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    Architektur

    Bachelor und Master

    POSITION.EN-Vortrag „Einfach Bauen: Ein Appell für Baukultur und Substanz“ von Berthold Braunger und Marcus Wörtz

    (05/2026) Ende April gaben Braunger Wörtz Architekten aus Blaustein bei Ulm auf Einladung der Fakultät Architektur und in Zusammenarbeit mit dem BDA – Kreisgruppe Bodensee in der Aula der HTWG wertvolle Einblicke in ihre umfassende Arbeitspraxis. In 25 Jahren gemeinsamer Tätigkeit haben sie ihren Fokus auf das einfache Bauen zunehmend geschärft und klare Konstruktionen, ehrliche Materialien sowie nachhaltige Baustoffe immer weiter in den Vordergrund gerückt – Themen, die auch ein zentraler Bestandteil der Lehre und Praxis an der HTWG sind.

    Fünf Leitthesen

    Braunger Wörtz Architekten plädieren für einen Wandel hin zum einfachen Bauen und einer Architektur, die durch radikale Vereinfachung besticht, ohne Verzicht zu bedeuten. In ihrem Vortrag in einer gut gefüllten Aula stellten sie fünf Leitthesen vor, die ihre Praxis bestimmen: Bestehendes gilt es wertschätzend umzubauen statt abzureißen. Statt steriler Perfektion darf der Gebäudecharakter sichtbar werden. Räume sollen stets flexibel gestaltet sein, um verschiedene Nutzungen zu ermöglichen. Unnötige Normen und Technik müssen reduziert werden. Außerdem möchten sie möglichst unbehandelte lokale Baustoffe einsetzen und diese mit einfachen Mitteln zusammenfügen. 

    Einfaches Bauen an der HTWG

    In diesem Sommersemester wird die Reihe POSITION.EN von Prof. Stefan Krötsch organisiert, der dafür das Thema „Einfaches Bauen“ in den Fokus nimmt. Auch in seiner Lehre an der HTWG und seiner Baupraxis spielt dieses Thema eine zentrale Rolle, wie neben zahlreichen realisierten Holzbauten etwa die Weiterverwendung von Schalungselementen aus dem Bau des neuen Stuttgarter Hauptbahnhofs zeigt (siehe Artikel unten / für Uta: HP AR Aktuelles: „Bauen im Kreislauf“ – Jugendtreff Ingersheim). Im Juli wird dazu die VR-ergänzte Ausstellung „aus Schalen entworfen“ im Roten Turm auf dem Bückle-Areal zu sehen sein, weitere Projekte sind in Planung. In seiner Vorstellung der Vortragsreihe erwähnte er zudem den Einsatz von Prof. Lydia Haack – auch auf politischer Ebene – für den Gebäudetyp-E, der experimentelles, einfaches und effizientes Bauen ermöglichen und das kritisch gesehene herrschende „Normendickicht“ aufbrechen will. Vor diesem Hintergrund war die Einsicht in die Arbeit von Braunger Wörtz ein wertvoller Zugewinn für die Studierenden der HTWG, die sich in diesem Semester in zahlreichen Veranstaltungen („Baukonstruktion 3 – Holzbau/Baustoffe“, „Wegkapelle“, „Nachhaltiges Bauen“, „Energieeffizientes Bauen“) ebenfalls mit dem einfachen Bauen auseinandersetzen können. 

    Realisierte Projekte des Büros

    Anknüpfend an ihre fünf Thesen dienten ausgewählte Projekte des Büros Braunger Wörtz zu deren Veranschaulichung. Dazu zählten beispielsweise die Umnutzung einer Fabrik für Feuerwehrausstattung in Ulm zum nutzungsoffenen „Stadtregal“, die zugleich eine Revitalisierung des Quartiers bedeutete. Zeugnisse vergangener Nutzungen blieben sichtbar, während das Gebäude selbst dem Licht geöffnet wurde. Auch der Umbau des Sprengmeisterhauses der „Vereinigten Terrazzo- u. Steinwerke“ im Kleinen Lautertal samt gründlicher Analyse und liebevoller Rekonstruktion der historischen Kalk- und Terrazzoverputze sowie des zugehörigen Schüttwerks zur selbst genutzten Architekturwerkstatt wurde anschaulich vorgestellt. Das Schüttwerk haben Braunger Wörtz konsequenterweise mit denselben Materialien umhüllt und gedämmt, mit denen es auch errichtet worden war, und durch das Entfernen rückwärtiger Betonwände Ausblicke in die idyllische Landschaft ermöglicht. 

    Ihre Wertschätzung für das cradle-to-cradle-Prinzip und maximale Einfachheit bringt auch die Klostersanierung des Franziskanerklosters Reute (dessen Gründungsvater Franz von Assisi sozusagen synonym für Bescheidenheit steht) mit Wurzeln im 12. Jahrhundert zum Ausdruck. Hier gingen sie insbesondere auf einen aus Stampflehm errichteten Aussegnungsraum für die Klosterschwestern ein, der mit seiner schlichten Materialität und zenitalem Lichteinfall kontemplative Ruhe ausstrahlt.

    Neben der Feuerwehr Ingelheim, ebenfalls hervorgegangen aus einem Wettbewerbsentscheid und realisiert in Werkstein aus lokalem Sand, die den Landespreis des BDA Rheinland-Pfalz gewann, beeindruckte die Zuhörenden auch der Neubau für den Palliativdienst in Weißenhorn. Dieses in ökonomischer Holzskelettbauweise ausgeführte Gebäude mit Vortragsräumen und Büros, zu denen eine „schwebende“ Treppe emporführt, entstand auf einer Streuobstwiese, um den Mitarbeiter*innen des Palliativdienstes in ihrem fordernden Berufsalltag bewusst eine Atempause zu verschaffen. 

    In der abschließenden Fragerunde wurde beleuchtet, dass Bauten, die in ihrer Erscheinung so „einfach“ daherkommen, letztlich doch eine gewaltige Architekturleistung darstellen und vielfach nach kreativen, maßgeschneiderten Lösungen verlangen. 

    Wir danken Berthold Braunger und Marcus Wörtz für die geschätzten Einblicke in ihre Arbeiten und den regen Austausch beim anschließenden Apéro! 

    Text und Fotos © Christina Bösel