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    Architektur

    Bachelor und Master

    Eine Berufsbiografie, ganz dem „Einfachen Bauen“ verschrieben

    Vortrag von Florian Nagler an der HTWG

    (6/26) Vor einer bestens gefüllten HTWG-Aula gewährte der Architekt Florian Nagler im Rahmen der Vortragsreihe POSITION.EN im Juni faszinierende Einblicke in seine Arbeitsweise, die von der Leitidee des „Einfachen Bauens“ getragen wird. Anschaulich zeichnete er die Genese ausgewählter Projekte seines Büros nach und eröffnete spannende Perspektiven auf eine Architektur, die durch Klarheit, Konsequenz und Materialbewusstsein überzeugt.

    Nach einer handwerklichen Ausbildung zum Zimmermann, die seine Berufspraxis bis heute maßgeblich prägt, und Tätigkeiten in verschiedenen Architekturbüros (u. a. Mahler Günster Fuchs) hat Florian Nagler 1999 mit seiner Frau Barbara Nagler im Westen Münchens das gemeinsame Büro Nagler Architekten  gegründet. Forschung, Lehre und Bautätigkeit waren in seiner Arbeit stets eng miteinander verzahnt. So hat er nach verschiedenen Gast- und Vertretungsprofessuren in Wuppertal, Kopenhagen und Stuttgart seit 2010 eine feste Professur für Entwerfen und Konstruieren an der TU München inne.

    Frühe Prägung im nachhaltigen Bauen – vor der Omnipräsenz des Begriffs

    Schon während seiner Zimmererlehre baute Florian Nagler ganz im Sinne von Kreislaufwirtschaft und Re-use Scheunen für lokale Bauern, für die beispielsweise ein abgebrochener Dachstuhl zum Einsatz kam. Sein Wunsch ist es, generell die Sparsamkeit wieder mehr in den Fokus zu rücken. Zu dieser Herangehensweise beschreibt er ein Projekt für einen befreundeten Künstler, der ihn bat, ein Reiseatelier für ihn zu entwerfen. Man entschloss sich zur Form eines Schiffscontainers mit Ausstattung nah am Existenzminimum, der zuerst in Patagonien zum Einsatz kommen sollte. Aus der ersten Nutzung resultierte jedoch bald die Erkenntnis, dass unsere westliche Vorstellung vom Existenzminimum doch stark abweicht von dem, was beispielsweise in Lateinamerika als solches gilt – und daraus der Anspruch, auch hierzulande in der eigenen Berufspraxis reduzierter zu bauen. Die Sinnhaftigkeit dieses Grundsatzes bestätigte sich weiter durch die bei einem Schulbau gewonnenen Erfahrungen – dem Schmuttertal-Gymnasium in Diedorf. Zwar in Holzbauweise errichtet, funktionierte die „sündhaft teure“ Haustechnik erst nach Jahren richtig, jedoch bald darauf schon gar nicht mehr. Laut Nagler ist das bei einem Großteil allein der Schulen der Fall, ähnlich wird es sich bei anderen Bauten darstellen. Hier tut sich eine wenig nachhaltige „Performance Gap“ auf, da Nutzer:innen die Technik manchmal doch anders einsetzen als geplant, oder auch das nötige Wissen zur optimalen Bedienung fehlt. Beispielhaft führt er die „Siedlung Klee“ von Knapkiewicz & Fickert in Zürich an, die eine klug geplante Lüftung besitzt, in der Praxis aber einen um 63% gesteigerten Stromverbrauch aufweist.

    Forschungsprojekt „Einfach Bauen“ an der TU München und Musterhäuser

    Um seine Bautätigkeit durch Forschung untermauern zu können, rief Florian Nagler das Forschungsprojekt „Einfach Bauen“ ins Leben. Eine der anfänglichen Kernfragen war: „Wann funktioniert ein Wohnraum am besten unter den drei Aspekten, dass er gut belichtet ist, im Winter so wenig Heizenergie verbraucht wie möglich und im Sommer möglichst wenig Überhitzungsstunden hat“. Dazu wurde eine Serie von Einzelräumen – insgesamt 2600 von jeweils 18 Quadratmetern in verschiedenen Grundrissen und Raumhöhen – im Jahresverlauf simuliert. Am besten „funktioniert“ hat der klassische Altbauraum mit hoher Decke, kleinem Fenster in der Höhe und wenig Dämmung. Im nächsten Schritt ging es um die Materialfindung, um solche Räume mit diesen Eigenschaften unter heutigen Bedingungen erstellen zu können – radikal einfach und kostengünstig. In Bad Aibling wurden dann zunächst drei von inzwischen bald sechs engmaschig überprüften Musterhäusern realisiert, die jeweils einen Baustoff untersuchten – Infraleichtbeton, porosierte Lochziegel und Brettsperrholz. Diese Materialien machten zusätzliche Dämmung überflüssig und haben eine bessere Energiebilanz als so manches Passivhaus, weshalb sie großes Medienecho fanden. Das nährte den Wunsch, fortan auch alle Häuser des Büros „einfach“ zu bauen – eine Neuausrichtung, die, wie Nagler zugibt, mitunter gar nicht so leicht umsetzbar war und ist: Es braucht dafür Durchsetzungs- und Begeisterungsfähigkeit. Dennoch erlebt Nagler Bauen nach diesem Leitprinzip als „etwas extrem Befreiendes und überhaupt nicht Gängelndes“. Sein Anliegen ist außerdem, einen Beitrag zur Nachhaltigkeit zu leisten, indem die von ihm gebauten Häuser für die nächsten Jahrhunderte konzipiert sind. Schließlich sorgt der Abbruch von Häusern für rund 50% unseres gesamten Müllaufkommens. 

    In der zweiten Generation von Musterhäusern, die derzeit umgesetzt werden, steht nun im Vordergrund, graue Emissionen weiter zu reduzieren, Kreislauffähigkeit zu verbessern und mehrgeschossige Bauweisen mit einfachen Konstruktionen zu entwickeln. 

    Jüngste Bauten des Büros nach „einfachen Prinzipien“: Museum, Kirche, Maschinenhalle und Büroneubau

    Florian Nagler will mit seinem Büro auch andere Typologien bauen als Wohnhäuser, und so wurde etwa ein Museumsbau für das Freilichtmuseum in Amerang umgesetzt, der bestimmten musealen Anforderungen genügen sollte. Letztlich wurde er jedoch mit stark reduzierter Technik und einer Konzentration aufs Wesentliche realisiert und kann trotzdem einem Großteil der geforderten Ansprüche gerecht werden.

    Ein weiteres Projekt war die Pilgerkirche St. Martha in Nürnberg (1385), die bei der Sanierung 2014 abgebrannt war. Sie wurde nach außen hin profilgleich, aber mit veränderter räumlicher Idee für den Innenraum wiederaufgebaut. Dafür kam eine moderne Holzkonstruktion in Verbindung mit Naturstein und Stampflehmboden zum Einsatz. Wie man nachträglich feststellte, hatten für den komplexen Kirchenbau letztlich zwei sehr einfache Handskizzen eines Bauplaners aus dem Büro die Basis für den Umbau gebildet.

    Für eine Maschinenhalle in Irschenhausen konnte Florian Nagler auf seine Erfahrungen aus den Berufsanfängen zurückblicken. Das Büro stellte sich zudem selbst vor die Herausforderung, eine reine Holzkonstruktion ganz ohne Stahl und Schrauben zu erstellen. Dies gelang mit digitaler Technik und einer sich nur durch die per CNC-Fräse erstellten Holzverbindungen tragenden Konstruktionsweise.

    Mittlerweile war das eigene Büro auf eine Mitarbeiterzahl von zwanzig angewachsen, weshalb eine Büroerweiterung auf dem Grundstück des bereits bestehenden Wohn- und Bürogebäudes geplant wurde. Der Neubau weist einen kleinen Fußabdruck auf, wurde gänzlich ohne Zement umgesetzt und ist zukunftsfähig, da er auch neuen Nutzungen offensteht. Für die Pläne ging Nagler wieder auf Handzeichnungen zurück – auch hier wurde also eine Rückbesinnung aufs Einfache, Unkomplizierte vollzogen. Was in der Umsetzung jedoch eine gewisse Herausforderung darstellt, so gesteht er ein, ist, die Ideen des Einfachen mit allen Baubeteiligten immer wieder durchsprechen zu müssen. Dieser Aufwand macht sich im Prozess und im Ergebnis aber letztlich mehr als bezahlt.

    Bei der abschließende Fragerunde wurde kritisch nachgehakt, ob das „Einfache Bauen“ sich überhaupt kostengünstig realisieren lässt. Nagler bestätigte das: Nimmt man etwa die Kosten von fast 5.000 € pro Quadratmeter, die für den Sozialen Wohnungsbau in München mittlerweile angesetzt werden, bleibt beispielsweise sein eigener Büroneubau darunter. Dafür wurde schlicht das Minimum an Technik eingesetzt, auf Schallschutzmaßnahmen weitgehend verzichtet und die konstruktiven Mindestanforderungen eingesetzt. So kam man zur Umsetzung einer Art „persönlichem Gebäudetyp E“ – was uns wieder zu dem Leitsatz zurückführt, mehr Sparsamkeit walten zu lassen.