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    Kommunikationsdesign

    Masterstudiengang

    »Ich spiele gegen das Spiel«

    Neu an der HTWG Konstanz: Prof. Dr. Marco De Mutiis im Interview

    Prof. Dr. Marco De Mutiis besetzt an der HTWG Konstanz seit dem Sommersemester die Professur für »Evolving Imaging and Photography«. Im Interview erläutert er, was sich hinter diesem Begriff und seiner Arbeit verbirgt.

    Wenn Sie einer außenstehenden Person erklären müssten, was eine Professur für »Evolving Imaging and Photography« ist, was würden Sie sagen?
     
    Ich würde sagen, dass dieser Beruf wichtig ist, um die Veränderungen zu zeigen, die in den letzten 200 Jahren in der Fotografie passiert sind – seit ihrer Erfindung – und diese Veränderungen auch zu reflektieren. Bilder sind nicht nur immer dominanter geworden – ein allgegenwärtiges Medium –, es geht auch darum, dass die unterschiedlichen Technologien die Tradition der Fotografie in einer Weise verändert haben, die Bildung erfordert. Wir sind hier, um darüber nachzudenken, wie diese „Nicht-Bilder“ funktionieren. Das ist keine Frage von Kunst und Design alleine, sondern das hat auch Konsequenzen für die Politik, die Wirtschaft, die Gesellschaft.
     
    Wann haben Sie persönlich ein Interesse an dieser Fragestellung entwickelt?
     
    Ich habe meinen Master in Kunst an der School of Creative Media in Hongkong gemacht. Dort ging es viel um Medienkunst und um die Frage, wie Computerisierung Kunst und Design beeinflusst hat. Ich habe mich sehr dafür interessiert, wie wir aus der Rolle der passiven Anwender herauskommen können und die technologischen Systeme selbst formen und beeinflussen können. Ich habe dann selbst künstlerisch im Bereich Media Arts und Interaction Design gearbeitet und 2015 als Digital-Kurator im Fotomuseum Winterthur begonnen, eines der führenden Fotomuseen in Europa. Die Stelle wurde neu geschaffen, um den digitalen Entwicklungen gerecht zu werden, die ja schon in den 90ern begonnen haben: Photoshop, manipulierte Bilder, Foto-Journalismus und dann später Internet, VR, maschinelles Lernen, Special Effects, AI, Videospiele etc. – alle diese Bereiche haben die Fotografie vorangetrieben, sie explodieren lassen. Meine Aufgabe war es, das Programm für dieses Museum zu gestalten, und diese neuen Ideen von Fotografie zu erforschen, damit zu experimentieren.
     
    Es gibt einen zweiten Fokus in Ihrem Lebenslauf und Ihrer Forschung: Videospiele. Den Begriff „In-Game-Photography“ hatte ich selbst zuvor noch nie gehört. Also erste Frage: Spielen Sie gerne Videospiele?
     
    Ja, klar. Ich sage immer im Spaß, dass ich mit Forschung zu Videospielen angefangen habe, weil meine Eltern mich vom Spielen abgehalten haben. Aber ernsthaft: Videospiele haben fotorealistische Darstellungen enorm vorangetrieben, bis heute. Die kommerziell erfolgreichsten Spiele finden alle in Umgebungen statt, die sich real anfühlen. Es gibt also eine starke Verbindung zwischen Fotografie und Videospielen. Das hat mich sehr interessiert. Außerdem haben Videospiele als kulturelles Format Filme und Bücher überholt, es ist das kulturelle Format des 21. Jahrhunderts. Und das erfordert auch eine Art der Bildung, es gibt viele Referenzen in den Spielen. 
     
    Können Sie ein Videospiel noch ganz naiv genießen und eintauchen?
     
    Während meiner Doktorarbeit über In-Game-Photography war das nicht mehr möglich. Jetzt kann ich diesen Blick wieder ausschalten und einfach spielen. Aber was ich wirklich gerne mache, ist das Spiel modifizieren und gegen das Spiel spielen. 
     
    Was passiert dann? Wer gewinnt?
     
    Wenn ich als Künstler und Fotograf in das Spiel gehe, dann schaue ich mir an, was die Kamera macht, wie die Welt dort aufgebaut ist, ich schaue hinter die Mauern. Und wenn man so wie ich in das Spiel geht, schert man sich nicht um die Geschichte oder darum zu gewinnen. Das Spiel wird dann zu einem Ort, an dem fotografische Praxis stattfinden kann.
     
    Welche Rolle spielt die physische Kamera in Ihrem beruflichen Leben?
     
    Der »Apparatus« war immer schon eine Blackbox. Man hat sich gefragt: Was passiert da drin? Mit den optischen Systemen, dem Negativ, dem lichtempfindlichen Film? Man kann den Apparat nicht öffnen, der fotografische Prozess findet innerhalb dieser Box statt. Durch die Algorithmen und die Computersysteme ist diese Blackbox nun riesig geworden, gerade wenn man an KI und Machine Learning denkt. All die Dinge, die dort stattfinden, finden komplett getrennt von uns statt. Es ist dieses System der Blackbox, die Bilder generiert, das interessiert mich. Und es fühlt sich immer noch magisch an, genauso wie damals im 19. Jahrhundert. 
     
    Die Idee, dass Bilder Wirklichkeit zeigen, ist das vorbei?
     
    Das ist schon vorbei, seit die Fotografie erfunden wurde.
     
    Aber die Idee, dass ein Bild ein Beweis für eine Realität ist, die hat es immer gegeben?
     
    Vielleicht sollte man statt der Begriffe »Wahrheit« und »Realität« den Begriff der »Glaubhaftigkeit« verwenden. Wir sind immer noch darauf konditioniert, fotorealistischen Bildern Glauben zu schenken, weil wir seit 200 Jahre Fotografie als Dokument benutzen, zum Beispiel in unseren Pässen, bei der Polizei, in der Wissenschaft. Da gibt es eine Art »clash«.
     Spielt dieser »Clash« eine große Rolle in der Ausbildung von Studierenden und auch darin, wie sie mit Fotografie umgehen?
     
    Es spielt natürlich eine große Rolle im historischen Rückblick und auch in den »Grundlagen der Fotografie«. Da schauen wir uns Fotografien aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert an. In Nadars Luftbildern aus dem Heißluftballon geht es um Information. Aber dann schauen wir uns Modefotografie an, in der es überhaupt nicht um Wahrheit und Wirklichkeit geht, sondern um das Gegenteil davon: Es geht um Fantasie, Gefühl und Verführung. Schon ganz ohne KI ist es interessant, diese beiden Seiten der Fotografie zu betrachten. Dieser »Clash« ist sehr produktiv. 
     
    Von Designer*innen wird erwartet, dass sie Bilder produzieren, die eine große Anzahl an Menschen ansprechen, die eine starke Rhetorik haben, Zielgruppen erreichen – spielt das eine Rolle?
     
    Es gibt da eine Reihe von Fertigkeiten, die Designer*innen beherrschen müssen. Es geht darum, in Bildern durch visuelle Sprache etwas zu kondensieren, das bestimmte Emotionen hervorrufen kann. Wir hatten nun Jahre, in denen es um Aufmerksamkeit ging, in denen Influencer die Ästhetik bestimmt haben. Man kann da durchaus von der Gattung der Influencer-Fotografie sprechen, die da entstanden ist, in der Tradition der Werbefotografie. Jetzt sehen wir eine Art »reaction economy«. Bilder versuchen nicht nur, Aufmerksamkeit zu erregen, sondern eine emotionale Reaktion hervorzurufen. Ich gestalte ein Bild zum Beispiel so, dass Menschen wütend werden. Ich gestalte ein Bild so, dass alle Sinne angesprochen werden, bei Food-Fotografie zum Beispiel. Für Designer*innen ist es wichtiger denn je, diese Strategien zu verstehen – aber auch die ethische Komponente dahinter. 
     
    Wie viele Fotos haben Sie auf Ihrem Iphone? Fotografieren Sie einfach so, im Urlaub …?
     
    Ja, der Erinnerungsaspekt der Fotografie ist immer noch sehr lebendig. Das Familienalbum von heute ist für mich eine Whatsapp-Gruppe. Was mich betrifft: Die Frage ist nicht, wie viele Fotos ich auf dem Iphone habe, sondern, ob ich sie jemals anschaue. Ich mache viele Fotos, aber ich blicke selten zurück. Ich bin keine sehr nostalgische Person.
     
    Wenn Sie an Ihre zukünftige Arbeit hier denken, was für Projekte würden Sie gerne umsetzen?
     
    Mein Traum wäre es, diese sehr offene Vorstellung von Fotografie hier einzubringen: einerseits zurückzublicken auf die Tradition analoger Fotografie, und andererseits Studierenden die Möglichkeit zu geben, mit sehr zeitgenössischen Formen von fotografischen Praktiken in Kontakt zu kommen, die digital sind, die online stattfinden. Ich möchte Studierende anregen zu experimentieren, zu spielen und ihr kritisches Denken fördern. Sie sollen aus der Rolle der passiven Betrachter herauskommen. Ich spüre in den Seminaren auch, wie sehr die Studierenden das wollen – und wieviel sie schon wissen. Denn für Studierende, die sich mit Fotografie und Bildern beschäftigen wollen, ist es eine wirklich aufregende Zeit. Langfristig träume ich von einem »Center for Evolving Imaging«, das wäre großartig …
     
    Viele Studierende fürchten, die KI könne ihnen den Job wegnehmen. Was wird die Zukunft für sie bringen?
     
    Eine Karriere, die auf leicht automatisierbaren Tätigkeiten beruht, könnte künftig zunehmend unter Druck geraten oder in manchen Bereichen verschwinden. Stockfotografie zum Beispiel. Das wollen Studierende meist sowieso nicht. Was sie meist auch nicht wollen, ist Hochzeitsfotografie. Nichtsdestotrotz wird das weiterhin großartig laufen. Man kann als Hochzeitsfotograf oder -fotografin eine kommerziell sehr erfolgreiche Karriere machen. Ansonsten sehe ich, wie immer neue Tools auf den Markt kommen: Modefotografen arbeiten mit generativer KI zum Beispiel, und Werbung für Social Media wird unterdessen im Wesentlichen mit KI gemacht. Aber vielleicht ist das gar nicht so schlecht. Dann können wir Fotografen diese Plattform endlich verlassen. Wirklich spannend ist es, analoge und digitale Techniken zu verbinden. 
     
    Persönlich spielen Sie momentan auf vielen Feldern: Sie sind Kurator – in diesem Jahr auch bei der »Paris Photo«–, Sie sind Künstler, Professor. Wie kann man all diese Dinge verbinden?
     
    Praktisch? Keine Ahnung. Im Moment ist es sehr speziell, weil ich noch eine Ausstellung in Winterthur vorbereiten muss, die im Juni eröffnet wird. Aber ich liebe es mit verschiedenen Praktiken zu arbeiten und ermutige auch meine Studierenden das zu tun: Forschung, Schreiben, Dinge künstlerisch ausprobieren und auch Kuratieren, das genieße ich alles wirklich. Ich komme dabei mit anderen Künstlern zusammen, die interessante Arbeit machen. 
     
    Was bedeutet Internationalität für Sie: Sie sind Italiener, haben in China gelebt, dann in der Schweiz, jetzt eine Professur in Deutschland?
     
    Ich habe Italien verlassen, weil ich neue Orte und Kulturen kennenlernen wollte, und weil wir in Italien damals keine guten Aussichten hatten. Meine Zeit in Shanghai und Hongkong war wirklich sehr bereichernd. Dann wollte ich zurück nach Europa, bin in der Schweiz gelandet, und auch das war total neu für mich, die Art zu arbeiten und zu denken. Und jetzt freue ich mich auf die Zeit hier. 

    Zur Person

    Prof. Dr. Marco De Mutiis hat in Venedig und Hongkong studiert und in London zum Thema »Playable Imaging – Photography in, as, and against Games« promoviert. Neben seiner Lehrtätigkeit ist De Mutiis Künstler und Forscher mit Schwerpunkt auf den Transformationen der Fotografie und Bildproduktion. Bis 2026 ist er zudem als Digital Curator des Fotomuseums Winterthur tätig. Marco De Mutiis ist Autor zahlreicher Artikel, wissenschaftlicher Publikationen und Kunstkataloge, seine künstlerische Praxis umfasst Videospiel-Modding, experimentelles Design, Medienkunst und Computational Photography. In diesem Jahr wird er die digitale Abteilung der »Paris Photo« kuratieren, die weltweit größte Messe zeitgenössischer Fotografie, die vom 12. bis 15. November im Grand Palais stattfindet.
     
    Tipp: 
    Ausstellung »Schattenwesen – von der Geisterfotografie zu den Phantomen des Algorithmus«, Fotomuseum Winterthur, 27. Juni bis 11. Oktober.