworden ist: Bei einem so großen, sich über internationale öffentliche und private Projektpartner erstreckenden Vorhaben, waren auch sie mit den Hemmnissen konfrontiert, die sie in anderen großen Projekten beobachten. Der soziale Aspekt wurde unterschätzt. „Zunächst hat der Zug dahinter gefehlt, wir haben uns gemailt und per Skype gesehen, aber ins Laufen ist das Projekt erst gekommen, nachdem wir uns alle getroffen hatten“, erzählt Prof. Schelkle. Seitdem funktioniert die digitale Kommunikation erfolgreich. Schelkle fasst die Beobachtung der Professoren zusammen: „Wir brauchen die neuen Medien, das ist gar keine Frage, aber genauso ist die persönliche Begegnung ein bedeutender Erfolgsfaktor. Erst wenn man sich getroffen hat, wird die Zusammenarbeit verbindlich.“

Nicht umsonst sieht die Förderung des Projekts mehrwöchige Aufenthalte bei den jeweiligen Projektpartnern vor Ort vor. Derzeit ist Tim Whitehill des Beratungsunternehmens „Project 5“ aus Liverpool für einige Wochen an der HTWG tätig. Mit in das Projekt involviert ist auch Doktorandin Lena Pauli, die dazu forscht, wie die Blockchain-Technologie einen Beitrag zur Optimierung des Projektmanagement bei Infrastruktur-Bauprojekten leisten kann. Sie und Prof. Andreas Großmann haben bereits im Rahmen von „being lean and seen“ mehrere Wochen in England verbracht. Lena Pauli forschte an der Liverpool John Moors University zum Thema "Psycho-Social Aspects in Project Management", Prof. Großmann beim Projektpartner Project 5 zum Thema "Lean Project Management". „Wir beobachteten Sitzungen, führten Interviews vor Ort – und haben bereits viel daraus ziehen können.“ Der Beitrag der Konstanzer Forscher liegt insbesondere in der Betrachtung, wie Entscheidungen getroffen werden. Ziel ist, die Entscheidungsfindung so in mathematischen Modellen abzubilden, dass auch der „seen-Part“, also die Bedeutung sozio-psychologischer Aspekte integriert sind, erläutert Prof. Großmann.

Fachwissen auch ohne Krawatte?
Die Beobachtungen vor Ort waren für die Konstanzer Wissenschaftler bereits erkenntnisreich. Unter anderem können sie unterschiedliche Stärken deutscher und britischer Ingenieures bei Bauprojekten bestätigen: „Die Briten sind besser geschult im Projektmanagement, die Deutschen dagegen in der fachlichen Korrektheit“, sagt Schelkle. Das heißt: Deutsche Projektpartner sind zwar die technologischen Vorreiter, geht es um die Kosten- und Terminplanung, sind Briten ihnen voraus.
Gerade bei internationalen Projekten könnten zudem unterschiedliche Verhaltensweisen Irritationen hervorrufen: In Großbritannien überwiegen in der Baubranche flache Hierarchien. Ein Experte werde auch ernst genommen, wenn er keine Krawatte trage und noch nicht zu den Berufsältesten im Team zähle. Hier sei man in Deutschland noch weniger flexibel. „Umso spannender ist es, beim Projektpartner in Malaysia zu forschen“, betont Prof. Schelkle. Malaysia, ehemals britische Kolonie, ist ein sich schnell entwickelndes Land. Einerseits sind hier Hierarchien ein großes Thema, andererseits seien Projektpartner sehr flexibel, was Neuerungen angeht. „Die gehen schneller voran und sind offen, Neues auszuprobieren“, sagt Schelkle, der sich im März vor Ort ein Bild machen wird. In Europa herrsche dagegen Scheu, ein Verfahren, das sich doch eigentlich bewährt habe, über Bord zu werfen.

Studierende der HTWG profitieren von Forschungsergebnissen
Projektbeteiligte von Baumaßnahmen des privaten wie öffentlichen Sektors sollen von den Ergebnissen profitieren können. Ganz vorneweg die Studierenden: „Wir können die Ergebnisse direkt in der Lehre einarbeiten und unseren Studierenden Methodenkompetenz, die Fähigkeit zur Mitarbeiterführung wie auch zur intersektoralen und internationalen Teamarbeit vermitteln“, betont Prof. Großmann. Schon jetzt zeichne sich ab, dass junge, innovative Unternehmen erfolgreiche Management-Tools anwenden. „Ihnen können die Forschungsergebnisse im Umgang mit etablierten Unternehmen den Rücken stärken“, blickt Schelkle voraus. Bis zum Abschluss zum Jahresende 2020 werden weitere Aufenthalte in England und Malaysia das bisherige Bild ergänzen.

Das Forschungsprojekt „Being lean and seen“ in Kürze

Seit Herbst 2017 ist die Fakultät Bauingenieurwesen Partner des von der EU geförderten RISE Forschungsprojektes "Beeing Lean and Seen". Im Rahmen dieses Projekts werden verschiedene Projektmanagement-Systeme miteinander verglichen und insbesondere die Themen "Lean Management", "Psycho-soziale Aspekte" und "Innovation and Change Management" untersucht. Insgesamt wirken an dem Projekt neun Projektpartner aus England, Malaysia und Deutschland unter der Leitung der Liverpool John Moors University mit (Liverpool John Moores University, University of Liverpool, Universität Stuttgart, Universiti Sains Malaysia, HTWG Hochschule Konstanz sowie aus der Wirtschaft die Firmen Drees & Sommer, refine, Aimes, project_five und Transformation Consulting International). Verantwortlich seitens der HTWG ist Prof. Dr. Hans-Peter Schelkle. Die Abkürzung RISE steht für "Reasearch and Innovation Staff Exchange", das heißt, dass neben den Forschungsaktivitäten eine besondere Bedeutung auf dem fachlichen Austausch liegt. Die Projektdauer erstreckt sich vom 1.Januar 2017 bis 31. Dezember 2020.

Fotos: Unsplash / Scott Blake
fotolia / shock