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Blick auf Geflecht weltweiter Sanktionen

21.07.2020

Aus Eigeninitiative hat Prof. Dr. Erdal Yalcin vor sechs Jahren begonnen, eine Übersicht über internationale Wirtschaftssanktionen zu erstellen. Nun veröffentlicht er mit einem internationalen Forscherteam die derzeit umfangreichste Datenbank zum Thema.

Wie reagieren auf die völkerrechtswidrige Annexion der Krim durch Russland, das Atomprogramm von Nordkorea, Querelen um das Atomabkommen mit dem Iran? In all diesen Fällen wurden Sanktionen verhängt - von der internationalen Staatengemeinschaft durch den UN-Sicherheitsrat oder den USA alleine. Ganz aktuell drohen erstmals deutschen Behörden Strafmaßnahmen: Die USA kündigen an, gegen die Genehmigung der Gaspipeline Nord Stream 2 Sanktionen zu verhängen, gegen am Bau beteiligte Unternehmen haben sie bereits vor einigen Monaten Strafmaßnahmen ausgesprochen.

„Sanktionen sind das Mittel der Wahl“
Der Eindruck täuscht nicht, dass der Stellenwert von Sanktionen in der internationalen Politik in den vergangenen Jahren gewachsen ist, bestätigt Prof. Dr. Erdal Yalcin, Professor für internationale Volkswirtschaft: „Sanktionen sind das Mittel der Wahl – stärker als nichts zu tun, schwächer als ein militärisches Eingreifen.“ Werden Sanktionen verhängt, ist damit das Ziel verbunden, dass die „bestrafte“ Regierung, Personen oder Organisationen einlenken und ihr Verhalten ändern. Doch welche Arten von Sanktionen gibt es? Und welche Ziele sind damit verbunden? Und erreichen die jeweiligen Sanktionen die gewünschten Ziele? Um diese Fragen zu beantworten, hat ein internationales Forscherteam die derzeit umfangreichste und aktuellste Datenbank erstellt. Die Hauptessenz laut Initiator Prof. Yalcin: „Der Wirkungsgrad von Sanktionen kann in den betroffenen Ländern enorm sein, während gleichzeitig der Grad der Zielerreichung sehr, sehr niedrig ist.“

Ein Balkendiagramm zeigt die steigende Anzahl von Sanktionen von 1950 bis 2015Die Grafik stellt die Anzahl der Sanktionen nach Art (Handelssanktionen, Waffensanktionen, Sanktionen gegen Militärhilfe, Finanzsanktionen, Reisesanktionen und andere Sanktionen), gestapelt dar.
Quelle: GSDB

 

Anfeindungen gegen Erdal Yalcin gaben den Auslöser
Die Aussage gründet auf einer sehr umfangreichen Datensammlung, für die Yalcin 2014 den Grundstein gelegt hat. In einem Interview anlässlich des Absturzes des Passagierflugzeugs MH17 der Malaysia Airline über der Ukraine formulierte er damals nicht nur seine Erwartung, dass Wirtschaftssanktionen gegen Russland nicht den erwünschten Erfolg nach sich ziehen werden, sondern debattierte allgemein die langfristigen Erfolgschancen von Strafmaßnahmen. „Die Reaktionen auf die Aussagen waren heftig“, erinnert sich Erdal Yalcin, der zu dieser Zeit noch am Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München als Stellvertretender Leiter des Zentrums für Außenwirtschaft tätig war. Die zahlreichen Anfeindungen gegen ihn waren Auslöser für den Entschluss, eine aktuelle, umfangreiche Datenbank zu Sanktionen weltweit aufzubauen. Als Unterstützer konnte er Gabriel Felbermayr gewinnen, damals ebenfalls noch am Ifo-Institut tätig und heute Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW). Bei einem Mittagessen in München begeisterte Erdal Yalcin auch Prof. Yoto V. Yotov von der Drexel University Philadelphia für die Idee, der wiederum seinen Forschungspartner Prof. Constantinos Syropoulos von der Drexel University mit ins Boot holte.

Mehr als 700 Sanktionen erfasst
729 Sanktionen sind in der Global Sanctions Data Base (GSDB) erfasst, alle, die zwischen 1950 bis 2016 verhängt worden und öffentlich nachweisbar sind. Doch die Datenbank ist weit mehr als eine Auflistung der bi-, multi- und plurilateralen Sanktionen. Sie erlaubt zudem Einblicke in die jeweiligen Handelsströme der beteiligten Länder und in deren Entwicklung nach dem Inkrafttreten der Sanktionen. Am Beispiel Iran werden so Auswirkungen nicht nur auf Nachbarländer wie Armenien, sondern auch auf Sri Lanka oder Kenia sichtbar. Insgesamt 180 Länder waren bzw. sind an den Sanktionen gegen die islamische Republik beteiligt. „In der vernetzten Welt müssen wir bei der Bewertung der Effekte von Sanktionen ihre Auswirkungen sehr differenziert betrachten“, betont Prof. Dr. Erdal Yalcin.

Sanktionen

Es gibt verschiedene Arten von Sanktionen:
Am häufigsten werden Wirtschaftssanktionen verhängt, d.h. der Export bzw. Import bestimmter Güter aus dem bzw. in das sanktionierte Land werden untersagt. Dazu zählt zum Beispiel ein Waffenembargo. Weitere Arten von Sanktionen, die gezielt Personen oder Personengruppen betreffen, sind Vermögenseinfrierungen und Einreiseverbote.
Auslöser von Sanktionen:
Verstoß gegen das Völkerrecht, internationale Verträge, Menschenrechtsverletzungen, Mitwirkung an terroristischen Aktivitäten
Ziele von Sanktionen:
Das Projektteam um Prof. Yalcin hat neben anderen acht wesentliche Ziele von Sanktionen ausgemacht: Politikwechsel, Regimedestabilisierung, Demokratieförderung, Durchsetzung von Menschenrechten, Einstellung von Territorialkonflikten, Kriegsprävention, Unterbinden von Terrorismus, Beendigung eines Krieges.

Empirische Handelsmodelle erlauben Voraussagen
Als Grundlage diente die Zusammenstellung von Sanktionen von Gary Hufbauer. Yalcin nahm mit Hufbauer Kontakt auf, übernahm die Zusammenstellung und erweiterte sie – sowohl um betrachtete Jahre als auch um Daten rund um die einzelnen Sanktionen. Den besonderen Fokus setzten die Forscher auf Wirtschaftssanktionen. Deren Auswirkungen haben sie auf der Basis von Handelsmodellen untersucht, insbesondere dem Gravitationsmodell. Mit Prof. Yoto V. Yotov ist ein Wissenschaftler beim Sanktionsdatenbank-Projekt beteiligt, der in diesem Bereich zu den führenden Forschern weltweit zählt. Das Modell übernimmt Ideen aus der Physik zur Gravitation und überträgt sie auf die Handelsbeziehungen von Ländern. Wie die Anziehung zwischen zwei Planeten von ihrer Masse und Entfernung zueinander bestimmt werde, nähmen auch die wirtschaftliche Größe und Entfernung zwischen zwei Volkswirtschaften Einfluss auf die Handelsbeziehungen zueinander. „Dank dieses auf einem theoretischen Modell basierenden Ansatzes lassen sich im Gegensatz zu reinen empirischen Ad-Hoc-Analysen Voraussagen für unterschiedliche Politiken treffen“, erläutert Prof. Yalcin.

Vor allem zu den ökonomischen Kosten von Sanktionen. Denn diese haben viele Beteiligte zu tragen: Die adressierten Staaten, aber auch die Sanktionen verhängenden Staaten und oft auch Unternehmen in Drittländern (deren Ländern nicht an den Sanktionspolitiken beteiligt sind). Die neue Sanktions-Datenbank illustriert bereits mit einfachen deskriptiven Statistiken neue Erkenntnisse. So ist z.B. die Richtung der auferlegten Sanktion auf Handelsströme von besonderer Bedeutung: Betreffen sie den Export des sanktionierten Landes, den Import in das Land oder sind nur einzelne Sektoren bzw. Güter betroffen? Die Datenbank erlaubt eine detaillierte bilaterale Analyse von allen Ländern der Welt: Hat nur ein Land Sanktionen erlassen oder eine Ländergruppe?

Geflecht von weltweiten Sanktionen
In Dendrogrammen ist schnell ersichtlich, wie sich ein Netz von Sanktionen von und gegen unterschiedliche Regionen über die Weltwirtschaft legt. Überwogen beispielsweise 1950 noch von Nordwesteuropa verhängte Sanktionen gegen Ostasien, Ost- und Südeuropa, ist das Geflecht von „strafenden“ und „bestraften“ Regionen 2015 weit differenzierter. Bei Ländern wie dem Iran kann die Datengrundlage enorm komplex sein: Hier variierten über die Jahre die an Sanktionen beteiligten Länder, die Sanktionsarten wie auch die Dauer der verschiedenen Sanktionen.

Bilaterale Struktur von Sanktionen 1950 und 2015

Bilaterale Struktur von Sanktionen im Jahr 1950

Diese beiden radialen Dendrogramme veranschaulichen Handelssanktionen zwischen verschiedenen Regionen der Welt für die Jahre 1950 (oben) und 2015 (unten). Die Regionen werden gemäß dem UN-Geoschema klassifiziert.
Quelle: GSDB


Dendrogramm, das die bilateralen Strukturen von Sanktionen im Jahr 2015 zeigt

Wie wirksam sind Sanktionen?
Für die Antwort auf die treibende Frage haben die Forscher auf zwei Wegen Daten erhoben: Zum einen haben sie offizielle Regierungsdokumente wie auch Pressestatements ausgewertet. Zum anderen haben sie die ökonomischen Auswirkungen mit Hilfe des Gravitationsmodells errechnet. „Es wird ersichtlich, wie eine starke Wirtschaftsmacht die Welt politisch mitgestalten kann“, sagt Yalcin. Im Falle Irans beispielsweise kann gezeigt werden, dass die von den USA angeschobenen Sanktionen das Wirtschaftswachstum (pro Kopf-Einkommen) in dem Land um über 4% reduziert.
Eine Entwicklung, die die Wirksamkeit stärken und die negativen Konsequenzen für die Zivilbevölkerung mindern könnte, ist der vermehrte Einsatz sogenannter „smarter Sanktionen“. Diese Sanktionsarten sind feingliedriger. Indem sie sich zum Beispiel mit Reiseverboten oder Einfrieren des Vermögens nur gegen Personen bzw. Personengruppen richten, sind sie weniger umfassend und schwächen nicht die gesamte Nationalökonomie eines betroffenen Staates.

Forschungsthemen auch für Studierende
Ein Fachartikel der Wissenschaftler wird in einer Sonderausgabe der international anerkannten „European Economic Review“ www.sciencedirect.com/journal/european-economic-review zum Thema Sanktionen erscheinen. Die Datenbank bietet eine Grundlage für vielseitige Forschungsfragen, nicht nur von Ökonomen. Historiker, Politikwissenschaftler, Soziologen – für viele Disziplinen bietet die DSGB einen Fundus an Forschungsdaten. Beratungsunternehmen, Politikerinnen und Politikern steht die Datenbank genauso kostenlos offen wie auch den Studierenden der HTWG. „Es gibt viele pragmatische Fragestellungen, für die unsere Studierenden mit der Datenbank arbeiten können“, stellt Prof. Yalcin in Aussicht. „Was bedeuten welche Sanktionen für Unternehmen in der Region? Welche Implikationen hatten zum Beispiel die Sanktionen gegen Russland?“, zählt er mögliche Themen auf.

Das Projekt geht weiter
Die Datenbank ist nicht abgeschlossen. „Wir arbeiten bereits an der nächsten Tranche mit weiteren 300 Sanktionen ab 2016“, kündigt Yalcin an. Dann umfasst die Datenbank mehr als 1000 Sanktionen. „Das zeigt, dass wir dabei sind, mehr Konflikte zu generieren als Märkte zu liberalisieren“, gibt Erdal Yalcin zu bedenken mit dem Hinweis: „Weltweit bestehen rund 800 Freihandelsabkommen.“


Weitere Informationen zur Global Sanctions Database

Bildquelle: Unsplash / Frank McKenna

Prof. Dr. Erdal Yalcin

Prof. Dr. Erdal Yalcin lehrt an der Fakultät für Wirtschafts-, Kultur- und Rechtswissenschaften Volkswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Internationale Wirtschaftsbeziehungen. Der gebürtige Ulmer hat sich schon mit Aufnahme seines Studiums an der Universität Tübingen und der Handelshochschule Göteborg auf internationale Handelsfragen und globale Investitionen fokussiert – lange bevor die politische Brisanz der Themen in der Öffentlichkeit diskutiert wurde. In seiner Promotion untersuchte er die Internationalisierungsstrategien von Unternehmen in einer unsicheren Welt. Weitere Forschungsarbeiten betrafen unter anderem die Bewertung wirtschaftlicher Effekte von Handelsabkommen. Forschungsaufenthalte führten ihn ferner an die Welthandelsorganisation in Genf und an renommierte internationale Forschungsinstitute, wie das Tuborg Research Center for Globalization and Firms in Dänemark. 2010 wurde er stellvertretender Leiter des ifo Zentrums für Außenwirtschaft. Seitdem war er Mitglied verschiedener Beratergremien auf Landes- bis EU-Ebene und Autor zahlreicher Studien und Aufsätze. Schon während seiner Zeit am ifo-Institut lag ihm die Ausbildung von jungen Menschen am Herzen. An der HTWG will er den Studierenden die Grundlagen der VWL und internationaler Handelsbeziehungen mit starker Praxisorientierung vermitteln. Besonders wichtig ist ihm die datenbasierte Analyse – und als Voraussetzung hierfür die Recherche und der kompetente Umgang mit Daten.