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Nemmsen: Online-Einkauf beim lokalen Einzelhandel

15.02.2018

Ein Gründerteam der HTWG baut eine Alternative zu den großen Online-Händlern auf

Internet-Shopping ist bequem und unkompliziert. Doch für manchen bleibt ein schlechtes Gefühl dabei: Warum die großen Internethändler beim Ausbau ihrer Marktmacht unterstützen, während der lokale Einzelhandel vor der Haustür dasselbe Sortiment mit kürzerer Lieferzeit und persönlicher Beratung parat hält? Valentin Uhrmeister, Moritz Simsch und Anna Pfeifer (auf dem Foto von links) schaffen Abhilfe. Sie wollen, dass die Konsumenten in Konstanz ab April per Klick bei lokalen Händlern einkaufen können. Und dass dies bald auch in vielen weiteren Städten möglich ist. Ihre Geschäftsidee „nemms“ wurde von Experten positiv bewertet. Das Team erhält seit Anfang Februar das Gründerstipendium „Exist“, das dem Trio für ein Jahr ein festes Einkommen sichert, Weiterbildungen ermöglicht und den Kontakt zu Investoren eröffnet. Die HTWG Hochschule Konstanz unterstützt sie dabei.

Wie funktioniert nemms?

Ein Kunde interessiert sich zum Beispiel für Schuhe einer besonderen Marke und möchte wissen, ob ein und wenn ja welcher Händler in Konstanz die Schuhe zu welchem Preis anbietet. Per Smartphone, Tablet oder PC kann er eine formlose Anfrage versenden, bei Wunsch auch mit einem Foto. Die Applikation leitet die Anfrage an geeignete Händler der entsprechenden Branche weiter. Diese können dann unkompliziert per Chat und mit einem oder mehreren Angeboten Kontakt mit dem Interessenten aufnehmen. Rückfragen können über die App persönlich mit dem anbietenden Einzelhändler geklärt werden. Entspricht das Produkt den Erwartungen, kann sich der Kunde auf den Weg zum entsprechenden Einzelhändler machen. Nach der zeitlich begrenzten Testphase wird es möglich sein, die „genemmsten“ Produkte CO2-neutral per Fahrradkurier an jeden Ort in der Stadt geliefert zu bekommen und Rückfragen via Videotelefonie zu stellen.

„Unser Ziel ist nicht, den Online-Handel zu verhindern. Wir bieten einen weiteren, neuen Weg an, der neben dem anonymen Online-Shopping auch den persönlichen Kontakt und eine langfristige Kundenbindung ermöglicht.“

Co-Founder Moritz Simsch

An der HTWG, genauer gesagt in der Strandbar am HTWG-Campus, ist die Idee für nemms geboren worden – bei einem zufälligen Zusammentreffen. Nach vielen weiteren Treffen voller Diskussionen zu möglichen Geschäftsideen wurde das Trio konkret, als die Stadt Konstanz die HTWG aufgerufen hatte, Beiträge zur Beteiligung beim Wettbewerb „Digitale Stadt“ einzureichen. Die Stadt Konstanz kam beim Wettbewerb des Branchenverbands Bitkom nicht in die Endrunde, aber das Trio hatte Blut geleckt und suchte nach Alternativen, um seine Idee doch noch realisieren zu können.

Am Anfang stand erstmal eine Absage

Da es sich nur bedingt um eine technische Innovation handelt, war es noch etwas schwerer als ohnehin, die kritischen Prüfer der Exist-Anträge zu überzeugen. „In einer Vorab-Prüfung wurde uns bescheinigt, dass unsere Idee keine Aussicht auf Förderung haben wird“, erinnert sich Anna Pfeifer. „Aber gerade das hat uns angespornt“, ergänzt Valentin Uhrmeister. Gemeinsam mit den Beratern der Gründerinitiative „Kilometer 1“ von Universität Konstanz und HTWG, Christoph Selig und Christina Ungerer, haben sie an der Idee gefeilt, den Markt noch gründlicher geprüft, das Profil deutlicher herausgearbeitet.
Dazu gehörte auch, sich mit den lokalen Einzelhändlern zusammenzusetzen, um deren Bedürfnisse abzufragen. „In Workshops mit zukünftigen Nutzern kamen wertvolle Hinweise zur Gestaltung des Services. Zum Beispiel was wir tun müssen, damit die Händler die Online-Anfragen effizient in den Tagesablauf integrieren können“, sagt Anna Pfeifer.

„Nach der anfänglich negativen Vorab-Einschätzung des Projektträgers imponierten die angehenden Gründer offenbar nicht nur mir mit ihrer Beharrlichkeit und ihrem Ehrgeiz. Die Ausarbeitung des Ideenpapiers bewegte sich auf einem hohen Niveau. Nach Einreichung der finalen Unterlagen im September entwickelte sich das Vorhaben schnell positiv weiter während wir auf den Bescheid warteten.“

Gründerberaterin Christina Ungerer, Kilometer 1

Für die Vermarktung arbeiten die Gründer schon jetzt mit Vertretern des Treffpunkt Konstanz e.V., der Wirtschaftsförderung der Stadt Konstanz, der Marketing und Tourismus Konstanz GmbH und der Bodensee Standort Marketing GmbH zusammen. Langfristiges Ziel ist, das Konzept auch auf andere Städte zu übertragen. „Gerade Uni-Städte sind sehr interessant. Hier ist die Klientel der Idee - kurze Lieferwege und wenig Ressourcenverbrauch - gegenüber offen. Und es gibt Studierende, die sich als Fahrradkuriere jobben möchten“, sagt Valentin Uhrmeister.

Die Motivation ist groß

Nemms bewegt sich allerdings nicht alleine auf dem Markt. „Der E-Commerce-Markt ist riesig, aber es gibt noch keine Lösung, die Einzelhändlern Onlinehandel mit persönlicher Produktberatung ermöglicht“, sagt Anna Pfeifer. „Zudem denken immer mehr Konsumenten um und wollen Nachhaltigkeit leben”, ergänzt Moritz Simsch. Die drei sind von nemms überzeugt und haben sich aus ihren gesicherten Arbeitsverhältnissen verabschiedet. „Es ist die Freiheit, Dinge ausprobieren und in eigener Verantwortung weiterentwickeln zu können, die einfach enorm motiviert“, sagt Anna Pfeifer, die zuletzt als Beraterin für digitale Produkte gearbeitet hat. Valentin Uhrmeister, der seit seinem Studium als Web-Entwickler arbeitet und damit auf dem Arbeitsmarkt heiß begehrt ist, erläutert: „Ich will morgens aufstehen, nicht weil die Pflicht ruft, sondern weil ich mein eigenes Ding umsetzen kann.“

Und der Name "nemms"?

Der geht mit etwas gutem Willen auf die regionale Sprachfärbung bei einer Kaufzusage zurück: „I nemms!“. Noch wichtiger war den Gründern bei der Namensgebung, dass der Markenname auch zum Verb werden kann: Schließlich ist es doch viel einfacher, zu „nemmsen“ als „nach einem Produkt beim lokalen Einzelhandel zu recherchieren.“
 

Das Trio ist nicht alleine unterwegs. Die Exist-Förderung ist mit der Unterstützung der HTWG verbunden. Die Hochschule zahlt die Fördermittel aus, Mentor des Teams ist Dr. Markus Eiglsperger, Professor für Webtechnologien und Mobile Anwendungen in der Fakultät Informatik. „Meine Aufgabe ist, die Gründer wissenschaftlich zu begleiten und ihnen mit meinen Erfahrungen im Bereich Softwareentwicklung und E-Commerce zur Verfügung zu stehen. Gleichzeitig diene ich als Schnittstelle zwischen dem EXIST Programm und dem Team“, erläutert Prof. Eiglsperger. „Die Aufgabe ist sehr spannend für mich, weil sie mir die Gelegenheit gibt, direkt zu sehen, wie innovative Methoden am Markt funktionieren“, erläutert er. Die unmittelbare Rückmeldung vom Markt sei wiederum für ihn sehr wichtig und erlaube ihm in seiner Lehrtätigkeit auf dem neuesten Stand zu bleiben. Und auch das Team von Kilometer 1 ist weiter für die drei Gründer da: „Wir werden sie zu gründungsrelevanten Fragen sowie zur Businessplanerstellung beraten, einen begleitenden Coach vermitteln und den Entwicklungsstand des Vorhabens gegenüber dem Projektträger kommunizieren“, ergänzt Christina Ungerer von „Kilometer 1“.

Weitere Informationen auf der Website von nemms

EXIST – Existenzgründungen aus der Wissenschaft

EXIST ist ein Förderprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi). Ziel ist es, das Gründungsklima an Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen zu verbessern. Darüber hinaus sollen die Anzahl und der Erfolg technologieorientierter und wissensbasierter Unternehmensgründungen erhöht werden. Hierzu unterstützt das BMWi Hochschulabsolventinnen, -absolventen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Studierende bei der Vorbereitung ihrer technologieorientierten und wissensbasierten Existenzgründungen. Darüber hinaus fördert EXIST eine lebendige und nachhaltige Gründungskultur an öffentlichen und privaten Hochschulen.

EXIST umfasst drei Förderprogrammlinien:

  • EXIST-Gründungskultur unterstützt Hochschulen dabei, eine ganzheitliche hochschulweite Strategie zu Gründungskultur und Unternehmergeist zu formulieren und nachhaltig und sichtbar umzusetzen.
  • EXIST-Gründerstipendium unterstützt die Vorbereitung innovativer technologieorientierter und wissensbasierter Gründungsvorhaben von Studierenden, Absolventinnen und Absolventen sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.
  • EXIST-Forschungstransfer fördert sowohl notwendige Entwicklungsarbeiten zum Nachweis der technischen Machbarkeit forschungsbasierter Gründungsideen als auch notwendige Vorbereitungen für den Unternehmensstart.

Weitere Informationen zum EXIST-Förderprogramm
Kilometer 1, die Gründerinitiative von Universität Konstanz und HTWG

 

Bildquelle Titelfoto: Unsplash/neonbrand