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Doktorand*in werden an der HTWG – wie funktionierts?

25.11.2022

Neuer Weg zur Promotion: Hochschulen für Angewandte Wissenschaften wie die HTWG haben durch einen eigenen Hochschulverband das Promotionsrecht erhalten. Was das in der Praxis bedeutet, erklären wir hier.

Das Ministerium für Wissenschaft und Kunst Baden-Württemberg (MWK) hat dem Promotionsverband der Hochschulen für angewandte Wissenschaften Baden-Württemberg im September das Promotionsrecht verliehen. Ab 2023 kann dieser über das dazugehörige Promotionszentrum den Doktorgrad verleihen. Bislang gab es an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAWs) die Möglichkeit, diesen über eine kooperative Promotion zwischen einer HAW wie der HTWG und einer Universität zu erlangen. Was ändert sich nun also? Wie funktioniert die Promotion an der HTWG? Und welche Vorrausetzungen muss man mitbringen, um eine Doktorarbeit zu schreiben?

„Wer eine Promotion anstrebt, sollte für sein Thema brennen und bereit dazu sein, drei bis fünf Jahre mit der Forschung daran zu verbringen“, sagt Géraldine Kortmann, Forschungsreferentin und Referentin des kooperativen Promotionskollegs der HTWG. Freude daran hätten vor allem diejenigen, denen wissenschaftliches Arbeiten Spaß macht, die ihre wissenschaftlich ausgerichtete Masterarbeit noch vertiefen möchten oder die es einfach lieben, den Dingen auf den Grund zu gehen. Denn auf dem Weg zur Promotion beschäftigt man sich über einen langen Zeitraum sehr intensiv mit einem thematisch sauber definierten Spezialthema.

Schon gewusst? Doktorand*innen werden promoviert

Im allgemeinen Sprachgebrauch sprechen wir, wenn eine Person an ihrer Doktorarbeit schreibt, häufig davon, dass sie promoviert. Ursprünglich bezeichnete man mit dem Wort "promovieren" aber die Verleihung des Doktorgrades durch den Prüfungsausschuss am Ende des gesamten Prozesses: Doktorand*innen promovieren also eigentlich nicht, sondern werden promoviert, wenn sie ihre Arbeit eingereicht und erfolgreich verteidigt haben.

Welchen Abschluss brauche ich, um eine Doktorarbeit zu schreiben?

Formal gesehen brauchen alle, die eine Doktorarbeit schreiben möchten, einen „zur Promotion berechtigenden Abschluss“, also in der Regel einen Masterabschluss, der überdurchschnittlich gut sein sollte (mindestens 2,0), je nach Vorgabe der jeweiligen Promotionsordnung. Diesen Abschluss können sie an einer Universität, einer Hochschule für Angewandte Wissenschaften, aber auch an einer Dualen Hochschule erwerben.

„Es gibt an der HTWG zwar forschungsorientierte und anwendungsorientierte Masterstudiengänge, grundsätzlich berechtigen aber beide zur Promotion“, sagt Géraldine Kortmann. Ob ihr eigener Masterabschluss zur Promotion berechtigt, können Interessierte in ihren Studiengangsbeschreibungen nachlesen. Die formalen Voraussetzungen sind in den Promotionsordnungen der Universitäts-Fakultäten aufgeführt, an denen sie promovieren möchten beziehungsweise ab voraussichtlich dem Frühjahr 2023 in den Promotionsordnungen der Forschungseinheiten des Promotionszentrums der Hochschulen für Angewandte Wissenschaften in Baden-Württemberg. Das Promotionszentrum hat vier Forschungseinheiten gebildet: 1. Sozial-, Verhaltens- und Wirtschaftswissenschaften, 2. Lebenswissenschaften, Biotechnologie und Medizintechnik, 3. Informatik und Elektrotechnik sowie 4. Ingenieurwissenschaften.

Zusätzlich spielt die „fachliche Einschlägigkeit“ eine Rolle. Beispielsweise werden – wegen fehlender fachlicher Qualifikation – Masterabsolvent*innen der Wirtschaftswissenschaften nicht für eine Promotion in einer Naturwissenschaft zugelassen und andersherum.

Erfahrungsbericht: Dr. Melanie Huber

Vor etwas mehr als einem Monat wurde Melanie Huber promoviert. Sie hat in einer Kooperation mit der TU Bergakademie Freiberg ihre Doktorarbeit zum Thema "Schatten-IT in Unternehmen" an der HTWG geschrieben. Im Interview hat sie uns von ihren Erfahrungen erzählt:

 

 

Wie kam es zu Ihrer Promotion, Frau Huber?
Ich habe bereits während meines Masterstudiums der Business Information Technology an der HTWG am Konstanzer Institut für Prozesssteuerung an der Hochschule gearbeitet und wurde gefragt, ob ich mir vorstellen kann, meine Tätigkeit dort im Rahmen einer Doktorarbeit fortzusetzen. Eine genaue Vorstellung davon, was das bedeutet, hatte ich zu diesem Zeitpunkt eigentlich noch gar nicht. Mein Bauchgefühl war aber gut und ich habe zugesagt.

Welche Eigenschaften sollte man Ihrer Meinung nach mitbringen, wenn man eine Doktorarbeit schreiben möchte?
Ganz allgemein sollte man Spaß am wissenschaftlichen Arbeiten und Schreiben haben. Zusätzlich braucht man Durchhaltevermögen und die Fähigkeit, mit einer gewissen Unsicherheit zu leben. Denn am Anfang kann man noch nicht wirklich sehen, wie das Endprodukt aussehen wird. Ich habe zudem kumulativ promoviert, das heißt meine Doktorarbeit bestand aus mehreren Artikeln, die ich in Fachmagazinen veröffentlichen musste. In der Regel werden diese erst nach einigen Feedbackrunden durch unabhängige Gutachter*innen, die auf demselben Fachgebiet forschen, angenommen. Die Kritik bringt einen weiter, man braucht im Umgang damit aber auch eine gewisse Dickhäutigkeit. Ebenso muss man ein Selbstbewusstsein dafür entwickeln, die eigene Expertise auch zu zeigen.

Welche Tipps haben Sie für Doktorand*innen, die gerade erst mit Ihrer Arbeit starten?
Besonders wichtig ist es meiner Meinung nach, sich von Anfang an mit anderen Doktorand*innen zu vernetzen, die die eigenen Erfahrungen teilen. Das Promotionskolleg der HTWG hilft einem dabei.

 

Noch mehr Tipps von Melanie Huber gibt es in unserem "Mini-Podcast":

Sind Anwendungsorientierung und Forschung Gegensätze?

Eine Doktorarbeit an einer Hochschule für Angewandte Wissenschaften anzufertigen bedeutet, an praxisnahen Forschungsfragen zu arbeiten. Zuweilen kooperieren Doktorand*innen auch mit Unternehmen, die Forschungsthemen vorschlagen und Daten zur Verfügung stellen, weil sie sich neue Erkenntnisse für die Entwicklung ihrer Produkte oder Dienstleistungen wünschen. Dabei kann es notwendig sein, zwischen den Forschungsergebnissen der Promotion, die der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden (müssen) und Betriebsgeheimnissen der Firmen zu unterscheiden und über einen Kooperationsvertrag im Vorfeld Interessenkonflikte zu vermeiden.

Anwendungsorientierte Forschung bedeutet jedoch nicht, dass diese im Grundsatz eine andere Art oder andere Methoden der Forschung mit sich bringt als die sogenannte Grundlagenforschung! Das Renommee anwendungsorientierter Forschung und die Nachfrage ist in den vergangenen Jahren zudem stark gestiegen. Sie wird gebraucht, da ihr technischer, gesellschaftlicher, wirtschaftlicher oder sozialer Nutzen unmittelbarer ist als der der Grundlagenforschung. „Viele Probleme, so auch die Klimakrise warten nicht, bis Lösungen erarbeitet und umsetzbar sind“, nennt Géraldine Kortmann als Beispiel.

Über welche Themen kann ich eine Doktorarbeit schreiben?

Wer eine Doktorarbeit schreiben möchte, braucht ein Promotionsthema, das einen neuen Beitrag zur Wissenschaft leistet. Das heißt, dass noch keine anderen Wissenschaftler*innen zur gleichen Forschungsfrage geforscht haben dürfen und noch keine anderen Doktorand*innen eine Dissertation zu genau dem gleichen Thema veröffentlicht haben dürfen.

Aber: „Eine neue Hypothese kann bereits in einer Detailfrage liegen. Eine Fragestellung kann aus einer anderen Perspektive, mit einer anderen Untersuchungsmethode oder mit anderen theoretischen Rahmen bearbeitet werden“, erläutert die Referentin des kooperativen Promotionskollegs.

Beispielsweise haben sich vielleicht schon andere Doktorand*innen damit beschäftigt, wie es verfahrenstechnisch möglich ist, Obst und Gemüse durch Trocknung haltbar zu machen und dabei möglichst viele Vitamine zum Beispiel in Äpfeln zu erhalten oder die Farbe des Ursprungsproduktes beizubehalten, aber noch niemand damit, wie die zu trocknenden Äpfel möglichst weich werden oder wie das Gleiche mit anderen Obst- und Gemüsesorten, insbesondere zur Haltbarmachung von Lebensmitteln in Schwellenländern, funktioniert.

Dass ihr Thema in der Art, in der sie es in ihrer Dissertation untersuchen möchten, noch nie erforscht wurde, müssen Bewerber*innen in einem Exposé darlegen, das sich auch ausführlich mit der vorhandenen Literatur zu ihrem Thema und dem aktuellen Stand der Forschung und Technik auseinandersetzt.

Wie bewerbe ich mich als Doktorand*in?

Mit einem Exposé können sich Interessierte an der HTWG bislang beim kooperativen Promotionskolleg bewerben, wenn sie dort aufgenommen werden und an dessen Weiterqualifizierungsangeboten teilnehmen möchten. Das kooperative Promotionskolleg kann auch fachlich geeignete potenzielle Betreuer*innen vermitteln. Eine direkte Anfrage bei Professor*innen ist natürlich auch möglich, wenn diese eine Kooperation mit einer Universität anbieten können. Dieses Verfahren wird auch in Zukunft alternativ zum neuen zur Verfügung stehen.

Das Exposé wird von fachlich passenden Professor*innen geprüft, die die Arbeit betreuen könnten. Zusätzlich müssen Interessierte bei einer kooperativen Promotion eine Bewerbung um Annahme als Doktorand*in an einer Universität einreichen. Der dortige Promotionsausschuss prüft sie formal und spricht die Annahme oder Ablehnung aus. Während der Arbeit an der Doktorarbeit nehmen Professor*innen der HTWG dann die Rolle der Co-Betreuenden ein und Professor*innen der kooperierenden Universität die der Hauptbetreuenden. An der Universität immatrikulieren sich die Doktorand*innen, während sie als Mitglieder des Promotionskollegs an der HTWG einen Angehörigenstatus erhalten und damit vor Ort unfallversichert sind und Zugang zu den Services der Bibliothek und des Rechenzentrums erhalten.

Ab voraussichtlich Frühjahr 2023 kann auch das Promotionszentrum Baden-Württemberg Kandidat*innen als Doktorand*innen annehmen. Betreut werden können diese an der HTWG dann von aktuell fünf Professor*innen, die Mitglied im Promotionszentrum des Verbands der Hochschulen für angewandte Wissenschaften Baden-Württemberg sind, und einer oder einem Co-Betreuenden an der Hochschule. Dabei werden sie als Doktorand*innen an der Hochschule eingeschrieben werden.

Unterstützung bei der Prüfung ihrer Promotionsidee und dem Erstellen eines Exposés erhalten Interessent*innen zum Beispiel beim kooperativen Promotionskolleg der HTWG. Die Einrichtung der Hochschule gibt Doktorand*innen die Möglichkeit, neben der Arbeit am eigenen Promotionsprojekt diese regelmäßig in einem Kreis von Kollegiat*innen zu präsentieren und an einem weiterqualifizierenden Lehrprogramm teilzunehmen. Bewerber*innen, die eine Promotionsidee und bereits eine*n Betreuenden dafür haben, können ebenfalls bis zu zwei Jahre Mitglied werden.

„In dieser Zeit können Interessierte an ihrem Exposé arbeiten, im Fall einer kooperativen Promotion einen Kooperationspartner suchen, ihre methodischen Fähigkeiten weiterentwickeln, netzwerken und vielleicht schon eine Veröffentlichung anstreben, um zu testen, ob ihnen das wissenschaftliche Arbeiten wirklich liegt“, sagt Géraldine Kortmann.

Wie finanziere ich meine Promotion?

Und wie finanzieren sich Doktorand*innen? An der HTWG und anderen Hochschulen für Angewandte Wissenschaften schreiben sie ihre Doktorarbeit in der Regel in ihrer Freizeit, während sie eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeitende in einem Forschungsprojekt an der Hochschule haben oder einem Beruf außerhalb der Hochschule nachgehen. Im Fall der Mitarbeit in einem Forschungsprojekt ist es aber üblich, dass sie ihre Doktorarbeit über einen Teilaspekt des Projekts schreiben und sich Erwerbsarbeit und Promotion sehr gut ergänzen.

Wenn sie nicht in einem Forschungsprojekt an der Hochschule arbeiten oder berufsbegleitend promovieren, haben Doktorand*innen auch die Möglichkeit, sich über Stipendien zu finanzieren. So können sie sich ganz auf ihre Dissertation konzentrieren. Denn „die Doktorarbeit berufsbegleitend zu schreiben, ist besonders herausfordernd“, gibt die Forschungsreferentin zu bedenken.

Wo arbeite ich später, wenn ich promoviert bin, und welche Verdienstaussichten habe ich?

Für wen also lohnt es sich, zu promovieren? Ursprünglich waren Promotionen an Universitäten der Qualifizierungsweg, um eine akademische Laufbahn einzuschlagen, in der Regel mit dem Ziel der Professur. An einer Universität ist dafür nach der Promotion noch eine weitere wissenschaftliche Qualifikation, die Habilitation, nötig. Für eine Professur an einer Hochschule für Angewandte Wissenschaften müssen Bewerber*innen neben der Promotion eine mehrjährige Berufspraxis mitbringen. Ob sie diese vor oder nach der Promotion gesammelt haben, spielt dabei keine Rolle.

Auch das Ziel einer Professur steht Interessierten mit einer kooperativen Promotion mit einem sehr guten Abschluss offen. Aber auch in Unternehmen in der Industrie gibt es zum Beispiel Forschungs- und Entwicklungsabteilungen, für die Absolvent*innen mit Doktortitel besonders qualifiziert sind. „Professor*innen verdienen in der Regel zwar weniger als Ingenieur*innen in der Industrie. Dafür haben sie einen wesentlich höheren beruflichen Gestaltungsspielraum“, sagt Géraldine Kortmann.

Besonders geeignet für eine Professur an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften seien Kandidat*innen, die gerne lehren. Denn die Lehre macht einen großen Teil einer Professur an einer Hochschule für Angewandte Wissenschaften aus. Zusätzlich können Professor*innen an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften weiter forschen, indem sie Forschungsmittel einwerben und Projekte an der Hochschule durchführen. Die Erkenntnisse daraus fließen wiederum in die Lehre ein.

Weiterführende Informationen über den Bewerbungsprozess, die Finanzierung einer Promotion, Berufsaussichten sowie weitere Fragen und Antworten für Interessierte finden Sie im FAQ des Promotionskollegs.

Titelfoto: Philipp Uricher